„Dunkelfeldstudie“: NRW untersucht Gewalt gegen Jungen und Männer

„Dunkelfeldstudie“ : NRW untersucht Gewalt gegen Jungen und Männer

Gewalt gegen Jungen und Männer ist ein gesellschaftliches Tabu-Thema. NRW will es nun erstmals in einer sogenannten Dunkelfeld-Studie beleuchten. 60.000 Bürger sollen darüber Auskunft geben - ebenso wie über Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie ihr Sicherheitsempfinden.

Mit einer anonymen Befragung will Nordrhein-Westfalen das Thema Gewalt gegen Jungen und Männer aus der Tabu-Zone holen. Mit der repräsentativen, wissenschaftlich begleiteten Studie betrete die Landesregierung in diesem Spezialfeld bundesweites Neuland, sagte Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach (CDU) am Montag in Düsseldorf.

Der Themenschwerpunkt ist Teil der ersten sogenannten Dunkelfeld-Studie in NRW zu Gewalt gegen Mädchen, Frauen, Jungen und Männer. In dieser Woche erhalten 60.000 zufällig ausgewählte Personen in 81 Kommunen in NRW ein Ankündigungsschreiben des Landeskriminalamts. Anfang September soll der 67 Punkte umfassende Fragenkatalog dann per Post verschickt werden.

Die Landesregierung wolle damit auf einem wichtigen Feld der Gewaltbekämpfung „die Lichter anschalten“, sagte Scharrenbach. Die Studie solle vor allem Aufschluss geben, welche Gewalterfahrungen Menschen haben und warum in bestimmten Deliktbereichen häufig keine Anzeige erfolge. Darüber hinaus werde erstmals in NRW das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger abgefragt. Ergebnisse seien zum Sommer 2020 zu erwarten.

Gemeinsam mit Bayern plane NRW zudem, einen „heißen Draht“ für Jungen und Männer mit Gewalterfahrungen aufzubauen, kündigte Scharrenbach an. Die Hotline solle bis zum kommenden Frühjahr stehen. Bayern und NRW wollten mit dieser Initiative vorangehen. Das Angebot solle auch für andere Bundesländer geöffnet werden.

Die nordrhein-westfälische Dunkelfeld-Studie konzentriert sich vor allem auf Gewaltkriminalität, die nie zur Anzeige kommt und daher auch nie in einem Strafprozess aufgearbeitet wird - dies gelte etwa in hohem Maße für Sexualdelikte. Die Landesregierung wolle auch erfahren, ob die Hilfsangebote für Opfer überhaupt bekannt und passgenau seien, erläuterte Scharrenbach.

Auslöser für die Initiative seien die massenhaften sexuellen und räuberischen Übergriffe auf Mädchen und Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 gewesen. Das Versagen der Polizei- und Ordnungsbehörden hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Damals waren mehr als 1200 Anzeigen gegen Tatverdächtige eingegangen - vor allem wegen sexueller Übergriffe und Handy-Diebstählen. Hunderte Verfahren waren eingeleitet, aber nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Beschuldigten verurteilt worden.

Laut Polizeistatistik sei die Kriminalität in NRW rückläufig, stellte Innenminister Herbert Reul (CDU) fest. Demnach sank die Kriminalität im bevölkerungsreichsten Bundesland 2018 auf den niedrigsten Stand seit 30 Jahren. Im vergangenen Jahr wurden mit 1,28 Millionen Straftaten rund sieben Prozent weniger registriert als im Jahr zuvor. Auch die Gewaltkriminalität sank demnach um 2,9 Prozent auf 45 300 Fälle. Dagegen war bei Sexualdelikten ein Anstieg um 9,2 Prozent auf 14.100 Fälle zu verzeichnen.

Er wolle sich nicht mit einer „Superkriminalitätsstatistik“ auf dem Papier zufrieden geben, sondern erfahren, was die Bürger abseits der „schönen Zahlen“ beschwere - auch, wenn das „politisch nicht sehr angenehm“ werde, sagte Reul. Er sorge sich aber nicht, mit dem Ausleuchten des kriminellen Dunkelfelds Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten zu geben. „Man muss Fakten nennen, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, dass man sich kümmert.“

Dabei gehe es etwa um die Frage, wie sicher sich die Bürger in ihrem Wohnumfeld fühlten. „Zahlen sind das eine, aber das Empfinden ist eine andere Sache“, betonte Reul. „Gefühle bestimmen auch das Handeln. Wer etwa Angst habe, sich an einer bestimmten Haltestelle aufzuhalten, werde sie meiden. „So entsteht ein Raum der Angst. Das ist unser Problem. Wir wollen Maßnahmen ergreifen, damit Bürger keine Angst haben.“

Dafür sei die Regierung aber darauf angewiesen, dass der Rücklauf zu der 500.000 Euro teuren Studie so hoch ausfalle, dass die vom Bonner Institut infas ausgewerteten Ergebnisse als repräsentativ angesehen werden könnten.

(siev/dpa)
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