Essen: Opfer von versuchtem Ehrenmord soll Notarzteinsatz bezahlen

Versuchter „Ehrenmord“ in Essen : Schwer verletztes Prügelopfer soll 766 Euro für Notarzteinsatz selbst zahlen

Während 13 Mitglieder einer syrischen Großfamilie derzeit in Essen vor Gericht stehen, weil sie einen jungen Mann fast getötet haben sollen, fordert die Stadt Essen 766 Euro vom Opfer – für den Notarzteinsatz am Tattag.

In der Nacht auf den 31. Mai vergangenen Jahres retteten Ärzte in einer Essener Klinik Mohammad A. durch mehrere Notoperationen das Leben. Der damals 19-Jährige war in einem Hinterhof mit Knüppeln und Holzlatten zusammengeschlagen und schwer verletzt worden – verantwortlich für die Tat sollen elf Männer und zwei Frauen sein, die derzeit in Essen wegen versuchten Mordes vor Gericht stehen.

Nun hat das Gewaltopfer Post von der Stadt Essen bekommen: Mohammad A. soll 766 Euro an die Stadtkasse überweisen – für den Krankenwagentransport und den Notarzt-Einsatz in der Tatnacht. Sein Anwalt Aykan Akyildiz ist fassungslos: „Er kam zu mir und wusste erst einmal gar nicht, was das Schreiben soll. So etwas löst natürlich großes Befremden aus.“ Zuerst hatte die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ darüber berichtet.

Ein Sprecher der Feuerwehr Essen sagt: „Gebührenbescheide über entsprechende Kosten werden üblicherweise nicht vom Verursacher, sondern vom Patienten übernommen.“ Im Normalfall bekommt der Patient vom Abrechnungsverfahren aber nichts mit, weil das Geld direkt von seiner Krankenkasse eingefordert wird. „Der Bescheid geht nur direkt an den Patienten, wenn er privat versichert oder gar nicht krankenversichert ist.“

Die Kommunen seien verpflichtet, die Gebühren einzuziehen, „das machen wir unabhängig von der Person“, sagt der Sprecher. Der Brief an Mohammad A. war eine von 140.000 Zahlungsaufforderungen für Rettungseinsätze, die innerhalb eines Jahres im Stadtgebiet Essen verschickt wurden, erklärt der Sprecher.

Anwalt Akyildiz sagt: „Mein Mandant ist krankenversichert, er hatte aber seine Versichertenkarte in der Klinik nicht dabei, weil sie ihm mitsamt Portemonnaie und Handy bei dem Überfall gestohlen wurde.“ Er verstehe, dass die Stadt Forderungen habe und will jetzt alles mit der Krankenkasse klären, „aber als Laie versteht man solche Schreiben natürlich nicht“. Mohammad A. und seine Familie seien sprachlos darüber gewesen, dass er nach der brutalen Tat selbst für die Arztkosten aufkommen soll. „Etwas mehr Sensibilität wäre gut gewesen“, sagt Anwalt Akyildiz.

Heimliche Liebe soll Auslöser für Tat sein

Die Tat machte als „versuchter Ehrenmord“ Schlagzeilen. Alle Angeklagten gehören zu einer Großfamilie, die den jungen Syrer Mohammad A. nach Ansicht der Staatsanwaltschaft töten wollten, um die Familienehre wiederherzustellen. Laut Anklage hatte A. ein Verhältnis mit einem gleichaltrigen Mädchen aus der syrischen Familie – sie hatten sich im Deutschunterricht kennengelernt. Die 19-jährige Frau ist aber in einer von der Familie arrangierten Ehe verheiratet mit einem Cousin der Mutter. Als das Liebesverhältnis zwischen ihr und Mohammad A. bekannt wurde, soll die Familie den Tatplan gefasst haben.

In der Tatnacht sollen acht Familienmitglieder Mohammad A. in der Nähe seiner Wohnung in Essen abgepasst haben. Nach einem ersten Schlag schaffte A. es wegzurennen, doch die Verfolger entdeckten ihn im Hinterhof eines Getränkemarkts und prügelten auf ihn ein. „Zwei filmten das Martyrium“, sagte die Staatsanwältin beim Prozessauftakt im Januar. Auf den Handyvideos zählten die Ermittler später allein 42 Schläge und Tritte, viele trafen den Kopf des 19-Jährigen. Einer der Angreifer sagt im Video, dass er A. ein Ohr abschneiden wolle, dann spricht er von „abschlachten“.

Eine Frau, die die Tat von ihrem Balkon aus beobachtete, alarmierte die Polizei und rettete A. so vermutlich das Leben. Er schwebte in akuter Lebensgefahr, die Täter hatten ihn teilskalpiert, ihm schwerste Kopfverletzungen zugefügt, seinen Darm und seine Leber mit einem Messer mehrmals durchstochen und ihm die Nase gebrochen.

Mohammad A. tritt als Nebenkläger im Prozess auf, der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt findet. Ein 25 Jahre alter Kronzeuge, der unter Personenschutz steht, weil er im Ermittlungsverfahren bei der Polizei umfassend ausgesagt hat, hat seine Aussagen im Prozess kürzlich relativiert. Anwalt Akyildiz sagt: „Das war wie eine Märchenstunde. Wir wissen nicht, warum er plötzlich nichts mehr sagen will.“

Ein Urteil wird frühestens im Juli erwartet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Prozess gegen 13 Syrer wegen versuchten Mordes

Mehr von RP ONLINE