Helge Achenbach: Kulturhof bietet Brücke in ein neues Leben

Ehemaliger verurteilter Kunstberater : Helge Achenbachs Kulturhof soll verfolgten Künstlern Obdach geben

Helge Achenbach war mal der Held der internationalen Kunstszene. Ein kleines gerahmtes Foto bei ihm erinnert noch daran. Doch dann betrog er seinen reichsten Kunden und kam ins Gefängnis. Jetzt probiert er auf anderem Weg, ein Held zu werden - mit der „Brücke in ein neues Leben“.

Helge Achenbach (66) schaut aus dem kleinen Fenster einer Gefängnistür. Sein Glück: Die Tür ist nicht mehr in Betrieb, sie ist jetzt ein Kunstwerk. Ein Maler hat darauf die zerstörte syrische Stadt Aleppo abgebildet. Nun steht das Werk auf Achenbachs Kulturhof.

Der einstige Kunstberater der Reichen und Schönen hatte den 2012 gestorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht beim Kauf von Kunst und Oldtimern durch versteckte Preisaufschläge betrogen. Dafür wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Anfang Juni kam er nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe wieder frei. Seitdem engagiert er sich für verfolgte Künstler. Ein Unternehmer hat ihm dafür einen leerstehenden Bauernhof bei Düsseldorf zur Verfügung gestellt. Es ist seine „Brücke in ein neues Leben“, wie er sagt.

Am Niederrhein ist das Land so flach, dass jeder Maulwurfshügel Schatten wirft. Obstbäume, Hochspannungsmasten, eine Kiesgrube, am Horizont eine Autobahn. Und dazwischen: ein Hof aus dunklem Backstein.

In der Küche wischt Achenbach den Tisch ab. Hier haben eben noch Gäste aus der Ukraine gefrühstückt. Dann muss er spülen. „Hätte ich mir früher auch nicht gedacht, dass ich das hier mal machen würde“, lacht er. „Aber das habe ich im Gefängnis gelernt, sogar Toilettenputzen. Sehr nützlich.“

Der Kulturhof mit Ateliers und Wohnungen soll ein sicherer Hafen für verfolgte Künstler sein. „Die Idee ist entstanden in der schwersten Stunde meines Lebens, im Gefängnis“, erzählt er. „Im Fernsehen hab' ich gehört, dass Putin die Pussy-Riot-Band verhaftet hatte. Da habe ich mir gedacht: Wenn ich noch einmal einen neuen Schritt in meinem Leben tun kann, dann will ich an dieser Stelle helfen.“

Geld hat er nicht mehr, dafür 16 bis 20 Millionen Euro Schulden. Aber er hat noch eine ganze Reihe alter Freunde. Und viele Menschen aus der Umgebung des Hofs haben sich spontan solidarisch erklärt: Bauern brachten Gemüse, Nachbarn stellten einen Gabelstapler zur Verfügung oder spendeten Bäume zur Bepflanzung. „Für jemanden, der so narzisstisch ist wie ich, war das eine tolle Erfahrung: Die Leute helfen mir - auch wenn ich nicht mehr der große Zampano bin.“

Ein altes Scheunentor quietscht im Wind. In den ehemaligen Stallungen arbeitet Yahia Alselo (66) an einem abstrakten Gemälde. Den Kulturhof findet er „super“, sagt der syrische Kurde, der in Aleppo studiert hat. Die aus Litauen stammende Malerin Evelina Velkaité (36) beschäftigt sich mit dem Thema „verlorene Heimat“ und ist deshalb auf den Hof eingeladen worden. Achenbach sei „sehr fordernd“, sagt sie, „im positiven Sinne“. Er will, dass sie sich weiterentwickelt. Schließlich ist der Aufenthalt auf dem Hof nur vorübergehend. Und der Kunstmarkt ist hart.

Einen sicheren Hafen benötigt Achenbach auch selbst: Seine Gläubiger versuchen ständig, ihn zu pfänden, dabei, so sagt er, sei bei ihm schon lange nichts mehr zu holen. Auch deshalb wohnt er nicht auf dem Hof, sondern hat gleichsam Asyl bei Günter Wallraff in Köln-Ehrenfeld bekommen. „Helge Achenbach ist kein Unschuldslamm“, sagt der Undercover-Journalist. „Aber er hat aus seinen Fehlern gelernt – davon bin ich überzeugt. Und jetzt ist er mit viel Engagement dabei, einen Rückzugsort für verfolgte Künstler zu schaffen. Der Hof gehört ihm allerdings nicht, das birgt ein gewisses Risiko. Ich hoffe sehr, dass die Initiative dennoch auf Dauer gesichert werden kann.“

Träger des Kulturhofs ist der Verein „Kultur ohne Grenzen“. Im Beirat sitzen unter anderem ein Museumschef, ein Diakonie-Vorsitzender und das ehemalige Vorstandsmitglied einer Versicherung. Kassenwart ist eine Künstlerin. „Ich habe gesagt: Ich, Helge Achenbach, möchte keinen Kassenschlüssel haben.“

Demnach legt er durchaus ein gesundes Misstrauen gegen sich selbst an den Tag - auch wenn er immer wieder betont, dass ihm Geld nichts mehr bedeutet. „Ich wollte immer alles haben, immer größer, immer weiter. Heute weiß ich: Braucht man alles nicht.“

Vielleicht stimmt das wirklich, aber es gibt etwas anderes, das er durchaus weiter braucht. Beim Rundgang durch den Hof zeigt er einmal ein kleines gerahmtes Foto, das ihn auf dem Höhepunkt seines Erfolgs mit dem Direktor des Museum of Modern Art in New York zeigt. Auf dem Rahmen steht: „Unser Held!“ In die internationale Kunstszene wird er wohl nicht mehr zurückkehren. Aber ein Held möchte er gerne wieder sein.

(dpa)
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