Getöteter Schüler in Lünen: "Eine schreckliche Einzeltat"

14-Jähriger in Lünen getötet: Eine Schule steht unter Schock

Gesamtschule in Lünen: 14-jähriger Schüler von Mitschüler getötet

An der Gesamtschule in Lünen herrscht großes Entsetzen über die Bluttat. Die meisten Schüler haben sich von ihren Eltern abholen lassen. Ein langjähriger Freund des mutmaßlichen Täters kann sich den tödlichen Angriff nicht erklären.

Der Schulhof der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen ist am Dienstagmorgen mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Das Gebäude ist umstellt von schwer bewaffneten Polizisten einer Einsatzhundertschaft. Zeitweise kreist ein Hubschrauber über der Schule, auf die rund 1000 Kinder und Jugendliche gehen. Kemal K.* steht mit anderen Mitschülern neben einem Zaun am Eingang zum Schulgelände.

Die tödliche Attacke auf seinen Mitschüler Marvin ist erst kurze Zeit her. Der 16-jährige Schüler wartet auf seinen Vater, der ihn abholen soll. "Ich will hier nur noch weg", sagt Kemal. Weg von der Schule. Weg vom Tatort. Und weg von dem vielen Blut, das er gesehen habe. Marvin habe er auch noch gesehen, sagt er. Schwer verletzt auf jeden Fall, aber am Leben. "Er hat sich mit der Hand an den blutenden Hals gefasst", betont K. Mehr habe er nicht mehr wahrgenommen. "Wir mussten raus, manche von uns sind gerannt. Aber viele wussten gar nicht, wieso und weshalb."

Gerüchte machen die Runde

Aufklärung über die Bluttat gibt es auch draußen auf dem Schulhof anfangs nur kaum. Nur dass es kein Amoklauf gewesen ist, wird mitgeteilt. Stattdessen bleiben die Jugendlichen zunächst mit vielen Fragen allein. Rätselraten. Gerüchte machen sich breit über den Tathergang. Galt der Angriff gar nicht Marvin, sondern einer Lehrerin? Schulleitung, Lehrer und Polizei sagen nichts. Viele Schüler sind deshalb verunsichert.

Die meisten wissen nur zu berichten, dass der 15-jährige deutsche Täter M. mit kasachischen Wurzeln, der wenig später von der Polizei gefasst worden ist, ein ehemaliger Schüler der Gesamtschule ist, der wegen schlechter Noten auf eine Hauptschule verwiesen wurde. An diesem Morgen sei er mit seiner Mutter, so sagen es mehrere Schüler übereinstimmend, zu einem Gespräch zur Käthe-Kollwitz-Gesamtschule gekommen. "Er wollte zurück auf unsere Schule. In dem Gespräch ging es meines Wissens nach um eine zweite Chance", sagt Patrica B. (16). Was dann passiert ist, kann niemand der Schüler sagen.

Das Hemd war voller Blut

Foto: Screenshot Google Maps

Fest steht laut Staatsanwaltschaft, dass Marvin, der in die Klasse 8a gegangen ist, kurz vor Unterrichtsbeginn auf einem Flur von M. erstochen worden ist. Patricia B. hat zu dem Zeitpunkt einen lauten Schrei gehört. Und dann - Sekundenbruchteile später - habe sie Marvin und einen Lehrer gesehen, der versucht habe, mit einer Hand die Blutung an Marvins Hals zu stoppen. "Das Hemd von dem Lehrer war voller Blut", sagt B.

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Die 16-Jährige und viele andere Schüler werden von Notfallseelsorgern und Schulpsychologen betreut. Die meisten aber werden von ihren Eltern abgeholt oder gehen allein nach Hause. "Der Vorfall hat große Betroffenheit im Kollegium und in der ganzen Schule ausgelöst", sagt Schulleiter Reinhold Bauhus. Es handele sich um eine schreckliche Einzeltat, die nicht absehbar gewesen sei, heißt es zudem in einer Mitteilung auf der Schul-Homepage.

Der Unterricht wird am Mittwoch normal stattfinden; Psychologen werden anwesend sein. "Den Rahmen möchten wir als Schulgemeinde nutzen, um gemeinsam das Erlebte und Geschehene aufzuarbeiten", so die Schulleitung. Für die Kinder sei es jetzt sehr wichtig, dass ihnen vertraute Schulstrukturen Halt geben, da solche schockierenden Erlebnisse individuell sehr verschieden wahrgenommen werden, heißt es zur Erklärung.

"Er hatte auch nie ein Messer dabei"

Ergün M. (15) kennt den Täter seit der ersten Klasse. Eng befreundet seien sie zwar nicht gewesen, aber die Schulzeit hätten sie bis zu M.s Rauswurf zusammen verbracht. "Der ist nicht gewalttätig gewesen. Er hatte auch nie ein Messer bei sich. Keine Ahnung, wieso der jetzt durchgedreht ist."

Erol. D. hat hingegen das Opfer gut gekannt. Er ist sein Fußballtrainer gewesen, sein Sohn ist in dieselbe Klasse gegangen. "Ich habe ihn am Morgen noch eine Handynachricht geschickt und gefragt, ob er heute zum Training kommt. Aber keine Antwort mehr bekommen", sagt Erol D.

Anderthalb Stunden nach der Tat hält Kemals Vater mit seinem Auto vor der Schule. Er hupt einmal kurz. Kemal verabschiedet sich von Mitschülern und sagt: "Bis morgen. Lasst euch nicht unterkriegen."

* alle Namen geändert

(csh)
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