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Nordrhein-Westfalen: Grundschüler müssen zum Fitness-TÜV

Nordrhein-Westfalen : Grundschüler müssen zum Fitness-TÜV

Viele Kinder können nicht mehr gut springen oder balancieren. In Nordrhein-Westfalen sollen Grundschüler ihre Beweglichkeit unter Beweis stellen. Die Fraktionen im Landtag haben sich jetzt auf Motorik-Tests in 25 Kommunen verständigt.

Einen Ball fangen, ein Wasserglas sicher abstellen, einen Tisch umrunden, ohne anzuecken: Das kann ein Großteil der Grundschüler heute nicht mehr, sagt die Leiterin der Düsseldorfer Adolf-Klarenbach-Schule, Susanne Hartwig-Bock. "Viele Kinder stolpern durchs Leben", sagt die Pädagogin. Sie seien es schlicht nicht mehr gewohnt, sich zu bewegen. "Sie müssen erst im Sportunterricht lernen, zu balancieren oder zu springen." Die Freizeit werde kaum noch draußen mit Klettern, Hüpfen oder Ball spielen verbracht. "Wir erleben häufig, dass sich Kinder nicht mal trauen, von einer 40 Zentimeter hohen Turnbank zu springen."

Ab August soll es in NRW für Grundschüler motorische Tests geben. Für dieses Projekt in zunächst 25 Kommunen haben sich gestern im Sportausschuss des Landes Vertreter von SPD und Grünen sowie CDU und FDP ausgesprochen und auf weitere Gespräche verständigt. Umsetzen sollen das Projekt federführend die Städte, zusammen mit den Schulen, dem Stadtsportbund und Vereinen. Die Kommunen können sich dafür bewerben und sollen selbst entscheiden, in welchem Schuljahr der Grundschule die Tests durchgeführt werden. Die Finanzierung tragen Land und Landessportbund. "Die Bewegungsarmut bei Kindern hat stark zugenommen, wir müssen dem entgegensteuern", sagt Rainer Bischoff, der schulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Es soll auch ein Bewegungskonzept und Förderprogramm geben. Der Test allein reiche nicht aus.

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Das sieht auch Hubert Fortmeier so. Generell begrüße der Leiter der Josefschule in Krefeld einen Motorik-Test, er habe aber auch Bedenken: "Die Grundschüler brauchen mehr Bewegung, das steht außer Frage. Die eigentliche Frage aber ist doch: Was macht die Politik mit den zu erwartenden Ergebnissen?" An seiner Schule müssen die Kinder zwei Hallen benachbarter Schulen nutzen - die Belegzeiten sind begrenzt. Würde es als Konsequenz auf den Test eine engere Zusammenarbeit mit den Vereinen sowie neue Schwimm- und Sporthallen geben, wäre das wünschenswert. Doch daran zweifelt er. In vielen Stadtteilen seien die strukturellen Gegebenheiten kaum ausbaufähig.

Der motorische Test wurde am Forschungszentrum für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen Karlsruhe (FoSS) entwickelt und an einzelnen Schulen erprobt. An der Düsseldorfer Adolf-Klarenbach-Schule werden die Zweitklässler regelmäßig untersucht - von Studenten der Sporthochschule Köln. Mit teils ernüchternden Ergebnissen, wie Susanne Hartwig-Bock berichtet. "Es gibt einige sportlich talentierte Schüler, jedoch hat mehr als die Hälfte der Zweitklässler Schwierigkeiten bei motorischen Übungen."

Neben der Frage, wie die Politik mit den Ergebnissen der Tests umgehen will, stellt sich den Grundschulen eine weitere: Warum wird die Motorik der Grundschüler getestet, statt bereits in den Kindergärten präventiv tätig zu werden? "Viele Kinder sind ja in den Kitas schon auffällig und werden mit motorischen Defiziten eingeschult", sagt Peter Juretzko, kommissarischer Schulleiter der Grundschule Buscher-Holzweg in Krefeld.

Viele Grundschulen überprüfen bereits mit der Einschulung der Kinder deren Beweglichkeit und Geschick. An der Grundschule Buscher-Holzweg in Krefeld gibt es einen Einschulungsparcours, an der Annaschule in Mönchengladbach eine sportliche Schnitzeljagd, bei der die Schüler spielerisch einen Tisch decken, balancieren und Bälle fangen müssen. "Sehen wir Defizite, sprechen wir mit den Eltern und fragen bei den Kindergärten nach, ob es schon dort Auffälligkeiten gegeben hat", sagt Anja Terbeck, Leiterin der Annaschule.

Diese Zusammenarbeit müsse ausgebaut werden, statt mit einer Testsituation Druck auf die Kinder auszuüben.

(leb)