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NRW: "Eiserner-Rhein"-Pläne alarmieren Städte

NRW : "Eiserner-Rhein"-Pläne alarmieren Städte

Bei einer Güterzug-Route von Antwerpen ins Ruhrgebiet befürchten Anwohner mehr Lärm.

Harald Jeschke kennt sich aus mit Lärm. Der Duisburger wohnt zehn Meter von Bahngleisen entfernt. Messungen auf seiner Terrasse haben bei 95 Prozent der Güterzüge rund 100 Dezibel ergeben (zum Vergleich: ein Presslufthammer liegt bei 80 Dezibel). Auch deshalb engagiert sich Jeschke als Vorsitzender des Bürgervereins Duisburg-Neudorf schon lange für einen besseren Lärmschutz.

Rund 1500 Güterzüge pro Woche, viele davon 700 Meter lang und rund 4000 Tonnen schwer, passieren Neudorf, mit der Verwirklichung des Projekts "Eiserner Rhein" könnte diese Zahl noch steigen. Das Bundesverkehrsministerium prüft derzeit eine neue Variante der seit Jahrzehnten umstrittenen Güterzugstrecke, die Antwerpen (Belgien) mit dem Ruhrgebiet verbinden soll, nämlich eine Linienführung über Venlo, Kaldenkirchen und Rheydt. Zuletzt war eine Neubau-Trasse entlang der A 52 im Gespräch gewesen.

In Krefeld wären von den Plänen rund 60.000 Menschen betroffen: Der "Eiserne Rhein" würde auf der bestehenden Trasse mitten durch die Stadt führen. Hans Jürgen Herzog, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Krefelder Bürgerverein (AKB), kündigte an, die Bürgervereine in Forstwald, Linn, Oppum und Stadtmitte zusammenzutrommeln, um zu beraten, wie man sich gegenüber Politik und Bahn positioniert, falls es diesmal ernst wird. "Wenn man über einen Streckenneubau bei Viersen redet, muss man auch über eine Streckenführung um Krefeld herum reden", sagt er und steckt damit die Maximalforderung der Vereine ab. Der Bürgerverein Linn hat Messgeräte bestellt, die er entlang der Bahnstrecke durch das besonders betroffene Linn positionieren will, teilte Herzog mit. Ziel: Belege vorzulegen, wie laut der Bahnverkehr ist.

Die Bürger sind quasi kampferprobt: Schon zu Zeiten von Ministerpräsident Wolfgang Clement ging es beim Thema "Eiserner Rhein" hoch her, erinnert sich Herzog. Als Clement bei einer Veranstaltung in Krefeld-Fischeln sprach, wurde er von wütenden Bürgern begrüßt, die per Lautsprecher Güterzuglärm vorspielten, erzählt Herzog. "Clement war stinksauer."

Auch in Mönchengladbach formiert sich bereits der Widerstand gegen die neue Bundes-Variante zum "Eisernen Rhein". Dieser Bürgerprotest wird an Kraft gewinnen, weil deutlich mehr Menschen von der geplanten Güterzug-Verbindung durch das Stadtgebiet betroffen wären. Die Bürgerinitiative "Eiserner Rhein West-Initiative" (ERWIN), um die es zwischenzeitlich ruhig geworden war, weil das Projekt bis zum St. Nimmerleinstag verschoben zu sein schien, hat bereits angekündigt, wieder aktiv zu werden. Ihr Sprecher, der Psychiater Jürgen Vieten, sagt, dass es unerträglich sei, wie die Verkehrsplaner mit dem Vertrauen und der Gesundheit der Bürger spielten. Die Initiative fordert statt der Bundes-Variante eine leistungsfähige Trasse entlang der Autobahn 40.

Die Bahn will die Lärmbelastung durch ihre Züge bis 2020 halbieren. Abhilfe schaffen sollen "Flüsterbremsen", die den Lärm um zehn Dezibel reduzieren. Weil aber nur neue Züge mit den Bremsen ausgestattet werden und Güterwaggons 40 Jahre im Einsatz sind, fahren mehr als 90 Prozent der Züge noch mit den lauteren Bremsanlagen. Für Strecken-Anwohner besteht zudem ein Anspruch auf Lärmschutz, wenn eine eingleisige Strecke zweigleisig ausgebaut wird, was zwischen Kaldenkirchen und Dülken bei der Umsetzung der Bundes-Variante der Fall wäre. Bahn-Kritiker Jeschke bezeichnet die geplante Lärmreduzierung als Märchen. "Ich vergleiche das gerne mit Garzweiler. Anwohner des ,Eisernen Rheins' sollten der Lebensqualität zuliebe eher umziehen, als ihre Gesundheit dem Lärm weiterhin auszusetzen."

Hier geht es zur Infostrecke: Eiserner Rhein – Hintergründe und Fakten

(jis, isch, web, vo)