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Düsseldorf: Stephan Magnus hält die Rheinwiesen sauber

Düsseldorfer sorgt für Ordnung : Der Hausmeister vom Rhein

Weil Stephan Magnus mit seinen Hunden Gassi gehen wollte, zog es ihn vor 20 Jahren erstmals zum Rheinufer. Einmal dort angekommen, war klar, was er tun musste: täglich Müll sammeln.

Stephan Magnus zieht schon mal den Arbeitshandschuh über die rechte Hand und eine 30-Liter-Mülltüte aus der Jackentasche, während seine drei Hunde noch aus dem Kofferraum seines Autos springen. Keine drei Minuten die vier vom Hafen Richtung Neusser Ufer, da kommen die Utensilien schon zum Einsatz. Zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal auf diesem einstündigen Weg, bückt sich der 56-Jährige Richtung Boden. Er hebt ein zerquetschtes Trinkpäckchen und eine alte Kippe auf und wirft sie in die Plastiktüte. „Das ging alles mit den Hunden los“, sagt Magnus. „Als ich mir den ersten zugelegt habe und anfing mit ihm Gassi zu gehen, wurde mir klar, wie viel einem die Natur gibt. Da habe ich entschieden, ihr etwas zurückzugeben.“

20 Jahre ist das jetzt her. Seitdem sehen Jogger, Gassi- oder Spaziergänger sieben Tage die Woche um 8 Uhr morgens das gleiche Bild am Neusser Rheinufer: Ein Mann, um den inzwischen drei Hunde tollen, bückt sich wieder und wieder und wieder, um den Müll aufzuheben, den andere liegengelassen haben. Allein 200 Kippenstummel kommen im Sommer täglich bei seiner einstündigen Tour zusammen, obendrauf Dosen, Taschentücher, Verpackungen. „Es hat etwas mit Achtsamkeit zu tun“, sagt Magnus. „Wenn hier jemand sitzt und den Ausblick genießt und dabei eine raucht, ist dagegen ja gar nichts einzuwenden. Aber warum muss er die Kippe am Ende vor seine Füße werfen, wenn daneben eine Mülltonne steht?“

Ausreden gibt es da eigentlich nicht. Dafür hat der Neusser selbst gesorgt und zwar gemeinsam mit einer bekannten Neusserin: Elisabeth Wehrhan-Pauli, der Ehefrau des Familienunternehmers Wilhelm Wehrhahn. „Sie hatte eben auch einen Hund. Also sind wir uns auf einer dieser Runden begegnet, und haben uns natürlich über das Müllproblem unterhalten“, sagt Magnus. Der hatte zuvor schon mehrfach vergebens versucht, die Stadt dazu zu bewegen, Mülltonnen am Ufer aufzustellen. Als aber Frau Wehrhahn zum Rathaus ging, wurde sofort eine Minikonferenz einberufen. Eine Woche später standen zehn graue Abfallbehälter entlang des Deichs, neben jeder Sitzbank eine.

Natürlich hat Magnus jetzt auch darauf ein Auge. Ist eine Tonne verrückt, zieht er sie wieder an Ort und Stelle. Er macht das mit geübten Bewegungen. Magnus ist eben einer, der sich zuständig fühlt. Und das nicht nur am Rheinufer. Bis vor Kurzem pflegte er hauptberuflich seine Mutter. Regelmäßig organisiert er gemeinsam mit seinem Partner Ausbildungsplätze für jugendliche Flüchtlinge. Den Kindern seiner Freunde verhilft er manchmal zu einem Praktikum, etwa im Bundestag. Via Facebook hat er eine Patenschaft für einen kranken Esel in Süddeutschland übernommen. Magnus’ Hunde sind natürlich Tiere aus dem Heim. Sein Partner ist Vegetarier, Magnus nahe dran. Und demnächst möchte er als Inklusionsbegleiter für Schulkinder arbeiten. Achtsamkeit leben, nennt er das.

„Die Frage ist doch, wozu sind wir auf diesem Planeten? Wir sind hier, um ein bewusstes Leben zu führen und füreinander da zu sein“, sagt Magnus und bückt sich nach den Scherben einer Glasflasche. „Die sind in mehrfacher Hinsicht gefährlich: Kinder könnten hineinfassen und Hunde hineintreten.“ Umweltbewusstsein ist für den 56-Jährigen simple Mathematik: Wenn nur jeder Hundebesitzer beim Gassigehen immer eine Tüte dabei hätte und Müll sammeln würde, wären Wälder, Ufer und Parks quasi sauber. Man müsse nur hochrechnen, wenn das alle Spaziergänger machten. „Deshalb finde ich, dass diese Rhein-Cleanups mehr für das Gewissen sind, als für die Umwelt. Die machen das ein oder zweimal im Jahr. Für mich ist jeden Tag Rhein-Cleanup.“

Ausreden nerven Magnus, und für diese Einstellung legt er sich auch mit anderen an – vor allem mit Eltern. Als Anwohner einer Grundschule bekommt er häufig mit, wie Eltern vor ihren Kindern Müll auf den Boden werfen. „Ich kann nicht verstehen, wie man seinen Kindern so etwas vorleben kann“, sagt er. „Eigentlich müssten die Mütter mit ihren Kindern am Rhein Müll sammeln, nicht ich. Es geht doch um deren Zukunft“, sagt Magnus, der selbst keine Kinder hat.

Aber wenn er andere darauf hinweist, ihren Müll wieder mitzunehmen, eskaliert das meistens. Die Mütter schimpfen, viele Männer werden laut. „Man hat mir sogar schon Schläge angedroht“, sagt er. Ob er sich manchmal selbst mit seiner Helferei auf den Wecker geht? Nein, sagt Magnus. Er halte es eigentlich ganz gut mit sich aus. Nur sein Freund, der würde schon mal die Augen verdrehen, vor allem, weil er keinen Müll liegen lassen könne. Kurz vor Ende der Runde trifft Magnus Bekannte, zwei Männer Mitte 50. „Jaja, Magnus nennen alle am Rhein nur den Mann mit der Tüte“, sagt der eine. Ob die beiden selbst mal ans Müllsammeln gedacht haben? „Ich finde das schon toll, dass Magnus das macht“, sagt der Bekannte weiter. „Aber dass ich selbst jetzt mit einer Plastiktüte losgehe, also das sehe ich nicht. Einfach nicht mein Ding.“ Magnus zuckt mit den Schultern, als die beiden weitergehen: „Leider ist das meistens so.“