Hambacher Forst: So ist das Leben in einer Baumhaussiedlung

Aktivist im Hambacher Forst im Interview : „Es wird eine Wiederbesetzung geben - das ist klar“

Sie protestieren seit Jahren gegen das Abholzen des Hambacher Forstes: Wir haben mit einem der Umweltaktivisten gesprochen, der diese Woche sein Baumhaus verlassen musste - über das Leben im Wald, den Polizeieinsatz und den aktuellen Todesfall.

Einen Tag nach dem tödlichen Unfall im Hambacher Forst wirken die Aktivisten müde und mitgenommen. Viele leben seit Jahren im Wiesencamp oder in einem der Baumhäuser - ein Unfall wie dieser ist noch nie passiert. Wir haben mit einem 25-Jährigen gesprochen, der sein Baumhaus Anfang der Woche räumen musste, bevor es zerstört wurde. Der Mann, der sich Rosa nennt, lebte eineinhalb Jahre in den Baumwipfeln.

Aktivisten trauern an der Unfallstelle im Hambacher Forst

Wie geht es dir und den anderen Aktivisten nach dem tödlichen Unfall in „Beechtown“?

Rosa Ich bin total betroffen und kann noch gar nicht verarbeiten, was passiert ist. Es ist unglaublich traurig, dass dieser ohnehin schon gefährliche Einsatz nun so einen traurigen Höhepunkt erreicht hat. In den sechs Jahren, in denen es die Baumhaussiedlungen nun gibt, ist nie etwas Größeres passiert. Und jetzt gibt es diesen krassen Einsatz, der die Leute nicht nur psychisch, sondern auch physisch in die Enge treibt. Bei uns allen hat der Einsatz extremen Stress verursacht. Das bringt die Leute auch dazu, Risiken einzugehen, die sie sonst vielleicht nicht eingegangen wären – und die sie vielleicht nicht mehr kontrollieren können. Für mich ist es kein Zufall, dass der Unfall jetzt geschehen ist. Auch wenn die Polizei nicht direkt im Baumhaus gewesen ist, die Räumung von Beechtown lief. Komplett losgelöst von dieser Räumung kann man das Unglück nicht betrachten.

Wie lange hast du im Hambacher Forst gelebt?

Rosa Ich habe eineinhalb Jahre zwischen „Oaktown“ und „Gallien“ gelebt, mit Urlaub zwischendurch.

Was bedeutet das Leben im Wald für dich?

Rosa Das Leben im Wald hat uns politisch die Augen geöffnet. Wir haben verstanden, wie Klimawandel, Umweltzerstörung, Konzerninteressen, Arbeiterrechte und Feminismus zusammenhängen. Gleichzeitig ist es eine unglaubliche Gemeinschaft, die sie nicht zerstören können, nur weil sie ein paar Baumhäuser zerstören. Wir versuchen, uns hier anders zu organisieren als in der normalen Welt. Wir versuchen, ohne Hierarchien auszukommen, dass alle gleichberechtigt sind. Wir versuchen alle Güter zu teilen. Wir sind gegen die Braunkohle und gegen die Zerstörung des Waldes hier, aber gleichzeitig geht es um ein größeres Bild. Wir versuchen eine Alternative aufzubauen.

Wie bist du zum Hambacher Wald gekommen?

Rosa Ich hatte definitiv Interesse an Umweltthemen und hatte mich umweltpolitisch engagiert. Ich bin dann mal auf die eine oder andere Demo gegangen oder habe bei einer politischen Gruppe mitgemacht. Es war noch kein Lebensinhalt, ich habe dann zufällig vom Hambacher Wald gehört. Ich bin hingefahren und gleich dageblieben, weil es sich so angefühlt hat, als wäre hier der Ort, an dem ich meine politischen Überzeugungen komplett umsetzen kann. Ich kann meine ganze Energie in eine Arbeit stecken, die sich so sinnvoll anfühlt.

Was empfindest du, wenn du den Einsatz hier siehst?

Rosa Ich bin unglaublich stolz auf das, was wir über die Jahre hier aufgebaut haben und wie der Widerstand gewachsen ist. Vor zwei Jahren hat ein Großteil der Leute in Köln nichts vom Hambacher Wald gewusst. Inzwischen ist es ein Thema, das in der ganzen Gesellschaft angekommen ist. Beim letzten Waldspaziergang waren mehrere Tausend Teilnehmer. Wir haben es geschafft, über den Wald, der einen krassen Symbolfaktor hat, die Themen Braunkohle und Klimawandel nach vorn zu bringen. Aber ich bin auch traurig darüber, dass unser Zuhause zerstört wurde.

Wie lief die Räumung ab?

Rosa Es war schon die ganzen letzten Wochen ein Belagerungszustand. Ich bin jeden Morgen relativ nervös aus dem Bett hochgeschreckt und habe dann alle Handys und Funkgeräte eingeschaltet. Die ganze Zeit herrschte totale Anspannung, wann der Einsatz wohl losgeht. Es hat mich traurig gemacht, zu sehen, dass es auch unter den Polizisten viele gibt, die das Ganze kritisch hinterfragen.

Als die Polizisten dann angefangen haben, zu räumen, waren sie relativ schnell bei uns. Sie hatten schon eine große Schneise gerodet und sind mit den schweren Maschinen reingefahren. Ich bin ganz oben in die Krone geklettert. Da haben sie mich dann mit der Hebebühne abgeholt.

Und was haben die Polizisten gesagt?

Rosa Sie haben eher Smalltalk gehalten und gesagt: Wir machen hier nur unseren Job. Die Kletterpolizisten waren nicht so aggressiv wie vielleicht manche Bereitschaftspolizisten. Sie haben klargemacht: Wenn du keine krasse Gegenwehr leistest, dann üben wir auch keine Gewalt aus.

Wie ist es, über mehrere Monate in einem Baumhaus zu schlafen? Krabbelt da auch mal ein Eichhörnchen rein?

Rosa Klar, wir sind in der Baumkrone. In meinem Baumhaus haben auch mehrere Haselmäuse gelebt, die haben sich dann bei der Müslitüte immer was abgezogen. Das ist auch eine der geschützten Tierarten im Hambacher Wald, wir haben dort auch Fledermäuse und den Mittelspecht.

Wie desillusioniert bist du angesichts der Tatsache, dass die Rodung wohl nicht mehr zu verhindern ist? Also denkst du: Es hat alles nicht geholfen?

Rosa Ich denke so nicht. Ich bin desillusioniert im Bezug auf die aktuelle Politik. Wir nehmen die Dinge deshalb selbst in die Hand und schreiben nicht nur nette Briefe an die Abgeordneten und machen alle drei Monate mal eine Demo. Wir besetzen den Wald und sorgen mit unserer Anwesenheit dafür, dass das Roden erschwert wird. Seit einer Woche wird geräumt, es ist der größte Polizeieinsatz und der teuerste, den NRW bisher organisiert hat. Wir haben viel Aufmerksamkeit. Die Bewegung ist stark gewachsen. Ich denke, vielen Leuten ist klar geworden, dass es vor allem um die Interessen eines bestimmten Konzerns geht.

Wie geht es für dich weiter?

Rosa Das weiß ich nicht. Ich werde hier erstmal in den nächsten Wochen in der Nähe bleiben. Jetzt zurück in die Stadt zu ziehen, einen 40-Stunden-Job zu machen und ein normales Leben zu leben, kommt einem so absurd vor, wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit wir die Welt gegen die Wand fahren. Es gibt in Europa ja noch genug andere Projekte. Mal sehen. Was Hambach betrifft: Es wird eine Wiederbesetzung geben. Das ist klar.

Das Gespräch führte Claudia Hauser