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Fachkräftemangel in der Lkw-Branche

Beruf des Lkw-Fahrers immer unbeliebter : „Wir werden überall als Störer wahrgenommen“

Tage auf der Autobahn, Nächte auf Raststätten, wenig Lohn - der Beruf des Lkw-Fahrers lockt nicht mehr so viele Leute wie früher. Die Branche hat Nachwuchsprobleme.

Wenn man Christian Brüggemann fragt, was er am meisten mag an seinem Job, überlegt er nicht lang: „Ich hab nicht den ganzen Tag jemanden neben mir sitzen, der mir sagt, was zu tun ist. Ich hab meine Ruhe.“ Brüggemann ist 34 Jahre alt und seit 14 Jahren Lastwagenfahrer. Er arbeitet für eine Spedition am Niederrhein, mit einem 40-Tonner fährt er hauptsächlich Blumen zu Baumärkten, Gartencentern und Großmärkten. Deutschlandweit. Seine Touren beginnt er nachmittags, Feierabend hat er morgens gegen 5. Er hat Glück, sagt er. Die Kunden seien freundlich und unkompliziert, der Chef schätze seine Arbeit.

Doch der Beruf des Kraftfahrers ist für viele nicht mehr erstrebenswert. Die Bundesarbeitsagentur verzeichnete 2017 für Nordrhein-Westfalen durchschnittlich rund 3700 offene Stellen für Lkw-Fahrer. Das sind 2000 mehr als vier Jahre zuvor. Eine Studie des TÜV Rheinland nennt verschiedene Gründe für den Fahrermangel: Die Bezahlung ist oft zu niedrig, die körperliche und psychische Belastung hoch, das Image schlecht.

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Viele gehen aus Frust

Das weiß auch Brüggemann: „Wir werden überall als Störer wahrgenommen – auf der Autobahn, aber auch auf der Landstraße.“ Wenn ein Lkw auf der linken Spur fahre, sei der Ärger bei den Autofahrern besonders groß. „Dass ich aber bis dahin schon über viele Kilometer mit Tempo 60 hinter einem Wohnwagen hergefahren bin, hinter dem schon Dutzende Lkw hängen, merkt keiner“, sagt er. Er kennt viele, die den Job aus Frust an den Nagel gehängt haben, auch weil Speditionen sie ausgenutzt haben, wie er sagt.

Jürgen Brauckmann vom TÜV Rheinland sagt: „Das Image des Kraftfahrers hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert.“ Früher hätten Lkw-Fahrer in der Außenwahrnehmung auf einer Stufe mit anderen Handwerksberufen gestanden. Aber vor allem der Einsatz preiswerter Fahrer nach der EU-Erweiterung aus östlichen und südöstlichen Ländern habe negative Folgen. „Zwar konnte die Branche so trotz internationaler Konkurrenz und sinkenden Transportpreisen vorübergehend bestehen, aber sie machte aus dem arbeitsintensiven Beruf des Kraftfahrers einen Niedriglohnjob, für den sich hierzulande immer weniger Menschen interessieren.“

Viele gehen in Rente - wenige folgen

Das Ende der Wehrpflicht hat das Problem verstärkt, denn bei der Bundeswehr haben junge Männer früher oft den Lkw-Führerschein gemacht, den sie später im Beruf nutzten – wenn es auch nur für einige Zeit war.

Der Höhepunkt des Fachkräftemangels steht offenbar noch bevor. Denn nach der aktuellen Marktanalyse der Bundesarbeitsagentur waren 2016 rund 28 Prozent der mehr als 555.000 Lkw-Fahrer in Deutschland bereits 55 Jahre. In den kommenden Jahren gehen also viele Fahrer in Rente. Die Gruppe der unter 25-Jährigen machte dagegen zuletzt nur 2,5 Prozent der Fahrer aus.

Insgesamt absolvierten im vergangenen Jahr nur rund 800 Menschen in NRW eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. "Aktuell gibt es zwei bis drei Mal so viele gemeldete Ausbildungsstellen wie Bewerber in diesem Bereich", sagt IHK-Bildungschef Robert Schweizog.

Der Kölner Jan Bergrath war in den 1980er Jahren Lkw-Fahrer und quer durch Europa unterwegs: „Man darf sich keine Illusionen machen, dass die Arbeitszeiten damals besser waren als heute - die waren immer hart“, sagt er. „Der Verdienst war aber besser: Man konnte im Vergleich mehr Geld verdienen als etwa ein Kfz-Mechaniker.“ Das Image des „Königs der Landstraße“ sei aber längst passé. „Starre Lenkzeiten und gesetzlich vorgegebene Höchstarbeitszeiten setzen die Fahrer unter Stress, weil sie mit der Realität oft nicht vereinbar sind. Die Fahrer müssen feste Entladezeiten einhalten, es gibt aber immer mehr Baustellen, mehr Staus auf den Strecken.“ Bergrath sitzt schon lang nicht mehr hinterm Steuer. Er schreibt seit 30 Jahren für die Fachzeitschrift „Fernfahrer“. Aus vielen Gesprächen weiß er, dass viele nicht mehr bereit sind, ihre wertvolle Freizeit und die Zeit mit der Familie gegen die angebliche Freiheit hinter dem Steuer eines Lastwagens zu tauschen.

Mit Material der dpa