Erkelenz: Ein Tag im Jugendamt

Erkelenz: Ein Tag im Jugendamt

Entweder reagiert es zu früh oder zu spät - kaum eine Institution ist so umstritten wie das Jugendamt. Ein Besuch in Erkelenz.

Der Gesetzgeber hat Mitarbeitern eines Jugendamtes keine leichte Aufgabe gegeben: Sie müssen das Wohl eines Kindes gegen das hohe Gut der elterlichen Sorge abwägen. Denn die Familie unterliegt einem besonderen Schutz - zu Recht. Doch wann ist der Punkt erreicht, an dem es einem Kind bei seinen leiblichen Eltern nicht mehr gut genug geht? Das Jugendamt der 45 000-Einwohner-Stadt Erkelenz gewährt Einblicke in seinen Alltag.

Allgemeiner Sozialer Dienst

Auf dem Tisch, an dem Gerlind Krause bei ihren Beratungsgesprächen im zweiten Stock des Rathauses sitzt, liegt immer ein Päckchen Taschentücher. Die sind oft notwendig, denn die Menschen, die zu der Sozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) kommen, sind selten glücklich. Frau M.* hat auch schon dort gesessen und geweint. Ihr Partner hat sie bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, sie trennte sich vom Vater ihrer Tochter, bemühte sich aber stets um ein gutes Verhältnis zu ihm. "Die beiden hängen so aneinander", sagt sie und ließ sogar zu, dass das Mädchen beim Vater wohnte. Doch dann hat er es ebenfalls geschlagen. So stark, dass man die sichtbare Verletzung mit einem Lineal messen konnte. Und nun sitzt die Mutter bei Gerlind Krause, und die beiden sprechen darüber, wie es weitergeht, mit der Beziehung zum Vater, den Problemen bei der Erziehung, dem weiteren Schulweg. Heute geht es auch darum, ob die Elfjährige vor Gericht aussagen soll. Gerlind Krause rät der Mutter ab. Die Beweislage sei eindeutig und das Kind ohnehin in einem starken Loyalitätskonflikt.

Die 43-Jährige und ihre sieben Kolleginnen im ASD begleiten Familien mit unterschiedlichen Problemen. Manchmal geht es um die Regelung von Sorge- und Umgangsrecht nach einer Scheidung. In anderen Fällen suchen Eltern Rat, weil pubertierende Teenager sie hilf- und machtlos machen. Es gibt Coachingkurse für Eltern, Unterstützung bei entwicklungsverzögerten oder verhaltensauffälligen Kindern. Das Jugendamt kennt ein ganzes Bündel von Hilfen und Maßnahmen. Und doch ist es für viele Familien ein Schreckgespenst, wer sich an es wendet, hat meist einen längeren Kampf ausgefochten. Gerlind Krause weiß um das Misstrauen, das den "Frauen vom Amt" entgegengebracht wird. "Dabei dient unsere Arbeit der Verbesserung von Beziehungen", sagt sie, "nicht der Verurteilung von Familien."

Meist geht es um eine familienrechtliche Begleitung, immer öfter sind es aber auch Fälle wie der von Frau M., bei denen Misshandlungen eine Rolle spielen. "Subjektiv nimmt die häusliche Gewalt zu", stellt Krause fest. Laut Hirnforschern schade es Kindern selbst dann, wenn sie erleben, wie jemand anderes geschlagen wird. "Auch passive Gewalt schädigt und stört die Entwicklung." Kinder bekommen zu Hause häufig nicht genügend Aufmerksamkeit, werden psychisch misshandelt durch Herabsetzung. Sie laufen von zu Hause weg. Dann meldet die Polizei auch schon mal Sechsjährige, die sich zu ihr geflüchtet haben.

Wann Jugendamtsmitarbeiter in das Sorgerecht der Eltern eingreifen dürfen, gibt der Gesetzgeber vor. Eine Inobhutnahme ist zum Beispiel eine kurzfristige Maßnahme zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, die sich in einer akuten, sie gefährdenden Situation befinden. Fordern Eltern das Kind zurück, entscheidet das Familiengericht innerhalb weniger Tage. Bislang hat es Gerlind Krause in ihrer jahrelangen Arbeit nur zweimal erlebt, dass das Familiengericht gegen das Jugendamt geurteilt hat. Dennoch leben sie und ihre Kollegen mit einem ständigen Vorwurf. Er lautet: entweder haben sie zu früh eingegriffen und eine Familie zerstört. Oder sie haben zu spät eingegriffen und im schlimmsten Fall ein Menschenleben nicht genügend geschützt. Jedes Jahr sterben in Deutschland 150 Kinder an den Folgen von Misshandlungen. "Es gibt keine Null-Fehler-Garantie in der Sozialarbeit", betont Krause. Deshalb setzt der ASD in Erkelenz auf eine kollegiale Fallberatung. Bei neuen Fällen oder Notrufen kommt das Adhoc-Team zusammen, die Mitarbeiterinnen besprechen gemeinsam, was zu tun und zu beachten ist, um Betriebsblindheit zu verhindern. Auch wenn es oft nicht so scheine. "Wir geben alles dafür, dass Kind und Eltern zusammenleben können", sagt die Sozialarbeiterin. Nicht alle Familien schaffen das.

Die Bereitschaftspflegemutter

Im Wohnzimmer der Familie Z. in Erkelenz liegt Spielzeug, und neben dem Sofa steht nun ein Bettchen. Dort schläft der kleine Jason. Seit zwei Wochen lebt der 14 Monate alte Junge nicht mehr bei seinen Eltern. Sie sollen ihn und seine Geschwister geschlagen und vernachlässigt haben. Am Körper des Kleinkinds fanden sich blaue Flecken, etwa am Rücken oder im Gesicht. Jeden Besucher lächelt er dennoch fröhlich an, er lässt sich auf den Arm nehmen. Ein offenes Kind möchte man meinen. Doch das Lächeln friert schnell ein und dient nur dazu, sein Gegenüber bei Laune zu halten. "Auch dass er bei jedem ohne Probleme auf den Arm geht, spricht nicht für stabile Bindungen zu seinen Eltern", sagt Judith Linzbauer-Corigliano, Mitarbeiterin im Pflegekinderdienst. Auch Frau Z. merkt in vielen anderen alltäglichen Situationen, dass Jason nicht gut behandelt wurde. Die Mutter einer erwachsenen und einer siebenjährigen Tochter ist eine Bereitschaftspflegemutter, das heißt: Wenn das Jugendamt Kinder aus einer Familie holt und sie nicht bei Verwandten untergebracht werden können, kommen sie zunächst zu ihr.

Jason kennt kein Ins-Bett-Gehen-Ritual, keine Lieder, keine Geschichten. "Er weiß noch nicht mal, wie man kuschelt", sagt Frau Z. Wenn er nachts wach in seinem Bettchen liegt, kommt von ihm kein Laut. "Er hat vermutlich bislang die Erfahrung gemacht, dass Weinen nichts bringt - es kommt eh niemand und sieht nach ihm", sagt Linzbauer-Corigliano. Der Junge lauert aber darauf, wer zu ihm kommt. Frau Z. hat schon bemerkt, dass er auf einen bestimmten Typ Mann panisch reagiert.

Jedes zehnte Kind wird wegen Vernachlässigung aus der Familie genommen. Denn auch Nichtstun hinterlässt Spuren: Werden Kinder körperlich und emotional vernachlässigt, entwickeln sie sich nur verzögert, haben soziale und geistige Defizite. Forscher betonen, dass stabile Bindungen für die Entwicklung wichtiger seien als eine gute Ernährung. "Man muss sich sicher fühlen, um die Welt zu erkunden", sagt Gerlind Krause.

Im vergangenen Jahr gab es die höchste Zahl an stationäreren Unterbringungen in 30 Jahren. Das Jugendamt bräuchte deshalb mehr Familien wie die Z.s, die bereit sind, sich vernachlässigter Kinder anzunehmen, viel Energie und Empathie zu investieren und die jungen Gäste auf Zeit dann auch wieder gehenzulassen. Frau Z. fällt die Trennung immer schwer. Ein früheres Pflegekind zum Beispiel hat zu Beginn alles im Haus vollgekotet. "Das war eine schwierige Zeit. Und als wir aus ihm wieder ein Super-Kind gemacht hatten, musste es gehen." Denn die Bereitschaftspflege ist nicht auf Dauer angelegt. Die Kinder, die nicht zu ihren Eltern zurückkehren können, kommen in Pflegefamilien oder in ein Heim.

Auch wenn es oft harte Phasen gibt, will Frau Z. diesen Kindern weiter eine zweite Chance geben. Die Herausforderung für sie sei nicht, sich immer wieder von einem Kind zu verabschieden, sondern überhaupt ein Kind aufzunehmen. "Ich weiß ja nie, was kommt, wenn das Telefon klingelt", sagt sie. Ein Baby auf Drogenentzug? Ein Kind, das ständig schreit?

Auf Zeit lebt Jason nun in einer Familie, die ihm Bücher vorliest und die für Besucher einen Kuchen backt. Der Kleine saugt Zuneigung und Aufmerksamkeit auf und verwandelt sie in normales kindliches Verhalten. Wenn er sich früher auf dem Spielplatz wehgetan hat, suchte er keinen Trost. Mittlerweile wendet sich der Junge an Frau Z., in dem gewachsenen Vertrauen, dass sie seinen Schmerz beenden kann.

Das Mutter-Kind-Heim

Manchmal nimmt das Jugendamt ein Kind mit seiner Mutter in Obhut. Dann leben sie zum Beispiel in der Caritas-Einrichtung in Erkelenz. "Es sind minderjährige oder obdachlose Frauen, bei denen wir die Hoffnung haben, dass sie unter Anleitung ihr Kind gut versorgen und zu ihm eine stabile Beziehung aufbauen", betont Jugendamtsleiter Claus Bürgers. Für die öffentliche Hand ist solch eine Unterbringung mit die teuerste: Der Tagessatz liegt bei 115,64 Euro - mal zwei.

Im Mutter-Kind-Heim lernen junge Frauen, von denen hohes Engagement und viel Kooperationsbereitschaft erwartet wird, wie sich ein Baby entwickelt und welche Bedürfnisse es hat. Wie man ein Fläschchen macht, wie oft man Windeln wechseln muss, putzen, einkaufen, mit Geld umgehen. Es sind alltägliche Dinge, die man eigentlich von jungen Erwachsenen erwarten könnte. Es sind aber auch Dinge, die diese Frauen nie gelernt haben, weil es ihnen in ihrer Familie niemand vorgelebt hat.

Solch eine Kindheit kann in einem Leben eine Leere hinterlassen, die ein eigenes Kind füllen soll. Eigentlich sollten Eltern etwas geben, hier sind es die Kinder, die einen Zweck erfüllen sollen: etwas Kaputtes heilen. Eine Frau, die Gruppenleiterin Renate Bodden betreut, ist Anfang 20, hat traumatische Erlebnisse hinter sich und lebt mit ihrem dritten Kind in der Einrichtung. Das erste bekam sie, da war sie gerade mal ein Teenager, das zweite kurz darauf. Beide leben nicht bei ihr. Für ihr drittes Kind bekommt sie nun alle Unterstützung von den Caritas-Mitarbeiterinnen, damit das Jugendamt es guten Gewissens in ihrer Obhut lassen kann. Gelingt es nicht und man nimmt ihr das Kind "weg", so ist zu befürchten, kommt das vierte, dann vielleicht das fünfte. "Sie will ja nur mit ihren Kindern zusammenbleiben", sagt Claudia Gaal, stellvertretende Heimleiterin. Der Wunsch nach einer Familie überdeckt die Erkenntnis, dass das Familienleben einen im Alltag überfordert. "Die Erziehung eines Kindes ist mit das Anspruchsvollste, was man im Leben leisten kann", sagt Gaal.

Auch viele der betreuten Mütter sind vernachlässigte Kinder gewesen. Bei Nichtbeachtung verändert sich das kindliche Gehirn, Kinder erfahren mitunter Todesängste, sagt Claudia Gaal. Aber diese Defizite könnten wettgemacht werden. "Viele haben liebenswerte Seiten und positive Facetten. Diese wollen wir finden und fördern." Die Frauen sollen sich nicht mehr fremdbestimmt erleben, sondern die Kontrolle über ihr Leben bekommen. Oft genug gelingt das. Die Mütter ziehen dann mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung, bekommen zunächst regelmäßige Besuche und werden dann selbstständig.

Wenn das nicht gelingt und sie die eigenen Grenzen erkennen, werden Pflegefamilien gesucht. Häufig stehen die neuen Eltern und die Mutter in Kontakt, denn die Frau, die das Leben geschenkt hat, gehört mit zur Biografie und zu den Wurzeln. "Die Kinder kommen damit gut klar, dass sie eine ,richtige Mama' und eine Bauch-Mama haben", stellt Renate Bodden fest. Wenn es Probleme gäbe, läge das an den Erwachsenen. Und selbst die Mütter, die man von ihren Kindern trennen musste, halten den Kontakt zum Mutter-Kind-Heim, weil sie dort eine Chance bekommen und die Mitarbeiter ihnen etwas zugetraut haben. Für viele war es das erste Mal in ihrem Leben.

* Alle Namen der betreuten Familien und Kinder sind geändert.

(RP)
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