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Essen: Industrieherz mit Charme und Problemen - 100 Jahre Ruhrgebiet

Ausstellung Zeche Zollverein : Industrieherz mit Charme und Problemen - 100 Jahre Ruhrgebiet

Rauchende Schlote sind im Ruhrgebiet schon lange kaum noch zu sehen. Aus dem einstigen „Revier“ ist eine Dienstleistungsregion geworden - mit vielen Vorteilen, aber auch den Lasten der Vergangenheit. Eine neue Ausstellung zeigt beide Seiten der Region.

Traurige Rekorde bei Hartz IV, aber 300.000 Studenten mit guten Jobaussichten, triste Industriebrachen und zugleich schicke grüne Wohnsiedlungen und Start-ups - das Ruhrgebiet ist eine widersprüchliche Region mit krassen Unterschieden. In einer großangelegten Ausstellung mit über 1000 Exponaten unternimmt das Ruhr Museum in der einstigen Zeche Zollverein einen neuen Versuch, Deutschlands größtem Ballungsraum gerecht zu werden. Die Ausstellung unter dem Motto „100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere Metropole“ wird am Sonntag (13.9.) eröffnet und geht bis zum 9. Mai 2021, wie das Museum und der Regionalverband Ruhr (RVR) am Freitag mitteilten.

Anlass ist der 100. Geburtstag des Planungs- und Verwaltungsverbandes für die Region - am 5.9.1920 unter dem Namen „Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk“ gegründet. Er sollte nach dem Ersten Weltkrieg Siedlungen für rund 150.000 zusätzliche Bergleute und ihre Familien schaffen - unter anderem, um die Reparationen des Versailler Vertrages zu bezahlen, berichtet Museumschef Heinrich Theodor Grütter. Heute ist der Nachfolger RVR Deutschlands ältester Kommunalverband.

Aus dem Bauauftrag für Zechenhäuser wurde in den 1920er Jahren die erste umfassende Planung für eine ganze Großregion - mit Straßen, Schienen, Wohnungsbau und Grünflächen, wie die Ausstellung zeigt. Damit endete die jahrzehntelange Wildwestphase an Ruhr und Emscher, in der frühe Industriebarone der Kaiserzeit für kleines Geld ganze Areale aufkauften und mit der Kohle im Boden reich wurden. Planung und Ordnung kam in die Region und sie begann, sich als Einheit zu fühlen: 1927 tauchte in der Literatur erstmals der Begriff „Ruhrgebiet“ auf, berichtet Grütter.

Den Aufstieg der Montanindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt die Ausstellung mit Fotos, Originaldokumenten wie dem Vertrag der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ und Modellen etwa der Zeche Zollverein - einst größte Steinkohlenzeche der Welt. Sie zeigt aber auch den langen Abstieg der Kohle- und Stahlbranche nach den Kohleförderrekorden 1957/58: mit immer stärkerem Kapazitätsabbau wegen billigerer ausländischer Konkurrenz bis zur Schließung der letzten deutschen Steinkohlezeche in Bottrop 2018, und mit Demonstrationen der Stahlkocher von Hoesch, Thyssen und Krupp mit Fackeln und Megafonen. Die Arbeitslosenzahlen im „Revier“ sind seitdem wie zementiert überdurchschnittlich.

Der Kommunalverband, der einst massenhaft neue Zechensiedlungen geplant hatte, warb in der Krise zunehmend für Neuansiedlungen neuer Unternehmen - etwa Opel oder Nokia - und kämpfte für das Image der Region mit Charme-Kampagnen wie „Der Pott kocht“. 1965 wurde in Bochum die Ruhr-Universität gegründet. Zugleich spielte die Kultur eine immer größere Rolle für die Identität der Region - Platz genug für Großveranstaltungen war etwa in der Westfalenhalle in Dortmund und der Grugahalle in Essen, die bis in die 1990er zu den größten Hallen in Deutschland zählten.

Heute ist der Himmel über dem Ruhrgebiet nach der Schließung vieler Fabriken längst wieder so blau, wie Willy Brandt es 1961 gefordert hatte. Grütter sieht gute Zukunftschancen für die Region vor allem wegen ihrer vielen Studenten und gut ausgebildeten jungen Menschen, der günstigen Mieten und der vielen Freiflächen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass manche Stadtviertel in Essen, Dortmund und anderswo wie abgehängt erscheinen - mit zugeklebten Fenstern und generationenübergreifendem Hartz-IV-Bezug.

Dennoch peilt das Ruhrgebiet große Ziele an: zunächst die große Internationale Gartenausstellung 2027, wie RVR-Chefin Karola Geiß-Netthöfel betont. Und der Traum der Region ist eine mögliche Olympiabewerbung 2032. Sie würde auf eine „überwältigende Zustimmung der Bevölkerung stoßen“, sagt Grütter. Und eine alte Scharte auswetzen: Dreimal hat sich das Revier schon vergeblich beworben.

(chal/dpa)