Notunterkünfte in NRW: Dortmund - das Drehkreuz für Flüchtlinge

Notunterkünfte in NRW : Dortmund - das Drehkreuz für Flüchtlinge

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund stranden täglich bis zu 350 Flüchtlinge aus aller Welt. Von dort aus werden sie weiter auf die wenigen Notunterkünfte im ganzen Land verteilt, in denen noch Plätze frei sind.

Das erste, was die Flüchtlinge zu hören bekommen, wenn sie sich an der Pforte der Erstaufnahmestelle in Dortmund-Hacheney melden, ist, dass sie hier nicht lange bleiben können. Höchstens für ein paar Stunden. "Die meisten wissen nicht, dass ihre Flucht bei uns nicht zu Ende ist", sagt Dennis Thieling. Der 27-Jährige sitzt in einem zum Pförtnerhäuschen umfunktionierten Baucontainer. An ihm muss jeder vorbei, der Asyl beantragen möchte. Als Türsteher möchte er sich aber nicht verstanden wissen. Er sei eher eine Art Einweiser. Thieling nimmt von den Schutzsuchenden Namen, Alter und Herkunftsland auf. Er sagt ihnen, wo sie sich auf dem Gelände zu melden haben. Dann lässt er sie passieren.

Die Glückaufsegenstraße 60 ist für die meisten Schutzsuchenden die erste Adresse in Deutschland, lässt man Aufenthalte in Polizeigewahrsamen außen vor. Bis zu 350 Flüchtlinge aus der ganzen Welt können an einem einzigen Tag in Dortmund stranden, der neben Bielefeld einzigen Erstaufnahmestation in NRW. Nachdem sie die Pforte passiert haben, melden sie sich in der Infothek, wo sie über ihre Rechte aufgeklärt werden. Dann müssen sie - ähnlich wie auf dem Arbeitsamt - eine Nummer ziehen und warten, bis ihre Zahl auf der Anzeigentafel erscheint. Anschließend werden sie fotografiert, registriert und mit Nummern und Dokumenten ausgestattet.

Einige werden medizinisch untersucht. Wer Krätze oder ansteckende Krankheiten hat, wird auf die Quarantänestation verlegt. Natürlich ist auch Ebola ein Thema. Die größte Gefahr für die Einrichtung sind jedoch Kinderkrankheiten, die derzeit grassieren. Wegen mehrerer Fälle von Masern und Windpocken will NRW sogar bis Mitte September keine neuen Asyl-Suchenden aufnehmen. So ist etwa das Aufnahmelager in Hemer seit gestern wegen Masern geschlossen. "Das bringt alles durcheinander", klagt der Dortmunder Einrichtungsleiter Murat Sivri (40), "weil dadurch Plätze wegfallen, in denen wir unsere Flüchtlinge unterbringen können". Denn nach ihrer Registrierung in Dortmund werden die Flüchtlinge in Bussen auf die viel zu wenigen Notunterkünfte im ganzen Land verteilt, die noch Plätze freihaben. Einen genauen Fahrplan gibt es nicht. Nur Richtwerte. Vormittags fahren meistens die Busse nach Neuss. Unna wird bis 20 Uhr angefahren, Bad Berleburg meistens ab 15 Uhr. Am Busbahnhof, der auf dem Gelände liegt, warten die Asylbewerber dann teils stundenlang auf die Weiterfahrt. Familien hocken auf Bänken zusammen, junge Männer rauchen, einige spielen mit einem Tennisball Fußball. Beschäftigungs-Therapie. Andere halten sich in der Kantine auf, wo Hemi Achmed an diesem Tag Nudeln mit Tomatensoße ausgibt. Dazu gibt es Toastbrot. "Einfach, aber es schmeckt allen", sagt er.

Plötzlich heißt es, dass Neuss an diesem Tag keine Flüchtlinge mehr aufnehmen könne. Überbelegt. Essen ebenfalls. Am Abend gehe aber ein Bus zum Hauptbahnhof. Er ist für die Personen, die in Unterkünfte in andere Bundesländer kommen. Ihnen drückt man noch ein Bahnticket in die Hand mit dem jeweiligen Zielort. Nicht alle kommen da an, wo sie hin sollen. "Kann schon passieren, dass einer in München aus dem Zug steigt, obwohl er nach Hamburg sollte", sagt Dortmunds Flüchtlingsreferent Frank Binder.

Viele, die nach Dortmund kommen, haben keinen Pass dabei. Schleuser haben sie ihnen abgenommen. Darüber sprechen möchte niemand. Sie haben Angst vor diesen Männern. So wie Johnson aus Nigeria, der angibt, 17 Jahre alt und aus seinem Heimatland geflohen zu sein. Zwischenzeitlich habe er in Libyen im Gefängnis gesessen - wegen eines dummen Missverständnisses, betont er. Vor wenigen Wochen kam er mit einem Boot übers Mittelmeer nach Italien. Ein Bus brachte ihn nach Dortmund. Johnson mag Deutschland und will als Automechaniker arbeiten.

Murat Sivri kann Johnsons Geschichte nicht ganz glauben. Die Altersangabe schon gar nicht. Der 40-Jährige hat schon zu viel gehört und noch mehr erlebt, seit er in Hacheney arbeitet. "Viele sagen, dass sie unter 18 sind, weil sie damit nicht unter das Asylgesetz fallen", erklärt Sivri. Dann klingelt sein Handy. Die Notunterkunft in Essen ist dran. Es gibt Probleme. Die Masern.

Aufnahmestopp in NRW

Wegen mehrerer Fälle von Masern und Windpocken in Aufnahmeeinrichtungen des Landes nimmt Nordrhein-Westfalen kurzzeitig keine zusätzlichen Flüchtlinge mehr auf. Der Aufnahmestopp solle ab Montag für fünf Tage gelten, erklärte Innenminister Ralf Jäger (SPD) in Düsseldorf. Das Vorgehen sei mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgestimmt. Jäger wies darauf hin, dass NRW in den letzten drei Jahren die Plätze in den Aufnahmeeinrichtungen des Landes auf 4700 nahezu verdreifacht habe.

(RP)
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