„Es fehlen Spezialisten zur Waldbrandbekämpfung“

Waldbrandgefahr in NRW : „Im Kampf gegen Waldbrände fehlen Experten“

Deutschland verfügt über kein einziges Löschflugzeug. Und an Löschhubschraubern und Spezialisten mangelt es ebenfalls, warnen Brandschützer.

Es ist 14.20 Uhr am Sonntagnachmittag, als der Notruf in der Leitstelle der Kölner Feuerwehr eingeht. Im Wald am Höhenfelder See im Stadtteil Dellbrück ist ein Feuer ausgebrochen, Unterholz und Buschwerk sind in Brand geraten. Eine Fläche von 1000 Quadratmetern steht in Flammen. 100 Feuerwehrleute rücken aus. Es gelingt ihnen, den Brand zu löschen, bevor er sich weiter ausbreiten kann.

Seit Jahren ist die Waldbrandgefahr in Nordrhein-Westfalen nicht mehr so hoch gewesen wie in diesem Sommer. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor mittlerer bis hoher Waldbrandgefahr in weiten Teilen von NRW. Aufgrund der langen Trockenheit ist die Entwicklung noch dramatischer für Felder und Wiesen. Festivals verbieten den Besuchern, Zigaretten zu rauchen, aus Sorge die Funken könnten ein Feuer entfachen. Betretungsverbote für Wälder werden geprüft. In Parks darf nicht mehr gegrillt werden. Beinahe täglich gerät ein Getreidefeld in Brand.

Wegen der anhaltenden Trockenheit herrscht beinahe in ganz Europa Waldbrandgefahr. In Schweden breiten sich die Waldbrände immer weiter aus. Deutschland hat auf ein Hilfeersuchen der schwedischen Regierung an die EU bislang 52 Feuerwehrleute aus Niedersachsen dorthin entsandt, weitere Einheiten aus Niedersachsen und Bayern bereiten sich zumindest als Reserve vor.

Die Feuerwehr in NRW würde auch gerne helfen.„Wir könnten locker zwei überörtliche Einheiten, bestehend aus je 120 Mann, hinschicken“, sagt Christoph Schöneborn, Landesgeschäftsführer des Verbandes der Feuerwehren (VdF). Laut NRW-Innenministerium ist das derzeit aber nicht nötig. Aber NRW sei grundsätzlich bereit, die Kräfte vor Ort in Schweden zu unterstützen, sagte eine Sprecherin von Innenminister Herbert Reul (CDU) unserer Redaktion. Nordrhein-Westfalen werde die Feuerwehrleute aus Niedersachsen bei Bedarf ablösen, so die Sprecherin weiter.

Löschflugzeuge, um die Schweden europaweit gebeten hat, könnte NRW nicht liefern. Und auch sonst kein Land in Deutschland. „Es ist tatsächlich so, dass die Länder und der Bund über kein einziges Löschflugzeug verfügen“, sagt Marianne Suntrup, Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Um Waldbrände aus der Luft zu bekämpfen, setzt man in Deutschland eher auf Hubschrauber. Aber auch an diesen mangelt es offenbar beträchtlich, sagt der renommierte Waldbrandexperte und Branddirektor Ulrich Cimolino, der auch Mitglied des VdF ist. In Deutschland verfügten demnach nur die Bundeswehr, die Bundespolizei und vereinzelt die Länderpolizei (etwa Bayern) und einzelne private Anbieter über für solche Einsätze benötigte Spezialhubschrauber. „Und von den rund 40 größeren Hubschraubern der Bundeswehr sind meist rund die Hälfte im Einsatz und die andere Hälfte entweder kaputt, bei Ausbildungsflügen oder Wartungsarbeiten“, betont Cimolino, der zum Thema Waldbrand promoviert hat.

Insgesamt sei die steigende Waldbrandgefahr in den vergangenen Jahren von vielen unterschätzt worden, meint er. Waldbesitzer und Gefahrenabwehr müssten mehr Hand in Hand arbeiten. Denn es fehle nicht nur häufig an vorbeugenden Maßnahmen, wie nutzbaren Wegen oder Wasserentnahmestellen, sondern oft auch an spezialisierter Ausrüstung und qualifiziertem Personal dafür. „Wir haben viel zu wenig Spezialisten für die Waldbrandbekämpfung“, sagt Cimolino. Ein Versäumnis, das nicht kurzfristig korrigiert werden könnte.

Anders als Schweden oder Bundesländer wie Brandenburg verfügt NRW in weiten Teilen über Mischwälder mit hohem Laubwaldanteil. „Das ist gut, denn etwa Eichen oder Buchen fangen nicht so schnell Feuer wie Kiefern und Fichten, die bei der Trockenheit in Windeseile wie Zunder brennen“, sagt Cimolino. Aber auch bei dieser Vegetation sei ein großflächiger Waldbrand nicht zu verhindern. „Solange ein Waldbrand klein bleibt, ist die Lage zu kontrollieren. Breitet sich das Feuer aber aus, können auch wir in NRW große Probleme bekommen, und die Lage wird dann sehr schwer zu kontrollieren“, sagt der Branddirektor.

Brandbekämpfung ist in Deutschland Ländersache. Und die Länder geben die Verantwortung dafür an die Städte und Gemeinden weiter. Das ist auch bei der Waldbrandbekämpfung nicht anders. „Und die Gemeinden entscheiden im Rahmen bestimmter Richtlinien selbst, wie sie eine Feuerwehr aufstellen und ausstatten“, sagt Schöneborn. Anders als in Schweden gebe es in NRW allerdings ein sehr enges Netz an Feuerwehren, die im Ernstfall schnell zur Stelle sein könnten. Zudem seien die Wege wesentlich kürzer. Außerdem verfüge die Feuerwehr in NRW als einziges Bundesland über 20 sogenannte überörtliche Hilfseinheiten, die jeweils aus 120 Mann bestehen und über das ganze Land verteilt seien. „Diese werden bei allen Großlagen alarmiert, wenn es nötig ist“, sagt Schöneborn.

Sollte ein Waldbrand eine Dimension erreichen, die über Ländergrenzen hinaus geht, schaltet sich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ein. Dort befindet sich das „Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern“ (GMLZ), das ganzjährig rund um die Uhr besetzt ist und bevölkerungsschutzrelevante Lagen auf Bundesebene beobachtet und analysiert. Zudem vermittelt das GMLZ bei besonderen Ereignissen Engpassressourcen – wie aktuell bei den Waldbränden in Schweden Feuerwehrleute und Hubschrauber. „Das GMLZ prüft dann, welche Stelle die gesuchte Ressource zur Verfügung stellen kann“, erklärt Suntrup.

(csh)
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