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Dortmund: Pfarrerin übertönt Neonazis mit Glockengeläut der Kirche

Dortmunder Gemeinde gegen Neonazi-Aktion : "Wir empfinden es als Respektlosigkeit"

Acht Rechtsextreme hatten am Freitag den Turm der Dortmunder Reinoldikirche besetzt. Doch Pfarrerin Susanne Karmeier handelte spontan und effektiv. Die Empörung über die Neonazis ist in ihrer Gemeinde groß.

Am liebsten würde Susanne Karmeier gar kein großes Aufheben um ihre Reaktion machen. Weil sie, wie sie am Sonntag erzählt, einfach das Naheliegendste getan hat. Dennoch: Der Pfarrerin ist es zu verdanken, dass die Parolen der Neonazis, die diese am Freitagabend von der Aussichtsplattform der Reinoldikirche brüllten, nicht zu verstehen waren. Weil die 47-Jährige einfach die Glocken eingeschaltet hatte. Und das Geschrei im Geläut unterging.

Unterdessen zündeten die Rechtsextremen oben auf dem Turm Leuchtfeuer und rollten ein antiislamisches Transparent über dem Geländer aus. Karmeier: "Ich hätte mir noch gewünscht, die Menschen unten vor der Kirche hätten sich demonstrativ weggedreht."

Auch am Sonntag war die Empörung über die Neonazis groß. Ulf Schlüter, Superintendent der Stadtkirche, verurteilte die Aktion mit scharfen Worten. "Wir empfinden es als Respektlosigkeit, unsere Kirche für rechte Propagandazwecke zu missbrauchen", betonte Schlüter. Die Aktion sei eine Perversion dessen, wofür Kirche stehe, nämlich für Frieden, Gebet, Versöhnung und Verständigung und belege einmal mehr, dass den Rechtsextremisten nichts heilig sei.

"Kein Platz für Rassismus"

"Hier ist kein Platz für Rassismus", sagte Schlüter. Die festgenommenen elf Neonazis im Alter von 24 bis 38 Jahren sind laut Polizei mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft lägen keine Haftgründe vor. Die Ermittlungen würden allerdings "mit aller Konsequenz" fortgeführt und neben des Verdachts des Hausfriedensbruchs, der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole sowie des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz auf die Bereiche "Sachbeschädigung" und "Störung der Religionsausübung" ausgedehnt.

Acht Rechtsextreme, darunter eine Frau, waren am späten Freitagnachmittag zunächst ganz regulär auf den Turm der Reinoldikirche gestiegen. Die Kirche liegt zentral in der Dortmunder Innenstadt, von der Aussichtsplattform des 112 Meter hohen Turms bietet sich gerade im Advent ein schöner Blick auf den umliegenden Weihnachtsmarkt. Erwachsene bezahlen dafür zwei Euro Eintritt, den die Rechtsradikalen auch entrichteten. Oben angekommen, verbarrikadierten sie den Eingang zur Aussichtsplattform von außen, um ungestört ihre Parolen zu skandieren. "Die Polizei hat mich gefragt, ob ich nicht eine Idee hätte, wie man das unterbinden könnte", erzählt Karmeier. "Da sind mir spontan die Glocken eingefallen."

Wie lange die Glocken läuteten, weiß die Pfarrerin nicht mehr, nur dass es lange war - und nicht der Läuteordnung entsprach. Das aber spielte in dem Moment keine Rolle mehr. Feuerwehrleute mussten schließlich die Tür zur Aussichtsplattform aufbrechen. Die Polizei nahm die Neonazis fest und führte auch einige der Sympathisanten ab, die sich vor der Kirche versammelt hatten und dort Flugblätter verteilten. "Das war mit Sicherheit eine von langer Hand geplante Aktion", sagt Karmeier. Auch sie ist wie Superintendent Schlüter zutiefst empört über den Vorfall. Persönlich verunsichert sei sie jedoch nicht. Karmeier: "Wir wollen uns unser Vertrauen nicht nehmen lassen, denn damit hätten die Neonazis ihr Ziel ja erreicht."

Unvereinbar mit Positionen der evangelischen Kirche

Laut Pfarrer Friedrich Stiller hatten die Rechtsextremisten auch Flugblätter mit der Forderung verteilt, die Gemeinden sollten sich einer islamfeindlichen Haltung anschließen. Das sei absolut unvereinbar mit den Positionen der evangelischen Kirche, betonte der Pfarrer, der das Referat für gesellschaftliche Verantwortung des Kirchenkreises Dortmund leitet. Er verwies auch auf die Erklärung "Wir alle sind Dortmund", eine religions- und konfessionsübergreifende Kampagne gegen islamfeindliche und antisemitische Bestrebungen.

Die Kirche und der Zugang zum Turm bleiben in der Adventszeit weiter für alle Menschen geöffnet. "Wir werden keine Kontrollen einführen, aber verstärkt darauf achten, wer zu uns hereinkommt", sagt Schlüter. Auch Karmeier betont, dass die Kirche ein offener Ort für Menschen mit friedlichen Ambitionen bleiben müsse, dessen Charakter man nicht von ein paar Rechtsextremen prägen lassen dürfe. Die Kirche setze mit ihrer Arbeit in Dortmund seit Jahren klare Zeichen gegen rechts und tue das weiter.

Der Dortmunder Sonderbeauftragte für Toleranz und Demokratie, Hartmut Anders-Hoepgen, forderte derweil deutlich mehr Bundesmittel für das Neonazi-Aussteigerprogramm "Comeback". "Das Geld der Stadt, die jährlich 50.000 Euro bereitstellt, reicht nicht mehr aus", sagte er. Das Projekt müsse dringend weiter ausgebaut werden, denn die rechtsextremistische Szene in Dortmund habe ihre Aktivitäten längst über die Stadtgrenzen hinaus ausgedehnt.

(jis)