Flüchtlinge in NRW: 400 Turnhallen belegt

Nordrhein-Westfalen : Turnhallen belegt: Landessportbund schlägt Alarm

In einem Monat hat sich die Zahl der als Notunterkünfte genutzten Hallen mehr als verdoppelt. In 400 Sporthallen in NRW leben Flüchtlinge. Vereine können nicht trainieren. Der Spielbetrieb ist gefährdet. Der Landessportbund fordert neue Strategien von den Kommunen.

Immer mehr Städte und Gemeinden in NRW greifen auf Sporthallen zurück, um die Flüchtlinge unterzubringen, deren Zahl ständig steigt. Der Städte- und Gemeindebund NRW hat nach einer Umfrage unter seinen Mitgliedern ermittelt, dass bis Jahresende "vorsichtig gerechnet" 400 Sport- und Turnhallen als Notunterkünfte dienen werden.

Walter Schneeloch, Präsident des Landessportbunds (LSB) NRW, fürchtet gar, dass die Zahl bis Ende Dezember auf 600 steigen könnte. Das führe zunehmend zur Beeinträchtigung des Vereinssports wie auch des Schulsports, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW, Bernd Jürgen Schneider.

Vor allem Sportarten wie Handball oder Tischtennis, die zwingend auf Hallen angewiesen seien, hätten unter der Belegung zu leiden. Vereinsvertreter meldeten Schwierigkeiten, den Trainings- und Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Aber auch Schulen müssten mit "Behelfslösungen" arbeiten, die für die Schüler teils weite Wege mit sich brächten, damit lehrplanmäßig Schulsport stattfinden könne.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch der Landessportbund. Innerhalb eines Monats sei die Zahl der Hallen, die in NRW zu zeitweisen Flüchtlingsunterkünften umgebaut wurden, von 150 auf 400 gestiegen. Der LSB hatte bei Verbänden und Vereinen nachgefragt. Vielerorts hatten Sportvereine darauf gehofft, dass Hallen nach den Sommer- beziehungsweise Herbstferien wieder für den regulären Betrieb freigegeben würden.

Doch das geschah nur vereinzelt: "Seit Anfang September hat der Flüchtlingsstrom nach NRW schlagartig zugenommen", sagte ein Sprecher des Innenministeriums. "Dass Sporthallen für Flüchtlinge genutzt werden, ist eine Notlösung. Momentan allerdings müssen wir darauf zurückgreifen", sagte der Ministeriumssprecher. Andernfalls stünden viele Flüchtlinge ohne Obdach dar.

Allein 58 Schulsporthallen und 21 Vereinssporthallen nutzt das Land; pro Woche kommen 13.000 Flüchtlinge nach NRW. Das Land sucht deshalb nach Alternativen: "Große Unterkünfte, die mehr Plätze bieten, eignen sich aus organisatorischen und personellen Gründen besser als Sporthallen", erklärte der Ministeriumssprecher. Noch lässt sich freilich nicht sagen, wann einzelne Hallen wieder freigegeben werden können.

LSB-Chef Schneeloch fordert die Kommunen auf, verstärkt nach anderen Unterkünften für Flüchtlinge zu suchen: "Ich kann von Verwaltungsleuten wohl ein bisschen Kreativität erwarten. Es gibt bestimmt ausreichend leer stehende Räumlichkeiten. In einem Museum stehen tote Gegenstände, die man zur Seite räumen kann. Aber hier nimmt man den Menschen den Raum, den sie dringend für Bewegung, Spiel und Sport brauchen."

Am Montagabend traf sich der Sportfunktionär mit Vertretern der Stadt- und Kreissportbünde aus Dortmund, Duisburg, Ennepe-Ruhr-Kreis und Gelsenkirchen zu einem Krisengespräch in Essen. Er beklagte, dass Hallen für Flüchtlinge belegt würden, ohne die Sportvereine in die Entscheidungen einzubeziehen.

Dem widersprechen etliche Städte: "Wir führen intensive Gespräche mit den Sportvereinen, viele Beschwerden haben wir nicht", sagte Leverkusens Schul- und Sportdezernent Marc Adomat. Der Schulsport werde durch die Flüchtlinge nicht beeinträchtigt. Auch in Solingen hat man unkonventionelle Lösungen gefunden, um den Schulsportbetrieb aufrechtzuerhalten. So weichen die Schüler einer Gesamtschule in die benachbarte Tanzschule aus, während in der Sporthalle Flüchtlinge wohnen.

Der LSB-Chef forderte die Kommunen auf, den Sportbetrieb nicht dauerhaft zu unterbrechen. Ein funktionierendes Vereinsangebot könne auch bei der Eingliederung von Flüchtlingen helfen. "Denn Sportvereine können eine erste Anlaufstelle und ein Anker für Flüchtlinge in der neuen Umgebung sein", sagte er. Bereits im März hatte der Landessportbund seinen Vereinen einen finanziellen Sonderzuschuss von 211.000 Euro für Sportangebote an Flüchtlinge gegeben.

Der Städte- und Gemeindebund hingegen sieht die Alternativen bei der Unterbringung weitgehend ausgeschöpft. Und der Neubau von Unterkünften sei nicht in wenigen Wochen zu realisieren. Die Stadt Köln will mehrere Leichtbauhallen errichten. Doch bis diese fertiggestellt sind, kann es noch Wochen dauern. "Leider müssen wir deshalb bis zum Jahresende weitere Hallen in Notunterkünfte umwandeln", sagte eine Stadtsprecherin.

Alle 300 städtischen Turnhallen würden zur Zeit geprüft. Man benötige 15 bis 20 weitere Gebäude, um Platz für 3000 Flüchtlinge zu schaffen. Aktuell würden neun genutzt. "Wir hoffen, die Turnhallen Anfang 2016 zurückgeben zu können", erklärte eine Sprecherin.

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(RP)
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