Hambacher Forst in NRW: Der Beginn der Räumung durch die Polizei

Räumung im Hambacher Forst: Der schwere Weg der Polizei

Weit kamen die Polizisten nicht. Der erste Tag der Räumung im Hambacher Forst machte klar, dass der Einsatz eher noch Wochen als Tage dauern wird. Das hat auch damit zu tun, dass auf beiden Seiten Profis arbeiten.

Am Donnerstagmittag läuft die Polizei den Weg schon mal im Schnelldurchgang entlang, den sie bald noch einmal und dann viel langsamer gehen wird. Viel, viel langsamer. Hinein in den Hambacher Forst geht sie in Zweierreihen, in schwerer Montur, vorbei an den Löchern, Holzhaufen und Baumstämmen, die die Aktivisten auf den Weg gelegt haben. Sie laufen, bis ans andere Ende des Waldes, wo ein Bagger weitere Hindernisse aus dem Weg räumen soll. Wer den Weg weitergeht, kommt in den Braunkohletagebau, knapp zehn Kilometer von Kerpen entfernt.

Doch die Polizisten wollen den Wald nicht durchschreiten, sondern räumen, damit RWE hier irgendwann roden kann, um Braunkohle abzubauen. Knapp 200 Hektar Wald sind noch geblieben. Weil sich Dutzende Aktivisten in Dutzenden Baumhütten verschanzt haben, teilweise hoch in den Bäumen, muss mit Hebebühnen ausgestattetes, schweres Gerät durch den Wald kommen. Nur so gelangt die Polizei an die Aktivisten, wenn diese nicht freiwillig gehen. Und für diese Fahrzeuge müssen viele Hindernisse beseitigt werden.

Räumung im Hambacher Forst: Polizei geht energisch gegen Aktivisten vor

Wie lange das dauert, zeigt sich gleich am ersten Tag der Räumung. Das nordrhein-westfälische Bauministerium hat die Stadt Kerpen am Vorabend aufgefordert, die Baumhäuser zu räumen. Weil der Brandschutz in den Hütten nicht gewährleistet sei. So die offizielle Begründung. Polizei und die Mitarbeiter eines Industrie- und Werkschutzes müssen schon am Donnerstagmorgen Meter um Meter vorgehen. Gleich am Waldrand haben einige Aktivisten eine Sitzblockade gebildet. Die Polizei muss jeden einzelnen aus dem Wald ziehen, denn freiwillig geht keiner. Aus der Luft schallt es, „Ihr sollt euch schämen“ und „Sie wollen alles töten, was im Wald ist“. „Die Räumung wird nicht in drei Tagen gegessen sein“, sagt ein Polizeisprecher.

Hoch oben haben sich Aktivisten platziert. Einer sitzt auf einem einzelnen Baumstamm, einem so genannten Monopod, dahinter hocken mehrere Aktivisten auf einer Holzplattform, die durch mehrere überkreuzte Pfähle gestützt wird. Erst dahinter folgt die erste Baumhütte. Die Stimmung ist angespannt, aber ruhig. Nur ab und zu ruft es durch den Wald, „Haut ab“ oder „Stoppt den Wahnsinn“. Die Polizei hat das Gebiet um die ersten Hindernisse mit einem weiß-roten Band abgesperrt. Eine junge Aktivistin rennt von außen hinein, auf den Monopod zu. Mehrere Polizisten stoppen sie, drücken sie auf den Boden. Ihre Hände werden auf dem Rücken gefesselt, dann ziehen Polizisten sie aus dem Wald. Der junge Mann auf seinem Baumstamm seilt sich hinüber auf die Plattform, als sich die Polizisten mit einer Hebebühne nähern.

Es ist ein Tempo, an das sich die Polizisten gewöhnen müssen. Denn auf beiden Seiten arbeiten Leute, die ihr Handwerk verstehen. Polizei und RWE haben kein Interesse an Bildern, die die Öffentlichkeit gegen sie aufbringen können. Zudem können sie auch nicht - übertrieben gesprochen - die Bäume fällen, in denen die Hütten stehen, und den Wald platt machen. Wer etwas Positives aus diesem Tag ziehen möchte, der kann hier den Rechtsstaat am Werk sehen, der die Räumung so in die Länge zieht. Die Aktivisten wissen, dass es Regeln gibt, an die sich die Polizei halten muss. Das nutzen sie. Mehrere Eilanträge, die die Räumung stoppen sollen, liegen dem Verwaltungsgericht Köln vor.

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Viele der Aktivisten sind Profis. Sie wollen es Polizei und RWE so schwer wie möglich machen. So wie der junge Mann, der sich nur Clumsy nennt und im Camp Oaktown wohnt, einige hundert Meter vom Polizeieinsatz entfernt. Er ist Österreicher, seit sechseinhalb Jahren im Hambacher Forst. Im Flughörnchen-Kostüm gibt er Journalisten ruhig und abgeklärt Auskunft. „Der Kampf wird weitergehen“, sagt er. Er rechnet damit, dass die Räumung mehrere Wochen dauern wird. „So ein Hindernis ist schnell wieder aufgebaut“, sagt er vielsagend. Dutzende Hütten sind in mehreren Camps im Forst verteilt, teilweise riesige Bauten, versehen mit Bannern wie „Hambacher Forst bleibt Risikokapital“ und „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat.“ Der Protest ist links und überwiegend jung.

Clumsy kündigt an, dass sie bei der Räumung defensiv vorgehen werden. Und tatsächlich kommt es zumindest an diesem Tag kaum zu körperlicher Gewalt, der Widerstand ist zumeist passiv, aber entschlossen. Ein Polizist wird von einem Stein am Bein getroffen, aber sogar ein Sprecher der Polizei sagt: „Wir sind froh, dass es heute relativ gewaltfrei verlaufen ist.“ Wenig später teilt die Polizei allerdings via Twitter mit, dass eines ihrer Fahrzeuge aus dem Wald heraus mit zwei Molotowcocktails beworfen wurde. Verletzt wurde niemand.

Ob das eine Ausnahme bleiben wird oder die Lage sich verschärft, ist unklar. „Das wird den Politikern richtig um die Ohren fliegen“, sagt eine Frau, die die Räumung am Flatterband beobachtet. „Das wird eskalieren.“ Doch noch hat keine Seite wirklich Lust auf Eskalation. Am Nachmittag verliest ein Mitarbeiter vom Bauordnungsamt des Kreises Düren durchs Megafon stockend eine Mitteilung an Aktivisten, die über ihn in weiteren Baumhäusern thronen. Sie hätten die Hütten in 30 Minuten zu verlassen. Es könnte ein Loriot-Sketch auf die Bürokratie in Deutschland sein.

Selbstverständlich kommt nach 30 Minuten niemand von seinem Baum herunter. Die Hütte hängt in knapp 20 Metern Höhe. Ohne Hebebühne kann die Polizei hier nichts ausrichten. Und die ist noch weit weg. Selbst am späten Nachmittag hat sie es kaum 50 Meter in den Wald geschafft. „Hambi bleibt“, das ist der Slogan der Aktivisten. Zumindest noch eine ganze Weile.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Polizei räumt Baumhäuser im Hambacher Forst

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