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Kaarst: Fall Daniel D.: Mutter hält ihren Sohn für schuldig

Kaarst : Fall Daniel D.: Mutter hält ihren Sohn für schuldig

Im Fall des an einer Landstraße in Kaarst getöteten Daniel D. hat am Dienstag der Prozess gegen den Cousin des Opfers vor dem Düsseldorfer Landgericht begonnen. Die Staatsanwaltschaft hat den Sportlehrer wegen Totschlags angeklagt. Auch die Eltern des Angeklagten sagten am ersten Verhandlungstag vor Gericht aus.

Zwei Justizvollzugsbeamte führen den Korschenbroicher an diesem Vormittag zur Anklagebank. Der 28-Jährige trägt Anzug. Er war beim Frisör und ist frisch rasiert. Mit angespanntem Gesichtsausdruck nimmt er neben seinem Verteidiger Gordon Christiansen Platz. Der hatte bereits vor Prozessbeginn verkündet, dass sich sein Mandant aus verteidigungsstrategischen Gründen weder zum Tatvorwurf noch zu seinen persönlichen Verhältnissen äußern wird.

Diesen Teil müssen die nächsten Angehörigen des Angeklagten, seine Tante und sein Onkel - die Eltern des Opfers, die auch als Nebenkläger auftreten - und seine Mutter, übernehmen. Als Verwandte hätten sie das Recht zu schweigen, aber sie wollen reden, alle drei, in der Hoffnung, dass ihr Sohn und Neffe sie vielleicht doch noch von der Ungewissheit erlöst und nach mehr als sechs Monaten endlich den Mund aufmacht. Doch diesen Gefallen tut er ihnen nicht.

Sein einziger Sohn Daniel sei ein feiner Kerl gewesen - loyal und hilfsbereit, berichtet der Vater des Opfers gestern im Zeugenstand. Ernsthaften Streit in der Familie habe es seines Wissens nach nie gegeben. Seinen Neffen, der zwar immer "einen Tritt in den Hintern" brauchte, den aber alle für einen halbwegs zielstrebigen Studenten hielten und für den der Onkel von Geburt an immer auch ein Art Ersatz-Vater war, nennt der 68-Jährige nur noch den "Angeklagten". Immer wieder schaut er dem 28-Jährigen direkt ins Gesicht, während der nur stumpf auf die Tischkante starrt. Der Angeklagte, sagt er, sei ein Teil der Familie gewesen. Wie Brüder seien die beiden jungen Männer aufgewachsen, "Garten an Garten".

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Bei der Beerdigung am offenen Sarg habe der 28-Jährige die Eltern noch vor dem Anblick gewarnt: "Schaut ihn Euch nicht an, er sieht schrecklich aus." Bis zum Schluss hätten alle an seine Unschuld geglaubt - glauben wollen. "Er war immer da und hat uns getröstet. Es ist unbegreiflich, dass er uns so etwas antun konnte." Das Motiv für die Tat bleibt im Dunkeln.

Fotos von nackten Schülerinnen und Horrorfilme

Was ist das für ein Mensch, der Angeklagte? Das ist die Frage, die sich an diesem Vormittag alle stellen, die im Zuschauerraum von Saal E 122 im Düsseldorfer Landgericht platzgenommen haben. Viele kennen die Fotos auf seinem Facebook-Profil: der Angeklagte im Urlaub am Meer, sportlich gekleidet und freundlich in die Kamera grinsend - ein netter Typ. Aber dann ist da auch das, was die Öffentlichkeit mittlerweile über den Sportlehrer aus Korschenbroich weiß: Dass er sich seinen Job als Aushilfslehrer an einem Gymnasium in Willich mit gefälschten Studienbescheinigungen erschlichen haben soll, dass er Fotos von nackten Schülerinnen zu Hause auf seinem PC gehortet hat, dass er sich Horrorfilme der übelsten Art anschaute und - dass er womöglich seinen Cousin auf brutalste Art und Weise erschlagen hat. Davon jedenfalls geht die Staatsanwaltschaft aus. Sie hat den 28-Jährigen wegen Totschlags angeklagt.

Eine Autofahrerin hatte der Polizei am 11. Dezember um 22.16 Uhr zunächst einen vermeintlichen Verkehrsunfall gemeldet. Rettungskräfte fanden den Dormagener Daniel D. in Büttgen tot neben seinem Auto liegend. Die spätere Obduktion ergab: D. wurde mit einem langen, schweren Gegenstand der Schädel zertrümmert. Von der Tatwaffe fehlt bislang jede Spur. Staatsanwalt Matthias Ridder ist sich trotzdem sicher, dass sich der Angeklagte zur Tatzeit mit seinem Cousin an der einsamen, unbeleuchteten Landstraße getroffen hat.

Zeugen hatten einen silbernen VW Golf in der Nähe des Tatorts beobachtet - einen Wagen, wie ihn auch der 28-Jährige fuhr. Kriminaltechniker stellten darin Blutspuren des Opfers sicher. Im Indizienprozess ist das für die Anklage jetzt der wichtigste Beweis. 22 Verhandlungstage hat der Vorsitzende Richter angesetzt, um Licht in eines der mysteriösesten Verbrechen der vergangenen Jahre im Rheinland zu bringen, und schon am ersten offenbart sich die Dramatik dieses ungewöhnlichen Falls.

Ein einziges Mal, erzählt die 62 Jahre alte Mutter des Angeklagten im Zeugenstand, sei ihr manchmal durchaus jähzorniger Sohn kurz davor gewesen, die Karten auf den Tisch zu legen - vor ein paar Wochen, in der JVA. "Er hat geweint und gesagt, alle würden jetzt erfahren, was wirklich passiert ist. Als ich am nächsten Tag zu ihm kam, hat er mich mit eiskaltem, regungslosen Gesicht angesehen und gesagt: ,Nach sieben Jahren bin ich eh raus'. In diesem Moment hab ich gedacht: Das ist nicht mehr mein Sohn."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Prozessauftakt im Fall Daniel D. aus Kaarst

(RP)