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Extremwetter-Experte: „Überschwemmungen werden wahrscheinlicher“​

Schwerpunkt – ein Jahr nach der Flutkatastrophe : „Überschwemmungen werden wahrscheinlicher“

Die Flutkatastrophe hat das Schadenspotenzial von Unwettern auf tragische Weise vor Augen geführt. Für den Extremwetter-Experten Frank Böttcher resultiert daraus ein erheblicher Anpassungsbedarf, etwa bei der Städteplanung. Deutschlands Klima werde sich dauerhaft verändern, sagt der Meteorologe.

Mit Extremwetter kennt Frank Böttcher sich aus. Der Meteorologe organisiert alljährlich den ExtremWetterKongress in Hamburg, hält Vorträge zum Thema und hat mehrere Bücher darüber geschrieben. Auch mit der Flutkatastrophe in NRW und in Rheinland-Pfalz hat sich der 54-Jährige intensiv beschäftigt. Er sagt, dass man sich in Deutschland künftig auf Temperaturextreme einstellen muss und viele Regionen am Ende des Jahrhunderts ein Klima haben werden, wie es heute im nördlichen Mittelmeerraum anzutreffen ist.

Ein Jahr nach der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz: Weiß man heute genauer, wie es zu diesem Starkregenereignis kommen konnte?

Frank Böttcher Die Wetterlage war von den Vorhersagemodellen sehr gut berechnet worden. Wir hatten schon am Tag zuvor kein Erkenntnisproblem. Die im wesentlichen treibenden Einflussgrößen bei dieser Form von Niederschlag sind ein insgesamt hohes Temperaturniveau bei gleichzeitig großflächig hoher Feuchtigkeit und dem Umstand, dass sich dieses Luftpaket großflächig anhebt. So kommt es im gesamten Volumen der Luftmasse zur Abkühlung und damit dem „Ausschwitzen“ der von der Luft nicht mehr aufnehmbaren Feuchtigkeit.

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Hat dieses Ereignis meteorologisch eine besondere (Negativ-)Marke gesetzt?

Böttcher Im Gegenteil. Wir sind darin bestärkt worden, dass die von uns für die Vorhersagen genutzten Wettermodelle in der Lage sind, reale Prozesse sehr gut zu simulieren. Dabei besteht aber nie vollständige Zufriedenheit. Jede Wetterlage hilft uns, die Modelle weiter zu verbessern. Gerade extreme Wetterereignisse leisten einen wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung der Prognosemodelle. Wir müssen aber auch erkennen, dass es Grenzen der Vorhersagbarkeit gibt. Kein Modell kann ohne Anfangsfehler starten, weil es keine Möglichkeit gibt, für wirklich jeden im Modell genutzten Flächen- und Höhenpunkt Messwerte zur Verfügung zu stellen; schon gar nicht für alle Parameter. Wir wissen nicht ganz genau, wie viel Feuchtigkeit in 3450 Meter Höhe über Köln weht. Wir können das auf Grund von anderen Werten nur schätzen. Und so sind die Modelle inzwischen besser als die Anfangsbedingungen. Es gibt also weniger ein Problem im Verständnis der Physik als vielmehr in der Herstellung eines gesicherten Anfangszustandes für die Berechnungen.

Die Wucht des Unwetters wurde auch darauf zurückgeführt, dass es die Folge einer sich über Wochen und Monate nicht verändernden Wetterlage war. Die andere Seite der Medaille sind anhaltende Trockenperioden. Müssen wir uns künftig häufiger auf solches „Standwetter“ einstellen?

Böttcher Der Klimawandel lässt Überschwemmungen wahrscheinlicher werden. Drei Dinge kommen zusammen: Zum einen verteilen sich die jährlichen Regenmengen auf immer mehr Tage mit viel Regen und immer mehr Tage ohne Regen. In diesen längeren Phasen ohne Niederschlag trocknen die Böden aus. Kommt es dann zu starkem Regen, ist die Schwammfunktion des Bodens minimiert, und das Wasser läuft auf dem trockenen Erdreich ab. Hinzu kommt, dass mit jedem Grad Erwärmung die Atmosphäre sieben Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Saugt sich die Luftmasse über dem Mittelmeer bei höheren Temperaturen mit mehr Wasser voll, dann kommt es über Land zu stärkeren Niederschlägen. Der dritte Faktor ist noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt Hinweise darauf, dass die Wetterlagen träger werden und damit länger an einem Ort wirken. Wir sind aber noch nicht da, wo ich sagen würde, dass dies als gesichert gelten kann. Weitere Forschungsergebnisse sollten wir hier abwarten.

Extremereignisse sind immer möglich und sagen wenig aus über das Klima – gilt das auch für einen Ausreißer wie die Flut? Ist dieses Ereignis nun ein Indiz für den Klimawandel oder nicht?

Böttcher Berechtigte Frage: Extreme Ereignisse sind schon auf Grund der Definition eher extrem selten. Geringe Fallzahlen sind für die Klimaforschung aber besonders lästig, weil schon ein einzelnes Extremereignis mehr einen gewaltigen Trend in der Darstellung geben kann. Daher sind wir hier zu recht immer besonders vorsichtig. Sehr hilfreich ist der recht junge Bereich der Attributionsforschung. Diese ist in der Lage, eine Aussage darüber zu treffen, ob ein aktuelles extremes Wetterereignis noch innerhalb oder außerhalb der bisherigen klimatischen Erwartung liegt. Übersteigt ein Ereignis diese Grenzen, dann können wir sagen, dass der Klimawandel hier eine große Rolle spielt. Wobei wir eines nicht vergessen dürfen: Der Klimawandel steckt in jedem Wetterereignis, auch im Nieselregen bei acht Grad.

Müssen wir denn künftig häufiger mit solchen und anderen Extremereignissen wie Stürmen und Dürren rechnen?

Böttcher Es ist sicher, dass die hohen Temperaturextreme bei uns zunehmen. Es ist wahrscheinlich, dass sich Trockenheiten und Starkregen verstärken. Ich bin sehr zurückhaltend, was den Wind angeht. Hier zeigen sehr viele Stationsdaten in Deutschland eine Abnahme der Sturmtage in den vergangenen 30 Jahren (Sylt minus 19 Prozent, Hamburg minus 12 Prozent, Hannover minus 31 Prozent). Daher würde ich nicht von einem hohen Risiko für eine Zunahme der Sturmtage ausgehen. Trotzdem kann sich das Schadenspotenzial ändern. So gibt es innerhalb dieses Trends an einigen Orten eine deutliche Zunahme von Sturmtagen im Sommer, wenn die Bäume unter Laub sind.

Ist Deutschland da eher begünstigt oder benachteiligt?

Böttcher Viele Regionen in Deutschland werden am Ende des Jahrhunderts ein Klima haben, wie es heute im nördlichen Mittelmeerraum anzutreffen ist. Da muss jetzt jeder selbst beurteilen, wie gut man das findet. Es gibt da aus meiner Sicht Vor- und Nachteile, aber in jedem Fall einen ganz erheblichen Anpassungsbedarf. Denken Sie nur an die vielen Leichtbauhallen rechts und links der Autobahnen, die im Sommer immer öfter zu Brutkästen werden.

Was heißt das beispielsweise für Städteplanung und Landwirtschaft?

Böttcher Die Erhöhung der Resilienz wird entscheidend sein. Wir werden es uns nicht mehr leisten können, das Wasser bei Starkregen einfach ablaufen zu lassen. Regenwassermanagement wird eine enorme Bedeutung bekommen und hat es auch schon erhalten. Extrem ist Starkregen, weil die Wassermassen in kurzer Zeit fallen. Wo es gelingt, die Abflussmengen zu bremsen und das Wasser zu speichern, wird aus einem Extremereignis mit hohem Schadenspotenzial ein extrem hilfreiches Ereignis für das Wassermanagement. Städte werden weißer werden, damit sich die Gebäude weniger aufheizen. Gründächer und begrünte Fassaden werden unsere Stadtbilder immer mehr prägen.

Und was bedeutet das für die Meteorologie: Verändert sich der Fokus Richtung Extremwetter? Wird mehr auf das Potenzial solcher Ereignisse geachtet, möglicherweise mit dem Effekt, dass mittlerweile übereilt Alarm geschlagen wird?

Böttcher Die Gefahr sehe ich nicht. Wir wissen da zu differenzieren. Wenn wir jedoch vor einem extremen Wetterereignis warnen, weil es gefährlich ist, dann meinen wir das auch so. Zu Hause ist man ja nicht gewohnt, dass der Wind mit 100 km/h durch die Wohnung pustet, und man erlebt das eben selten. Da neigt man dazu, die Gefahr zu unterschätzen. Bei Starkregen ist das auch so. Ein Liter Wasser wiegt ein Kilo. Kommen da Tausend Liter Wasser mit Kraft gegen die Haustür, dann klopft da jemand an, dessen Hand eine Tonne Gewicht hat. Das ist für die Tür keine so gute Nachricht. Gerade Wassermassen werden in ihrer Kraft immer wieder unterschätzt.

Verändert sich auch die Erwartungshaltung an die Meteorologen, solche Ereignisse exakter vorherzusagen?

Böttcher Ja, das kann ich bestätigen. Und wir weisen genau deshalb als Meteorologen und Meteorologinnen auch immer wieder darauf hin, dass wir mit den Wettervorhersagen in den Apps nichts zu tun haben. Diese werden von Computern völlig automatisch berechnet. Das ist so, als würden sie in einem Flugzeug ohne Piloten sitzen und sich darauf verlassen, dass der Autopilot sie sicher nach London fliegt. Ich freue mich sehr darüber, dass gerade Medien im Bereich Radio und Fernsehen wieder verstärkt auf Meteorologen setzen. Diese können nämlich auch sagen, warum es in den kommenden Tagen nicht sehr hilfreich sein wird, wenn man sich nur auf eine Wetterapp verlässt.

Was ist in Sachen Prognose noch möglich? Lässt sich die Vorhersage weiter verbessern und wo sind ihre Grenzen?

Böttcher Seit den 60er Jahren sind die Wetterprognosen etwas alle zwölf Jahre um einen Tag besser geworden. 1960 war die Wetterprognose für den kommenden Tag also so gut, wie die Prognose heute für fünf ist. Früher war also nicht alles besser, aber das nur am Rande. Dieses wurde durch immer schnellere und bessere Computer und Modelle sowie durch eine bessere Fernerkundung (Satelliten) geleistet. Je mehr Wetterstationen es gibt, und je lückenloser wir ein Abbild der Atmosphäre erzeugen können, umso besser werden die Prognosen. Nach Tag zehn ist aber meistens Schluss. Ich würde also für übernächste Woche noch nicht mein Handtuch auf den Liegestuhl am Pool werfen, wenn die heutige Prognose dafür einen Sommertag prognostiziert. Ich bin sicher, die Entwicklung wird Stück für Stück vorangehen, gerade bei der Qualität der Prognosen für die kommenden fünft Tage ist noch Luft nach oben.

Wagen Sie den Blick in die Glaskugel: Rechnen Sie in nächster Zeit mit ähnlich schweren Extremereignissen? Oder bleiben solche Dimensionen die Ausnahme?

Böttcher Ich bevorzuge ja gekoppelte Modelle, also in diesem Fall den Blick durch die Glaskugel hindurch in den Kaffeesatz. …es ist natürlich so, dass nach Tag zehn in den Prognosen immer alles passieren kann. Es wäre also keine besonders scharfsinnige Herangehensweise, würde ich für die Zukunft beim Wetter irgendetwas ausschließen; dafür habe ich einfach auch schon zu viel Wetter vorhergesagt und erlebt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Vorher-Nachher-Fotos nach einem Jahr Flutkatastrophe in NRW