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Düsseldorf: Tafeln in NRW sind in Notlage

Tafeln in NRW in Notlage : Mehr Bedürftige, weniger Ware und ein Spendeneinbruch

Die Tafeln in Nordrhein-Westfalen haben große Probleme: Die Nachfrage nach Lebensmitteln steigt, doch das Spendenaufkommen lässt nach. Und es werden dringend ehrenamtliche Helfer gebraucht.

Die Arbeit wird für die Tafeln immer schwieriger: „Weniger Ware, mehr Leute, weniger Geld“ – so fasst Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Landesverbands der Tafeln in Nordrhein-Westfalen, die aktuelle Situation zusammen. Durch Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Sprit und Energie gibt es offenbar großen Zuwachs unter jenen, die die Leistungen der Tafeln in Anspruch nehmen. „Es kommen nun auch vermehrt junge Menschen, die einen Singlehaushalt haben, und bisher gerade so mit ihrem Geld hingekommen sind, jetzt aber ins Minus rutschen“, sagt Weilerswist, der auch Vorsitzender der Tafel Mechernich im Kreis Euskirchen ist.

Die Tafeln in NRW unterstützen mehr als 350.000 Menschen in Armut mit überschüssigen, aber qualitativ einwandfreien Lebensmitteln, die ansonsten vernichtet würden. Der Landesverband mit Sitz in Neuss vertritt 172 lokale Tafeln landesweit mit mehr als 500 Ausgabestellen. Insgesamt retten die Tafeln in Deutschland jedes Jahr rund 265.000 Tonnen Lebensmittel und verteilen sie an 1,65 Millionen Menschen.

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Die Pandemie hatte zunächst dazu geführt, dass ältere Menschen den Lebensmittelausgaben ferngeblieben sind – aus Angst vor Ansteckung. „Jetzt sind alle wieder da“, sagt Weilerswist. Dazu kämen Geflüchtete aus der Ukraine. „Viele sind privat untergekommen, aber die Familien haben oft selbst mehrere Kinder und kommen finanziell an ihre Grenzen.“ Die Kommunen würden zudem die Anlaufstellen der Tafeln an die Geflüchteten weitergeben, die in staatlichen Unterkünften untergebracht sind, wie Weilerswist sagt. Manche Lebensmittelausgaben hätten inzwischen einen Zuwachs von 50 Prozent. Der Bundesverband Tafel Deutschland hatte gerade die Politik aufgefordert, die Hartz-IV-Regelsätze zu erhöhen und Menschen mit geringem Einkommen deutlich zu entlasten. Einmalzahlungen seien nicht ausreichend und kämen zu spät, hieß es.

Die Inflation wirkt sich auch auf die Spenden aus. „Vor allem Kleinspenden von 20 bis 30 Euro sind stark zurückgegangen“, sagt Weilerswist. Dazu kommt: „Die Helfer gehen alle am Stock“, wie er sagt. Alle arbeiteten ehrenamtlich, unter ihnen viele Rentner. Statt bis mittags wären sie nun oft bis 17 Uhr beschäftigt. „Wir machen ja nicht zu, wenn noch 50 Leute vor der Tür stehen.“ Mehr Ehrenamtliche würden vor allem aber fürs Fahren und Kistenschleppen gebraucht, wie Weilerswist sagt. Etwa 12.600 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer erledigen vor Ort Lebensmittelausgaben, Spendenakquisen und Lebensmittelabholung – weitere Helfer werden dringend benötigt.

Ein weiteres Problem ist, dass Lebensmittel fehlen. So würden Supermärkte wegen der Inflation anders kalkulieren und etwa Milchprodukte, deren Mindesthaltbarkeit in wenigen Tagen abläuft, nicht an die Tafeln weitergeben, sondern selbst 30 Prozent günstiger verkaufen, wie Weilerswist sagt. „Diese Dinge fehlen uns dann natürlich.“

Zumindest logistisch soll einiges einfacher werden. Weilerswist setzt auf den schon laufenden Aufbau regionaler Tafel-Logistikzentren. Das NRW- Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium fördert diesen Aufbau mit rund 840.000 Euro. Ziel ist es, die Warenannahme und Verteilung zu optimieren. An den Logistik- und Verteilerzentren können künftig größere Mengen Lebensmittel abgegeben und zwischengelagert werden.