Nach dem Tod der eigenen Eltern Das Weihnachten der Erinnerungen

Für unseren Autor war es in diesem Jahr der erste Heiligabend ohne seine Eltern. Sie prägten für ihn die Traditionen des Festes – und diese spenden trotz der Trauer tröstliche Momente.

 Horst Thoren, stellvertretender Chefredakteur, im Alter von neun Jahren vor dem Weihnachtsbaum und der Krippe. Seine Mutter notierte ihr Rezept für Schneeflöckchen auf einem Kassenzettel.

Horst Thoren, stellvertretender Chefredakteur, im Alter von neun Jahren vor dem Weihnachtsbaum und der Krippe. Seine Mutter notierte ihr Rezept für Schneeflöckchen auf einem Kassenzettel.

Foto: Backes, Toni

Ich dachte schon, Weihnachten wäre für mich gestorben – mit dem Tod meines Vaters, der wenige Tage nach dem Christfest vor einem Jahr für immer die Augen schloss. Meine Mutter war 2015 gestorben. Nun fehlt mir, was 59 Jahre meines Lebens den Lichterglanz überstrahlte – die spürbare Liebe meiner Eltern. Sie gaben mir die größten Geschenke meines Lebens, deren wahrer Wert sich erst nach ihrem Tod für mich erschloss: Aufmerksamkeit, Fürsorge, Geborgenheit.

Der „kleine Horst“ war ihnen wichtig, blieb für Vater bis zuletzt Herzenssache. Selbst dann noch, als er schwach, um Luft ringend auf dem Krankenbett lag und trotz seines Leidens stets fragte: Wie geht es dir? Er wollte es wirklich wissen und freute sich, wenn ich selbst nach der Weihnachtsfeier im Kollegenkreis spätabends zu ihm kam und seine Hand hielt: „Sagenhaft, du vergisst mich nicht.“ Dann schickte er mich aber auch bald schon ins Bett: „Du bist bestimmt müde.“ Ich war und blieb (trotz fortschreitenden Alters) sein lieber Junge und er – obwohl nahezu 90 Jahre alt und sterbenskrank – der Vater, der sich sorgt.

Dieses ewige Kindsein, das uns auch als Erwachsene zu den Eltern „Papa“ und „Mama“ sagen lässt, bestimmt für viele bis zuletzt Verhalten und Verhältnis. Gerade zu Weihnachten. Und das macht es für mich so schwer, die windschiefe Familienkrippe vom Speicher zu holen oder Mamas „wertvolle“ Christbaumkugeln auszupacken. Einen richtigen Weihnachtsbaum gibt es diesmal auch nicht. Es fehlt Mutters mahnender Hinweis: „Diesmal bitte ein schöner Baum! Nur nicht so groß!“ Und doch habe ich in diesen Tagen immer wieder vor Augen, wie das Fest bei uns war: schön. Anstrengend. Ich sehe wie in der weihnachtlichen Fernsehwiederholung (alle Jahre wieder „Der kleine Lord“) die bewegten Bilder aus Küche und Wohnzimmer, aus Laden und Kirche.

Das Beten hat Mutter gern schon mal delegiert. Gerade zu Weihnachten. Sie bereitete das Essen vor (Schinkenröllchen mit Spargel aus dem Glas), während wir den Kampf um den Sitzplatz in der Kirche aufnahmen. Meist saßen wir dann in der letzten Reihe – auf Vaters Lieblingsplatz über der Heizungslüftung. Der Erfolg wärmte gleich doppelt. Wieder zu Hause wurde gegessen. Und dann kam von Mutter, was sie an Heiligabend immer sagte: „Sollen wir denn mal gucken, was das Christkind gebracht hat?“ Und Vater widersprach: „Aber erst wird gesungen.“

 In den 1970er Jahren im Wohnzimmer zwischen seinen Eltern Gertrud und Heinz.

In den 1970er Jahren im Wohnzimmer zwischen seinen Eltern Gertrud und Heinz.

Foto: privat

Als Kind wusste ich lange vor Heiligabend, was die meisten meiner Schulkameraden zu Weihnachten geschenkt bekamen. Denn das Christkind (vertreten durch Mütter und Omas) kaufte häufig im Dorfladen meiner Mutter ein. Ich durfte daneben stehen, habe aber nie etwas verraten. Das war mein großes Geheimnis!

Mein Glauben ans schenkende Christkind geriet allerdings in Gefahr. Und als ich dann selbst am ersten Weihnachtstag einen Schlitten (damals war „White Christmas“ garantiert) unterm Tannenbaum vorfand, war mir sofort klar: „Der kommt aus dem Laden.“ Mein Vater blieb die Ruhe selbst und schickte mich, mal nachzuschauen. Oh Wunder! Das Ausstellungsstück, das ich über die Adventswochen bewundert hatte, stand unverändert auf seinem Platz am Schaufenster. Der Kinderglaube war gerettet.

Das gelang wohl auch, weil das Jesuskind tatsächlich da war. Es lag bei uns in der klapprigen Krippe, behütet von Jesus und Maria, umringt von Esel und Ochs (Letzterer mit drei Beinen; eins hatte er beim Spielen verloren), von Schafen, Schäferhund und Schäfern und uns. Denn es gehörte zu Papas Weihnachtsgeschichte, dass wir das Christkind nach Hause holen und beherbergen. Und wie die Hirten auf dem Felde (und später die drei Könige aus dem Morgenland) müssten auch wir dem Kind eine Freude machen, so sagte er. Dann spielte er mit mir Blockflöte. Wenn ich daran denke, höre ich noch immer die schiefen Töne und meine Mutter singen „Oh, du fröhliche“.

 Die Familie ist nun nur noch als Marionetten komplett.

Die Familie ist nun nur noch als Marionetten komplett.

Foto: Horst Thoren

Das alles bleibt – und die Erinnerungen versöhnen mich mit Weihnachten. So kann ich die Gedanken an die Festtage vor einem Jahr ertragen. Mein Vater ist nicht mehr, aber neben seinem Leiden habe ich immer öfter sein Lächeln vor Augen, das mir Zuversicht vermittelt. Es tröstet sogar, die liebevollen Erinnerungen gemeinsam erlebter Weihnachten wachzurufen! Jetzt gilt es, die Weihnachtsfreude weiter zu vermitteln, die uns die Eltern bereitet haben und das so nachhaltig Erlebte weiter zu schenken!

So ist das Weihnachten mit meinen Eltern zwar mit ihnen gestorben. Aber dennoch freue ich mich heute auf eine „Stille Nacht“, auf den „Teller Lecker“ (mit luftig-leichten „Schneeflöckchen“ nach dem Rezept meiner Mutter) und auf die Geborgenheit im Kreis der Familie, an der Seite eines geliebten Menschen. Und ich weiß, mein Vater würde sich ebenfalls freuen, wenn ich ihm heute in seinem unerschütterlichen Glauben (an die Zukunft und das Heil der Menschen) zuversichtlich, froh und vorwärtsgewandt folge. Und wirklich frohe Weihnachten feiere!

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