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Drohnen helfen bei der Rettung von Rehkitzen vor dem Mähtod

Tierschützerin bewahrt Rehe vor dem Mähtod : Wie es sich anfühlt, ein Kitz zu retten

Jedes Jahr werden bei der Ernte von Gras und Roggen Tausende Rehkitze von den Messern der Mähmaschinen getötet oder verletzt. Tierschützer wie Melina Jörgens aus Wuppertal setzen Drohnen ein, um die Tiere vor dem Mähtod zu bewahren.

Die Heilpraktikerin Melina Jörgens hat jedes Frühjahr einen Zweitjob: Sie rettet mit anderen ehrenamtlichen Helfern Rehkitze aus dem hohen Gras, damit die Tiere nicht unter die Mähmaschinen der Landwirte geraten.

Frau Jörgens, wie sind Sie ehrenamtliche Kitzretterin geworden?

Melina Jörgens Über meinen Lebensgefährten Andreas Kohn, der seit seinem 16. Lebensjahr Jäger ist. Wir suchen mit der Erlaubnis des Jagdpächters und in Zusammenarbeit mit den Landwirten Wiesen vor der Mahd nach Kitzen ab. Früher sind wir die Wiesen mit anderen ehrenamtlichen Helfern Stück für Stück abgegangen, das dauerte sehr lange und wir brauchten viele Leute. Seit vergangenem Jahr haben wir eine Drohne. Das funktioniert viel besser.

 Melina Jörgens mit einem geretteten Kitz.
Melina Jörgens mit einem geretteten Kitz. Foto: RPO/privat

Warum flüchten die Kitze nicht in den Wald, wenn der Mähdrescher naht?

Jörgens Die Kitze haben in den ersten Lebenswochen noch keinen Fluchtinstinkt, sie ducken sich bei Gefahr nur noch tiefer ins Gras. Eigentlich ist das Versteck im hohen Gras ein guter Schutz für sie. Die Kitze haben noch keinen Eigengeruch und können so nicht aufgespürt werden von natürlichen Feinden wie Füchsen. Sie werden von ihren Müttern im Gras zurückgelassen, während die im Wald auf Nahrungssuche gehen. Aber das stille Verharren bedeutet jedes Jahr für Tausende Rehkitze den Tod, wenn die schweren Mähmaschinen anrollen.

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Wie läuft eine Kitzrettung genau ab?

Jörgens Wir stellen unsere Suche für Landwirte und Pächter in ganz Nordrhein-Westfalen zur Verfügung, die setzen sich mit uns in Verbindung und sagen uns, wann sie mähen wollen. Wir gehen in den ganz frühen Morgenstunden am Tag der Mahd an die Wiesen. Wenn der Boden noch kühl ist, erkennt die Wärmebildkamera die Tiere wegen ihrer Körperwärme im Feld besonders gut. Mit der Drohne, die in 60 bis 80 Metern Höhe fliegt, können wir bis zu zwölf Hektar absuchen.

 Eine Drohne mit Wärmebildkamera fliegt über ein Feld. (Archiv)
Eine Drohne mit Wärmebildkamera fliegt über ein Feld. (Archiv) Foto: dpa/Swen Pförtner

Wie lange dauert das?

Jörgens Etwa eineinhalb, zwei Stunden. Auf einem Monitor beobachten wir, was die Wärmebildkamera aufzeichnet. Im Bergischen ist das manchmal nicht so leicht, weil man die Drohne aus dem Blick verliert und in hügeligen Bereichen nur mit Blick auf den Monitor arbeiten kann.

Und wenn sie ein Tier entdeckt haben?

Jörgens Wenn die Drohne eine Veränderung der Temperatur anzeigt, suchen wir an dieser Stelle. Es ist trotzdem nicht leicht, die Kitze zu finden, einige sind gerade mal so groß wie eine Katze. Aber wenn wir eins haben, nehmen wir es mit Handschuhen und viel frischem Gras an den Händen hoch und tragen es an den Wiesenrand. So nimmt es keinen menschlichen Geruch an. Die Mutter würde es dann ablehnen. Wir legen das Kitz ab und stülpen einen Wäschekorb darüber, damit es nicht zurück in die Wiese laufen kann.

Und dann?

Jörgens Dort bleiben die Tiere sicher, bis die Mahd beendet ist. Dann lassen wir sie frei, sie beginnen zu fiepen und die Mutter findet sie wieder. Ich vermute, die Rehe warten immer schon im Unterholz. Sie finden ihre Jungen eigentlich immer recht schnell.

Die Deutsche Wildtier-Stiftung schätzt, dass mehr als 90.000 Rehkitze jedes Jahr in Deutschland bei der Mahd sterben. Gibt es denn ein Interesse der Bauern, die Tiere zu retten?

Jörgens Das Bewusstsein hat sich sehr gewandelt in den letzten Jahren. Ein schwer verletztes oder totes Kitz ist nicht nur ein furchtbarer Anblick. Ist ein totes Tier im Futterheu, kann das zu Botulismus bei den Kühen führen, einer bakteriellen Vergiftung, die oft tödlich endet für die Nutztiere. Das Gesetz verpflichtet inzwischen auch zu Schutzmaßnahmen. Tut ein Landwirt das nicht, muss er mit einer Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz rechnen.

Bekommen Sie und andere Ehrenamtler Unterstützung des Landes NRW für den Drohneneinsatz?

Jörgens Die Kreisjägerschaften konnten Fördergelder zum Kauf von Drohnen beantragen, allerdings ist der Stand der Dinge – zumindest in der Kreisjägerschaft Wuppertal – noch unklar.

Eine Frage noch: Wie fühlt es sich an, ein Rehkitz zu retten?

Jörgens Das ist so niedlich. Dieses kleine, hilflose Tier hochzuheben und in Sicherheit zu bringen, fühlt sich einfach nur schön an. Eins will ich noch sagen: Wer im Frühjahr umgestülpte Wäschekörbe an den Feldern entdeckt, bitte einfach stehen lassen. Wir haben schon erlebt, dass Wanderer es gut meinten, und die Kitze befreit haben.

Wer die Kitzretter kontaktieren will, findet hier alle Infos.