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Düsseldorf: Neue Soko gegen Geldautomatensprenger

Neue Soko gegen Geldautomatensprenger : „Die Täter sind vollkommen skrupellos“

Wegen sprunghaft gestiegener Fallzahlen von Geldautomaten-Sprengungen hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) eine neue Sonderkommission eingerichtet. Ein Ermittler-Video zeigt eine halsbrecherische Flucht der Täter über die Autobahn.

In der Nacht auf den 19. Januar werden Anwohner in Schalksmühle durch einen Knall aus dem Schlaf gerissen. Unbekannte Täter haben den Geldautomaten einer Bankfiliale gesprengt – in der Nacht fliegen noch zwei weitere Automaten in Oberhausen und Jüchen in die Luft. Die Explosion in Schalksmühle war derart heftig, dass das komplette Gebäude zerstört wurde.

Nicht nur die Fallzahlen sind gestiegen – in diesem Jahr gab es in NRW bereits 73 Sprengungen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das mehr als eine Verdreifachung. Auch die Brutalität der Täter hat zugenommen, wie NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf erklärt. „Früher wurde hauptsächlich Gas genutzt, heute Festsprengstoff“, sagt er. „Das heißt, dass immer öfter nicht nur der Geldautomat zerstört wird, sondern auch das ganze Drumherum.“

 Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, steht mit Christa Lübbers, Leiterin der neuen Sonderkommission Begas, vor einem sichergestellten Fluchtfahrzeug.
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, steht mit Christa Lübbers, Leiterin der neuen Sonderkommission Begas, vor einem sichergestellten Fluchtfahrzeug. Foto: dpa/Oliver Berg

Nach den Taten flüchten die Täter in hochmotorisierten, oft gestohlenen Limousinen über die Autobahnen. Ein Video, aufgenommen aus einem Polizeihubschrauber, zeigt die halsbrecherische Fahrt der Täter in einem schwarzen Audi, bei einer Geschwindigkeit bis zu Tempo 270 wechselt der Fluchtfahrer immer wieder die Spur, jagt auf dem Standstreifen an den anderen Fahrzeugen vorbei. „Es war bislang pures Glück, dass kein Mensch bei einer Sprengung oder einer Verfolgungsfahrt gestorben ist“, sagt Reul. Bevor es Tote gebe, wolle er nun handeln. Seit Anfang Februar sei die Polizei nachts landesweit „mit allen verfügbaren Kräften auf der Straße“, wie Reul sagt.

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Eine nun eingerichtete Sonderkommission im Innenministerium mit dem Namen „BEGAS“ (Bekämpfung und Ermittlung von Geldausgabeautomaten-Sprengungen) soll nun gezielt gegen Automatensprenger vorgehen. Fünf Ermittler sollen „alles auf den Kopf stellen, um die beste, schlagkräftigste Antwort auf die Geldautomatensprenger zu geben“, wie Reul sagt. Sie ermitteln dabei nicht selbst – seit 2015 gibt es beim Landeskriminalamt die EK „Heat“, die auf die Verfolgung der Täter spezialisiert ist. 161 Tatverdächtige konnten seitdem in NRW und in den Niederlanden festgenommen werden.

Die Soko, die seit April im Einsatz ist, soll vielmehr die bisherigen Ermittlungs-, Fahndungs- und Präventionsansätze analysieren und gegebenenfalls verbessern. Geleitet wird die Soko von der Kriminalistin Christa Lübbers, die zuletzt Leiterin des Staatsschutzes beim Polizeipräsidium Düsseldorf war. Sie sei ausdauerndes und interdisziplinäres Arbeiten gewohnt, sagt sie. Lübbers hat unter anderem das Hawala-Verfahren geführt, in dem letztlich fünf Männer verurteilt worden waren, die einen dreistelligen Millionenbetrag in die Türkei geschleust hatten – Täter, die ihre Vorgehensweisen immer wieder anpassen, seien ihr also bekannt, sagte Lübbers.

Die Schäden, die die Automatensprenger anrichten, sind doppelt so hoch wie noch vor fünf Jahren. „Sie sind vollkommen skrupellos und hinterlassen völlig verwüstete Tatorte.“ Experten der Spurensicherung sollen die Orte der Verwüstung künftig genauso akribisch untersuchen wie Mord-Tatorte. Die Beutesummen und Sachschäden liegen im Bereich von mehreren Millionen Euro. Banken und Polizei sind nun dabei, für jeden der rund 11.000 Geldautomaten in NRW eine Gefahrenbewertung zu erstellen, um geeignete Maßnahmen zu treffen. Verbesserte Überwachung, ein Zufahrtsschutz oder auch der Abbau eines Automaten können Konsequenzen sein. Wegen der hohen Zahl an Geldautomaten und der Grenznähe zu den Niederlanden ist NRW seit Jahren das am stärksten betroffene Bundesland in dem Deliktfeld.

Die Täter lernen dazu. Weil sie immer wieder an Tankstellen von Kameras gefilmt wurden, nehmen sie ihr Benzin inzwischen zu den Taten mit. Mit einem riesigen Trichter können sie so das Auto in weniger als einer Minute volltanken und weiter flüchten. Die Ermittler vermuten, dass die Täter auf Rennstrecken ihren hochriskanten Fahrstil trainieren. Sie führen außerdem Störsender mit, damit sich ihre Handys nicht orten lassen und um eine schnelle Alarmierung der Polizei durch Zeugen zu verhindern.

Auch wenn viele der Kriminellen nach wie vor aus den Niederlanden kommen und als Banden agieren, so gibt es inzwischen auch vermehrt deutsche Täter. Die Zusammenarbeit mit den niederländischen Ermittlern sei aber noch einmal verstärkt worden, wie Reul sagt. Die SPD-Landtagsfraktion kritisierte, es handele sich um Aktionismus kurz vor der Wahl, der viel zu spät komme. Reul sagt dazu: „Wer mich kennt, weiß, dass ich immer gearbeitet habe – und das mache ich auch jetzt.“