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Ehrenamtliche Helfer in der Flutkatastrophe: Ohne sie geht nichts

Ehrenamtliche Helfer erzählen : „Wenn Leben in Gefahr sind, macht niemand Pause“

Sie haben Leben gerettet, Tote gesehen und trotzdem weitergemacht. Tausende Mitglieder von Hilfsorganisationen kämpfen seit Mittwoch für die Betroffenen der Flutkatastrophe. Hier sprechen fünf von ihnen über ihre Einsätze.

Saskia Matheisen, DRK Wasserwacht Neuss, Tauchgruppe

„Heute am Freitag geht es mir wieder ganz gut. Heute ist Freitag, oder? Der Einsatz war sehr belastend. Ich bin mit der Tauchgruppe nach Bad Münstereifel gefahren. Aber wir sind gar nicht reingekommen – jegliche Verbindungen waren abgebrochen. Die Brücken waren kaputt, die Straßen auch. Also haben wir vor dem Ort Menschen aus Autos gerettet, die vom Wasser mitgerissen wurden. Am nächsten Morgen wurden wir nach Iversheim verlegt. Dort war es extrem, der komplette Stadtteil war überspült. Mit Schlauchbooten fuhren wir dadurch. Wir haben Menschen aus Wohnungen gerettet, in denen das Wasser bis zum zweiten Stock stand.

 Saskia Matheisen (Mitte) von der DRK Wasserwacht war Teil einer Tauchgruppe.
Saskia Matheisen (Mitte) von der DRK Wasserwacht war Teil einer Tauchgruppe. Foto: privat

Viele Kollegen haben traumatische Sachen erlebt: Man geht in einen Raum und sieht tote Menschen, in dem nächsten Raum sieht es nicht besser aus. Trotzdem haben sich viele Kollegen bei der Wasserwacht schon wieder einsatzbereit gemeldet. Ich glaube, jeder Mensch will helfen. Wir können das, sind mit unserer Ausrüstung und Ausbildung dafür in der Lage. Für die Nachbarn muss es viel schlimmer sein – sie wollen helfen, können es aber im Zweifel nicht.“

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Tim Feister, Malteser, Koordination der Einsätze

 Tim Feister koordinierte die Einsätze in Leverkusen, unter anderem die Evakuierung von Intensivstationen.
Tim Feister koordinierte die Einsätze in Leverkusen, unter anderem die Evakuierung von Intensivstationen. Foto: privat

„Im Alltag leite ich die Geschäfte bei den Maltesern. Aber in Katastrophenlagen ist es anders. Zwischen Mittwochmorgen und Donnerstagmittag habe ich 25 Stunden nicht geschlafen. Ich bin müde, aber man funktioniert irgendwann automatisch. Die meiste Zeit war ich in dem Raum der Hauptfeuerwache in Leverkusen – dort kommen minütlich neue Meldungen rein, das ganze Stadtgebiet ist ein Einsatzort. Wir haben vor uns diverse Monitore und Tafeln, die die aktuelle Lage möglichst genau abbilden. Wir versuchen, von der Zentrale aus die Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Malteser und der anderen Organisationen systematisch zu steuern. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ein vollgelaufener Keller, der keine Menschenleben gefährdet, muss im Zweifel liegen bleiben. Wir mussten in Leverkusen zwei Intensivstationen und ein Altenheim evakuieren. Die Evakuierten haben irgendwann Hunger und Durst, das gilt auch für die Einsatzkräfte, auch ihre Verpflegung koordinieren wir. Man merkt in solchen Lagen, wie wichtig die Ehrenamtlichen sind. Wenn Menschenleben in Gefahr sind, macht niemand von ihnen Pause.“

Jan Poschmann, Freiwillige Feuerwehr Schwelm

 Jan Poschmann von der Freiwilligen Feuerwehr in Schwelm pumpte unzählige Keller leer.
Jan Poschmann von der Freiwilligen Feuerwehr in Schwelm pumpte unzählige Keller leer. Foto: privat

„Wir sind mit unserem Feuerwehrauto mittwochabends nach Lüdenscheid gefahren. Als wir da waren, war Altena schon von der Außenwelt abgeschnitten. Schnell danach kam die traurige Nachricht, dass ein Kamerad ums Leben gekommen ist. Das dämpft die Stimmung ein bisschen. Man hat einen Moment, um das zu verdauen, und dann kommt der nächste Einsatz. Wir hatten zweimal Gasalarm-Einsätze. Bei dem einen ging es um einen großen schwimmenden Gastank, der sich gelöst hatte. Wir haben zwei Kameraden angeleint und ins Wasser gesteckt. Sie mussten sich langsam vortasten, um diesen Gastank mithilfe eines Baums und einem Zaun an Ort und Stelle zu fixieren. Dann haben wir auch viele Keller leergepumpt, einen nach dem anderen. Alle Kollegen, mit denen ich im Einsatz war, haben am Mittwochmorgen normal gearbeitet. Ich war erst am nächsten Tag zu Hause und fast 30 Stunden wach. Wir machen natürlich Pausen. Dann trinkt man einen Kaffee, legt die Beine hoch, darf für fünf Minuten zusammenbrechen – dann einen zweiten Kaffee und weiter geht’s.“

Timo Clames, Johanniter Unfallhilfe, Betreuung von Evakuierten

 Timo Clames hat in Düsseldorf die Betreuung von Evakuierten koordiniert, links Führungsassistentin Jana Pötsch.
Timo Clames hat in Düsseldorf die Betreuung von Evakuierten koordiniert, links Führungsassistentin Jana Pötsch. Foto: privat

„Am Mittwochmittag bekam ich einen Alarm mit dem Stichwort ‚Betr-250+’. Das heißt, es müssen 250 Personen oder mehr evakuiert und betreut werden. Ich schaltete meinen PC aus, packte meine Sachen und fuhr zur Wache. Es wurde geschätzt, dass in die Betreuungsstelle, eine Schule in Düsseldorf, 1000 Betroffene kommen. Sie hatten keinen Strom mehr und brauchten eine Unterkunft. Ich habe dann die Räume in der Schule gesichtet. Man muss alle Eventualitäten beachten: Haben wir separate Räume und Toiletten für Corona-Infizierte? Kommen Leute mit Rollstuhl rein und raus? Wo kann eine Verpflegung stattfinden? Ich war immer zwischen den Räumen unterwegs. Man muss auch aufpassen, dass die Helfer nicht wegen der Anstrengung wie die Fliegen umfallen. Aber in solchen Fällen kann man müde sein und trotzdem funktionieren – man gibt in dem Augenblick oft mehr als 100 Prozent.“

Kevin Rheinfelder, DRK Niederrhein, Einsatzführung

 Kevin Rheinfelder führte Bootseinsätze im Kreis Euskirchen.
Kevin Rheinfelder führte Bootseinsätze im Kreis Euskirchen. Foto: privat

„Um 19:30 Uhr am Mittwoch gab es den scharfen Alarm für den Wasser-Rettungszug. Wir haben uns zusammen auf einem Parkplatz am Duisburger Zoo getroffen und wussten zunächst nicht, wohin wir fahren sollen. Zunächst hieß es Aachen, dann Erftstadt, dann wurde es doch der Kreis Euskirchen. Als wir ankamen, erhielten wir die Aufgabe, Leute von den Hausdächern zu evakuieren. Da war schon bekannt, dass es mehrere Tote gibt. Man hat in einer solchen Lage auch im Hinterkopf, dass es eine große Eigengefährdung gibt. Alle machen mit, denn der Auftrag heißt: Menschenleben retten. Mein Team ist nach Schleiden gefahren, in den Stadtteil Gemünd. Zu dem Zeitpunkt gab es fast keinen Strom im Kreis. Man fährt durch dunkle Straßenzüge, überflutete Straßen, in die Ungewissheit rein. Es gibt keine Internetverbindung, die Straßenbeleuchtung ist aus – und man schickt ein Boot in die Dunkelheit rein. Ich war über Funk im ständigen Kontakt mit den Teams in den Booten und habe die medizinische Versorgung organisiert. Wir haben Menschen gerettet. Aber auch Verstorbene gesehen, die im reißenden Fluss an uns vorbeigezogen sind. Man muss dann weiter funktionieren für die Menschen, denen noch zu helfen ist. Ich gehe davon aus, dass wir am Wochenende in den nächsten Einsatz fahren.“