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Prozessbeginn in Bielefeld: Ein Doppelmord und die Suche nach dem Tatmotiv

Prozessbeginn in Bielefeld : Ein Doppelmord und die Suche nach dem Tatmotiv

Schon bei der Verlesung der Anklage stockt den Menschen im voll besetzten Saal 1 des Bielefelder Landgerichts der Atem. Blutige Details und manches Rätsel geben einen Vorgeschmack auf den Prozess. Der Angeklagte sieht sich schuldfrei - seine Haltung dokumentiert er schriftlich auf einem Blatt Papier.

"Das hatten wir hier auch noch nicht", sagt Staatsanwalt Christoph Mackel verblüfft. Eben hat der Prozess um einen Doppelmord begonnen und der Angeklagte, ein adretter 29 Jahre alter Mann, hält den Fotografen einen Zettel entgegen: "Schuldfrei" steht darauf. Die Anklage ist da ganz anderer Ansicht.

Vieles ist an dieser Tat ungewöhnlich. Da ist das Datum: Heiligabend 2013. Da sind die Opfer, eine 74 Jahre alte Ärztin, die sich mit Naturheilverfahren um Kranke kümmerte, ihr drei Jahre älterer Bruder und sein Hund. Alles sieht nach Raubmord aus, doch niemand weiß, ob überhaupt etwas aus der vornehmen Villa in Gütersloh gestohlen wurde.

Während anderswo Weihnachtslieder gesungen und Festessen vorbereitet werden, kommt die Tochter der Ärztin am ersten Feiertag in die Villa. Ihr bietet sich ein grauenvolles Bild.

Nüchtern und knapp beschreibt der Staatsanwalt die Tat. Wie der Täter wohl zuerst mit der Ärztin am Nachmittag am Tisch gesessen hat; wie er dann unvermittelt auf sie einsticht. Zuerst auf den Oberkörper. Die alte Frau kann noch zurückweichen, einen Arm zur Abwehr heben. "Durchstochen", konstatiert Mackel. Als sie schon blutend am Boden liegt, sticht der Täter noch auf sie ein.

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Auch der zu Hilfe eilende, 77 Jahre alte Bruder hat keine Chance. Stiche in die Brust, in die Lunge, Rippen brechen. Auch hier sticht der Täter noch zu, als das Opfer am Boden liegt. Zuletzt tötet er auch noch Colliemischling "Benni".

Bei beiden Geschwistern waren es exakt elf Stiche. Beide verbluten. "Es war eine Tat von außergewöhnlicher Brutalität", sagt Mackel am Rande der Verhandlung. Das verweise sonst eher auf Beziehungstaten, auf grenzenlosen Hass.

Dagegen spreche aber, wie besonnen der Täter dann vorgegangen sei. Wie er den Blindstopfen von der Gasleitung im ersten Stock entfernt und im Erdgeschoss eine Kerze anzündet, wohl um Spuren zu verwischen.
Nur weil das Haus etwas zugig ist, erreicht das Gas nicht die für eine Explosion nötige Konzentration.

In der Anklage des Indizienprozesses lautet der Vorwurf Habgier. Möglicherweise hat der Täter ein paar hundert Euro mitgenommen. Der Fall könnte noch eine andere Wendung nehmen. Der junge Mann, gelernter Gas- und Wasserinstallateur und zuletzt Informatikstudent, war mehrmals im Haus, hat kleinere Arbeiten erledigt, kannte jeden Raum.

"Mein Mandant ist unschuldig", sagt Verteidiger Carsten Ernst. "Der Prozess nimmt ihn sehr mit." Am nächsten Verhandlungstag will er eine Erklärung für seinen Mandanten abgeben. Im Prozess müsse auch geklärt werden, welche Rolle die Tochter und Alleinerbin der Ärztin sowie ihr Lebensgefährte spielen. Gegen beide wird weiter ermittelt. Die Polizei hält es nicht für ausgeschlossen, dass das Erbe das wahre Motiv für die Tat sein könnte.

Auch die Beziehung des Angeklagten zum Lebensgefährten der Tochter dürfte interessant werden. Bei beiden Männern wurden zahlreiche Bücher des Anthropologen und esoterischen Autors Carlos Castaneda (1925-1998) gefunden. Darin ist vom "Weg des Kriegers" die Rede, der seinem Herzen folge und sich befreie. Beide Männer trafen sich am ersten Weihnachtstag in der Kirche und gingen dann spazieren.

(lnw)