Dortmunder Vater von Istanbuler Anschlagsopfer: "Der Terror war so nah"

Vater von Istanbuler Anschlagsopfer : "Der Terror war so nah"

Unter den Opfern des Terroranschlags von Istanbul an Silvester waren auch Deutsche. Der Sohn von Ali Arslan überlebte. Im Interview spricht der Dortmunder über die Stunden nach dem Attentat.

Mit Tanz und Musik feierte Ali Arslan aus der Dortmunder Nordstadt in einem Haus am Borsigplatz den Jahreswechsel. Dann schellte sein Telefon. Er hörte die zitternde Stimme seines 25-jährigen Sohnes, der mit zwei Freunden nach Istanbul geflogen war und den Terroranschlag im "Reina"-Nachtklub am Bosporus überlebte. Der Täter tötete 39 Menschen. Im Interview spricht Ali Arslan über einen Anruf und die Stunden und Tage nach dem Attentat.

Herr Arslan, wie geht es Ihrer Familie?

Arslan: Wir sind immer noch tief erschüttert. Mein Sohn Emre, der sonst ein sehr lebendiger Typ ist, ist sehr still. Er will alleine sein und kann die Augen nicht schließen, weil sonst diese schrecklichen Bilder zurückkommen. Es ist sehr schwer, das alles zu verarbeiten.

Als Sie hörten, dass die Freunde in Istanbul feiern: Was haben Sie da gedacht?

Arslan: Ich dachte: Ausgerechnet Istanbul, denn ich hatte Angst, dass sie auf den Taksimplatz gehen und dass dort etwas Schreckliches passiert. Also habe ich Emres Personalausweis versteckt, damit er nicht ausreisen kann. Aber wie die Jungs so sind: Er hat sich schnell noch einen Ersatz-Ausweis besorgt.

Wie haben Sie vom Terroranschlag erfahren — und davon, dass Ihr Sohn betroffen ist?

Arslan: Wir feierten in einem Haus am Borsigplatz mit der Familie den Jahreswechsel, da schellte kurz vor 1 Uhr unserer Zeit mein Telefon. Ich hörte die zittrige Stimme meines Sohnes, der sich bei mir für alles bedankte, was ich für ihn getan habe, und um Verzeihung bat. Das hörte sich so an, als wollte er Abschied nehmen. Dann übernahm ein anderer Mann das Gespräch.

Wer war das?

Arslan: Der Pförtner eines Parkhauses, der vor meinem blutüberströmten Sohn stand. Emre hatte ihn um das Telefon gebeten. Der Pförtner berichtete von dem Terroranschlag. Von da an habe ich draußen in der Kälte nur noch telefoniert, um Freunde in Istanbul zu bitten, meinem Sohn und den Freunden zu helfen. Aber keiner ist ans Telefon gegangen. Inzwischen erfuhr meine Familie drinnen von dem Anschlag. Ebru, meine Tochter, weinte schlimm. Sie flehte mich an, ihren Bruder zurückzuholen. Der Terror, den wir aus dem Fernseher kannten, war plötzlich so nah.

Konnten Sie mitten in der Nacht einen Flug buchen?

Arslan: Ich habe sofort bei einem befreundeten Reisebüro angerufen. Um fünf Uhr war ich am Flughafen in Düsseldorf. Um 6 Uhr startete die Maschine. Kontakt zu meinem Sohn hatte ich bis dahin nicht mehr. Zwischen dem ersten Anruf und dem Wiedersehen vergingen 10 Stunden — es fühlte sich an wie 100 Jahre. Die Zeit stand still. An Schlaf war nicht zu denken.

Nach der Ankunft in Istanbul: Wie ging es weiter?

Arslan: Sofort ins Krankenhaus zu Emre. Ich bin durch bis zur Intensivstation, wo seine schwer verletzten Freunde lagen, bei denen er sein wollte. Wir haben uns in die Arme genommen und bitter geweint. Erst als ich ihn direkt in meinen Armen spürte, hatte ich gemerkt, dass er lebt. Erst dann fühlte er sich sicher.

Was hat Ihr Sohn über das Geschehen in dem Nachtklub berichtet?

Arslan: Sie feierten, sie lachten, sie fotografierten. Sich und andere. Dann fielen die Schüsse. Emre warf sich zu Boden, um Schutz zu finden. Dann stürzten mehrere Gäste auf ihn. Er lag unter fünf bis sechs Leichen und Auge an Auge mit einer jungen Frau, die mit einem Kopfschuss getötet wurde. Emre bekam nur schwer Luft. Er sagte, dass der Attentäter sehr ruhig vorgegangen sei. Auch, als er weiter auf bereits leblos am Boden liegende Opfer schoss.

Wie konnte Emre dem Tod entkommen?

Arslan: Er lag geschützt unter den Leichen und stellte sich tot. Als es ruhig war, rief er die Polizei an und flüsterte nur. Die Polizei forderte ihn auf, lauter zu sprechen. Da kam der Täter zurück. Emre hörte die Schritte. Bevor er auf zwei Meter an ihn herankam, schleuderte er das Handy über den Boden weg. Das war kühn von ihm. Der Attentäter sah das Display und zerschoss das Handy. Emre hatte immer noch Todesangst und glaubte, dass als nächstes eine Bombe gezündet wird.

Wie geht es jetzt weiter?

Arslan: Wir sind gemeinsam zurück nach Dortmund geflogen. Die beiden Freunde sind noch in Istanbulk im Krankenhaus. Emre braucht Hilfe. Er bekommt die Bilder nicht aus dem Kopf. Die Bäckerei am Wilhelmplatz in Dorstfeld, die ihm gehört — er ist selbstständig — ist zurzeit geschlossen. Die ganze Familie braucht Hilfe.

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