Fall Lügde: Richterin findet klare Worte bei der Urteilsverkündung

Klare Worte bei Lügde-Urteil : „Das Leid der Kinder war Ihnen gleichgültig“

Das Urteil im Prozess um den hundertfachen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde ist gesprochen. Die Angeklagten müssen lange in Haft.

Die beiden Angeklagten im Lügde-Prozess nehmen die langen Haftstrafen weitgehend teilnahmslos zur Kenntnis: Äußerlich ist Andreas V. und Mario S. auf der Anklagebank im Landgericht Detmold am Donnerstag keine Überraschung anzumerken, als die Jugendschutzkammer die beiden zu 13 und zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach deren Verbüßung müssen sie dem Urteil zufolge zudem in Sicherungsverwahrung - dies sei "zwingend erforderlich", befindet das Gericht.

Naturgemäß rückt die Vorsitzende Richterin Anke Grudda am letzten Tag des Prozesses um die bedrückende Missbrauchsserie auf dem Campingplatz von Lügde im Lipperland die "perfiden" und "niederträchtigen" Taten der beiden Angeklagten in den Mittelpunkt. Doch schnell wird in der gut 45-minütigen Urteilsbegründung klar, dass die Richterin auch die Opfer und ihre Leiden in den Blick nimmt.

Mit den Angeklagten geht Grudda hart ins Gericht: Sie hätten sich durch Geschenke und vermeintliche Zuwendung das Vertrauen mancher der betroffenen Kinder erschlichen und sie dann "zu den Objekten ihrer sexuellen Begierde degradiert", sagt die Richterin an V. und S. gewandt. "Die Kinder haben Sie geliebt, und sie haben Ihnen vertraut." Das Verhalten der geständigen Täter sei "durch nichts zu entschuldigen", sagt die Richterin. "Das Leid der Kinder war Ihnen gleichgültig."

Die Kinder - das waren 24 Mädchen und acht Jungen, die jüngsten vier und fünf Jahre alt. Manche Opfer seien bei den Missbrauchstaten noch so klein gewesen, dass sie das Geschehen gar nicht einordnen konnten, nennt Grudda einen der mutmaßlichen Gründe, warum der Kindesmissbrauch von Lügde jahrelang unentdeckt blieb.

Andere Opfer hätten die Angeklagten mit Erpressung und Drohungen zum Schweigen gebracht - beispielsweise mit der Ankündigung, das Kind müsse zurück ins Heim, wenn es von dem Missbrauch erzähle. Auf diese Weise hätten die Angeklagten mit einem "perfiden System" ihrer Opfer manipuliert.

Doch die Richterin nennt es auch "eigentlich nicht vorstellbar", dass über einen Zeitraum von mehreren Jahren tatsächlich niemand die Taten von Lügde bemerkt haben will. Manche Anzeichen von sexuellem Kindesmissbrauch seien offenbar von Eltern nicht erkannt worden.

Auch habe die Polizei Hinweise erhalten, die jedoch nicht in Ermittlungen gemündet seien. Solche möglichen Versäumnisse beim Umgang mit der Missbrauchsserie von Lügde seien aber nicht Gegenstand des Detmolder Prozesses gewesen, bekräftigt Grudda am letzten Verhandlungstag.

Den beiden Angeklagten hält die Vorsitzende Richterin nach elf Prozesstagen nur ihre Geständnisse zugute - denn dadurch sei den Opfern eine detaillierte Schilderung der Taten im Zeugenstand erspart geblieben. 16 der Missbrauchsopfer vernahm die Strafkammer in der gut zweimonatigen Hauptverhandlung. Viele andere Kinder und Jugendliche hätten sich durch die Folgen der Taten zu einer Zeugenvernehmung außerstande gesehen, betont die Richterin.

Nach den Geständnissen der Angeklagten am ersten Prozesstag konnten in der Folge die Opfer letztlich selbst entscheiden, ob sie sich einer Aussage vor der Strafkammer stellten. "Wir wollten keinen vor Gericht zerren", sagt Grudda. Und an die anderen habe das Gericht das Signal aussenden wollen: "Wir hören euch zu, wir nehmen euch ernst."

(ham/AFP)
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