Gastarbeiter aus der Türkei: Die Geschichte einer erfolgreichen Integration

Geschichte einer erfolgreichen Integration: Herr Çelen ist geblieben

Nail Çelen kam vor 55 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Er gründete eine Familie und blieb. Seine Tochter ist heute Staatssekretärin im NRW-Landtag. Die Geschichte einer erfolgreichen Integration.

Eine Blaskapelle. An dem Tag, als Nail Çelen in München aus dem Zug stieg, da spielte eine Blaskapelle für ihn. Es war der 23. Oktober 1963. Gut zwei Tage lang hatte Çelen zuvor in dem Zug verbracht, der ihn von seiner türkischen Heimat in die bayerische Hauptstadt brachte. Am Bahnsteig empfingen ihn und die rund 1000 weiteren Passagiere dann Trompete, Tenorhorn und Tuba.

1961 hatten Deutschland und die Türkei ein Abkommen geschlossen, das die kontrollierte Einreise von Arbeitskräften aus der Türkei vorsah. Als Folge kamen rund vier Millionen Gastarbeiter. Viele von ihnen wurden ein Teil deutscher Geschichte. So wie Nail Çelen.

An einem sonnigen Oktobertag sitzt er in einer stillen Ecke des Migrationsmuseums Domid in Köln. An der Wand hängen Schwarz-Weiß-Fotos aus den 60er Jahren. Çelen streicht mit der Hand über einen alten Koffer, der mit einigen anderen als Ausstellungsstück auf einem kleinen Plattformwagen steht. „So einer“, sagt er dann. Einen Koffer mit Kleidung und ein Herz voller Neugier und Hoffnung hatte er dabei, als er vor 55 Jahren zum ersten Mal einen Fuß auf deutschen Boden setzte. Dieses Deutschland wurde mehr als ein Lebensabschnitt. Es wurde Heimat.

Çelen hat seine Familie mitgebracht: seine Frau Sevim und seine Tochter Serap (38). Nail Çelen spricht Deutsch, aber nicht fließend. Wenn er viel und schnell reden will, wechselt er ins Türkische. Seine Tochter übersetzt dann für ihn.

Çelen kam 1939 in Bartın zur Welt, einer Bergarbeiterregion an der Schwarzmeerküste. Die nah gelegene Stadt Zonguldak beherbergt noch heute einen wichtigen Industriehafen. Das Gebiet ist reich an Steinkohle. Çelen arbeitete bereits mit 15 Jahren unter Tage. „Das war damals normal“, erinnert er sich. Mit Anfang 20 kaufte er sich ein Haus. Er wollte eine Familie gründen, doch er machte Schulden. Als er 23 Jahre alt war, erreichte ihn eine Anfrage aus dem Ruhrgebiet – von dem Çelen noch nie etwas gehört hatte. Man sagte ihm, seine Fertigkeiten würden dringend auch woanders benötigt, rund 1800 Kilometer nordwestlich. Und es gab dafür sogar mehr Geld. Die boomende deutsche Nachkriegswirtschaft schrie in jener Zeit nach Arbeitskräften. Die Türkische Republik litt dagegen unter hoher Erwerbslosigkeit und hoffte auf Devisen, die türkische Arbeiter nach Hause schicken würden, wären sie erst mal in Deutschland.

In der Zeche Auguste Victoria Ende der 80er. Foto: privat

Çelen entschied sich dazu, seine damalige Heimat zu verlassen. Er redete mit dem Vater. Ihm versprach er, nach sechs Monaten zurückzukommen. Dann habe er genug Geld. Der Vater willigte ein. Wenige Wochen später reiste eine Ärztetruppe aus Essen nach Zonguldak. Sie untersuchte Çelen und andere potenzielle Gastarbeiter. Zähne in Ordnung? Sehschwächen? Probleme mit der Lunge? Sie bescheinigten Çelen eine gute Gesundheit. Er durfte nach Deutschland.

Rund 50 Stunden dauerte die Fahrt von Istanbul über Sofia, Belgrad und Salzburg bis München. Den jungen Männern hatte man gesagt, sie müssten warme Kleidung mitnehmen. In Deutschland sei es sehr kalt. „Als wir dann die ersten spitzen Hausdächer sahen, dachten wir, die seien dafür da, damit der Schnee schneller nach unten rutscht.“ Von München aus fuhr Çelen direkt weiter nach Essen und von dort nach Gelsenkirchen. Er wurde für die Zeche Consolidation eingeteilt. Sechs Wochen lang erhielten die jungen Männer aus der Türkei, Griechenland und dem damaligen Jugoslawien Schulungen über Tage. Sie lernten die nötigsten Vokabeln, vornehmlich Werkzeugnamen. Dolmetscher übersetzten, wenn es Probleme gab. Großes Interesse, den Neulingen Deutsch beizubringen, bestand nicht. Sie würden ja wieder in die Heimat zurückkehren. Dass dies am Ende nur rund die Hälfte aller Gastarbeiter tun würde, ahnte niemand.

Çelen erhielt anfangs 19,50 Mark als Tageslohn. In der Zeche machte er sich rasch beliebt. Er war talentiert. Die Steiger staunten über seine Schnelligkeit. „Er war immer fleißig“, sagt Sevim Çelen und tätschelt die Hand ihres Mannes, als wolle sie sagen: „mein Guter“. Er erwidert die Geste. Seine Hände umschließen die ihren. Nail Çelens Finger sind kräftig und doppelt so groß wie ihre. Mehrere Tonnen Kohle haben diese Hände berührt, und doch sind sie weich und ohne Narben. „Er ist sehr eitel“, sagt die Tochter. „Er cremt sich die Hände jeden Tag zweimal ein.“

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Nach sechs Monaten kehrte Nail Çelen wie versprochen zurück in die Türkei – allerdings nur, um seiner Heimat Lebewohl zu sagen. Danach sollte er nur für einige Urlaube zurückkommen. 1977 lernte er in solch einem seine heutige Frau kennen. Sie heirateten ein Jahr später und zogen in ein Haus in Marl. Dort wohnen sie heute noch. Viele Gastarbeiter und ihre Familien ließen sich zu jener Zeit in Marl nieder. Es war eine lebendige Nachbarschaft. Jeder half dem anderen: Türken, Griechen, Italiener, Spanier, Deutsche.

1980 wurde die gemeinsame Tochter geboren. Serap Güler wuchs im Multikulti-Ruhrpott auf. „Dort schaute dich niemand schief an, wenn du nicht aus Deutschland kamst“, sagt sie heute. Die Nachbarn wurden zu einer zweiten Familie. Auch weil der Vater oft nachts arbeitete und die Mutter längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Sie erinnere sich aber noch gut daran, wie der Vater mit schwarzen Flecken nach Hause kam – Kohleablagerungen, die sich auch nach mehrfachem Waschen nicht entfernen ließen. „Als ich klein war, dachte ich, sie würden meinen Vater in der Zeche misshandeln“, sagt Güler und lacht.

Nail Çelen mit Tochter Serap um das Jahr 1982 in Marl. Foto: privat

Die 38-Jährige hat selbst eine Erfolgsgeschichte hingelegt. Nach der Schule machte sie gegen den Willen der Mutter eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Erst danach begann sie ein Studium. „Meine Mutter hätte es lieber gesehen, wenn ich direkt studieren gegangen wäre“, sagt Güler. Ihr Vater hatte dagegen stets gesagt: „Aus der wird schon was.“ „Immer wenn ich etwas wollte, bin ich damals zu meinem Vater gegangen“, sagt Güler und zwinkert ihrer Mutter zu. Nach fünf Jahren hatte Güler ihr Studium der Kommunikationswissenschaft und der Germanistik an der Universität Duisburg-Essen beendet. 2007 wurde sie Referentin im NRW-Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration. Drei Jahre später wechselte sie ins Gesundheitsministerium. Zwischen 2012 und 2017 war sie Abgeordnete. Nach der Landtagswahl im Mai 2017 ernannte sie der neue Ministerpräsident Armin Laschet zur Staatssekretärin für Integration. Sie ist auch Mitglied im Bundesvorstand der CDU.

„Helmut Kohl war immer mein Lieblingskanzler“, sagt Nail Çelen: „Die SPD hat nie etwas für mich getan.“ Dementsprechend stolz sei er auf die Karriere seiner Tochter. Er nennt sie liebevoll „Altın“ – „Goldschatz“, sie ihn „Löwenpapa“, weil er so stark und mutig sei.

Im September besuchten Vater und Tochter das Bergwerk Prosper-Haniel. „Ich hatte zuerst Angst um ihn wegen seiner Lunge“, sagt Serap Güler. Die Schufterei in den Zechen hat ihren Vater krank gemacht. Das Einatmen anorganischer Partikel führte mit den Jahren zu einer Staublunge. Im Haus der Familie steht eine 100-Liter-Sauerstoffflasche. Falls dem Vater die Luft wegbleibt. Das komme häufiger vor, sagt er. Dreimal musste er in diesem Jahr deshalb schon auf die Intensivstation. Doch der Vater drang auf den Besuch. Die Arbeit mehrere Hundert Meter unter der Erde fasziniert Nail Çelen noch immer. Er erzählt von dem Dynamit, das er bestellen musste und mit dem der Schacht regelmäßig erweitert wurde. Mit den Armen und Händen stellt er die Arbeiten nach, die er Tag für Tag verrichtete. Er habe immer malocht. „Ich musste nie von Sozialhilfe leben“, betont er.

1991 ging er in Rente. Nach 36 Erwerbsjahren. Zuletzt schuftete er in der Zeche Auguste Victoria in Marl. 2015 schloss das Bergwerk. „Ich hätte damals nie gedacht, dass eine Zeche schließt“, sagt Nail Çelen. In seiner Stimme liegt Wehmut.

Ihren Ruhestand verbringen er und seine Frau heute gerne im Garten. Sie bauen Tomaten an, Bohnen, Peperoni, Paprika und Erdbeeren. Nach Bartın fahren sie jetzt seltener. Auch weil die dortige Industrieluft nicht gut für Nail Çelens Lunge ist. Über Deutschland verliert er im Gespräch nicht ein kritisches Wort. Hier hat er zum ersten Mal eine Banane gegessen, hier ist er zum ersten Mal Rolltreppe gefahren. Und hier gründete er seine Familie. Er habe Deutschland vieles zu verdanken, sagt er. Dabei ist es umgekehrt.

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