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Freie Wohlfahrtspflege NRW fordert Laptops für alle Schüler

Zukunft des Bildungssystems : „Jeder Schüler muss einen Laptop bekommen“

Der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW fordert mehr Unterstützung vom Land für die Digitalisierung in Schulen. So seien digitale Endgeräte heutzutage Lernmittel, würden aber in der bürokratischen Realität nicht als solche anerkannt.

Digitales Lernen ist inmitten der Corona-Pandemie ein wichtiges Thema. Was ist dabei Ihrer Ansicht nach das größte Problem?

Frank Johannes Hensel Digitalkompetenz als Teil der Medienpädagogik ist bisher nicht klar strukturiert in der Schule eingeführt worden. Ich streite keinen guten Willen ab. Es ist Geld dafür bereitgestellt worden. Das Schulministerium erarbeitet Bildungskonzepte und bewirbt Fortbildungen. Aber man muss es sich praktisch vor Augen führen: In diesem Jahrhundert ist ja nun tatsächlich ein neues Lehr- und Lernmittel dazugekommen. Digitale Endgeräte wie Laptops sind aber in der bürokratischen Realität nicht als Lernmittel anerkannt.

Was also heißt, dass nicht jeder Schüler Zugriff auf ein Gerät hat. Das wird spätestens im Homeschooling zum Problem. Haben Sie eine konkrete Forderung, was das Land NRW für digitalen Unterricht tun sollte?

Hensel Es ist an der Zeit, klare strukturelle Anker zu setzen. Es muss einen technischen Ausstattungsstandard geben. Dazu gehören schnelles Internet in den Schulen, aber auch Geräte für Schüler und Lehrkräfte. Laptops sind wie Bücher: Sie sind Lernmittel. Und Lernmittel müssen alle Schüler diskriminierungsfrei an die Hand bekommen. Das steht in unserer Landesverfassung. Es hat mit Bildungsgerechtigkeit zu tun.

Also fordern sie, dass alle Schüler in NRW mit Laptops ausgestattet werden?

Hensel Ja. Im Augenblick werden Finanzmittel für Schüler mit besonderem Bedarf bereitgestellt. Das verwirrt schon mal. Welcher Bedarf ist besonders? Das sollen die Schulen herausfinden. Einfacher und klarer wäre es, einen sicheren Ausstattungsstandard für alle zu setzen und Laptops zur Verfügung zu stellen. Sie könnten jahrgangsstufenbezogen ausgegeben werden, so wie Schulbücher.

Was wäre der Vorteil, wenn ein Laptop zur Grundausstattung aller Schüler zählen würde?

Hensel Es würde verhindern, dass die einen kein Gerät, die anderen eine Minimal-Ausstattung und wieder andere ein Edel-Gerät haben. Das muss nicht sein. Außerdem wäre klar, dass das Gerät im Besitz der Schule bleibt, wie auch die Bücher. Die Verfügbarkeit würde chancengleich gesichert. Bislang ist das seitens des Schulministerium aber so nicht vorgesehen.

Warum?

Hensel Rechtlich und finanziell müsste dann das Land die Bereitstellung der Geräte gewährleisten. Die einzelnen Schulen wären von Verantwortlichkeiten zu entlasten. Wir fordern: Die Ausstattung mit digitalen Lern- und Lehrmitteln muss konzeptionell gesichert ins Bildungssystem eingebunden werden. Die Schulen können nicht verantwortlich sein für Auswahl, Beschaffung und womöglich auch noch Serviceleistungen. Das muss behördlich geregelt werden.

Was muss neben der Bereitstellung von Geräten getan werden?

Hensel Es braucht eine Fachweiterbildung Digitalkompetenz, die in jedes Kollegium gehört. Neben Fortbildungen im Bereich Medienpädagogik, die bereits angeboten werden, braucht es innerhalb der Schule Verantwortliche, die mit gesicherter Expertise die medienpädagogischen Auf- und Umbrüche unterstützen. Das gibt es so strukturiert noch nicht.

Wer soll das alles bezahlen?

Hensel Das muss aus Steuermitteln finanziert werden. Unser Bildungssystem hat das verdient. Es ist der nächste Schritt, der über die etablierte Kreidetafel und die Schulbücher hinaus nun getan werden muss. Das darf man nicht den privaten Verhältnissen überlassen. Mit anderen Worten: Es braucht eine neue Grundausstattung im Bildungssystem.

Wie schnell könnte Ihre Forderung umgesetzt werden?

Hensel Wir sollten das Ziel haben, zum neuen Schuljahr die Ausstattungsstandards, die Beschaffungen und die Fachweiterbildung Digitalkompetenz aufzustellen. Die Umsetzung wird dann sicher ein Schuljahr brauchen.

Dass manche Schüler keinen Zugriff auf ein Gerät zum digitalen Lernen haben, ist aber ein ganz akutes Problem.

Hensel Es geht nicht darum, von einer Zukunft zu schwärmen und bis dahin hat man Pech gehabt. Die aktuelle Materialbeschaffung klappt noch nicht so gut, auch weil sie sehr bürokratisch für die Schulen ist. Wer noch kein Gerät hat, sollte schnell versorgt werden.

Ihre Forderung lehnt sich an Uruguay an, wo das Prinzip „One Laptop per child“ bereits seit über zehn Jahren umgesetzt wird. Wieso dauert das in Deutschland so viel länger?

Hensel Weil wir es uns nicht leisten, jedes Kind im Bildungssystem mitzunehmen. Wir leben damit, dass etwa ein Viertel der Kinder nicht gut durch dieses System kommt. Sonst würden wir Laptops als ein gesichertes Ausstattungsmerkmal etablieren und digitales Lernen fest im Bildungssystem integrieren. Ein Land wie Uruguay tut das einfach. Und das müssen wir auch tun.

Wie wichtig bleibt digitales Lernen nach der Pandemie?

Hensel Es wird für die Pädagogik keine Rückkehr zu einem „wie früher“ geben. Lerninhalte können mediengestützt vielseitig und eingängig vermittelt werden und es gibt auch ökologische Chancen. Der öffentlichen Nahverkehr kann entlastet werden, indem Schüler nicht ständig und immer fast gleichzeitig in die Schule kommen müssen. In höheren Klassen kann Schule klug um gemeinsame Anwesenheiten herum organisiert werden. Arbeitsmaterialien und Bücher können auf die Laptops aufgespielt werden, sodass manches Papier gespart wird. Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten prägt mehr und mehr die Berufswelt, warum nicht in der Schule schonmal einüben?