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Dinslaken: Nils D. folgte Cousin in den "Heiligen Krieg"

Islamist aus Dinslaken : Nils D. folgte Cousin in den "Heiligen Krieg"

Der verhaftete Dinslakener Islamist wurde von seinem Cousin Philip B. rekrutiert, der als Selbstmordattentäter im Irak ums Leben kam.

Es ist kurz nach 21 Uhr am Samstagabend, als Anwohner der Krengelstraße in Dinslaken Hiesfeld plötzlich durch quietschende Autoreifen aufgeschreckt werden. Vor einem Wohnhaus stoppen mehrere Wagen, aus denen schwer bewaffnete Männer mit schwarzen Sturmmasken springen. Sie stürmen auf einen silberfarbenen VW Polo zu und ziehen einen jungen Mann aus dem Wagen. In Sekundenschnelle haben sie ihm Handschellen angelegt und fahren mit ihm weg. "Das ging schneller, als man gucken konnte", berichtet ein Anwohner, der die Szene beobachtet hat.

Die maskierten Männer gehören dem Spezialeinsatzkommando des Landeskriminalamtes (LKA) an. Der Festgenommene heißt Nils D. (24), ein bekennender Islamist, der eineinhalb Jahre in Syrien für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben soll. Die Generalbundesanwaltschaft beschuldigt ihn unter anderem der Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung. Bereits gestern ist er dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe vorgeführt worden. Nils D. sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

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Seine Verhaftung soll nicht in Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris stehen. "Er hatte weder Kontakt zu den Attentätern, noch kannte er sie", sagte ein Ermittler unserer Zeitung. Auch die Bundesanwaltschaft betonte, dass es bisher keine Anhaltspunkte für konkrete Anschlagspläne oder -vorbereitungen und auch keinen Zusammenhang zu den Terroranschlägen in Frankreich gebe. Bevor der Generalbundesanwalt das Verfahren an sich zog, ermittelte bereits die Staatsanwaltschaft Düsseldorf gegen Nils D. wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Nils D. gehört der "Lohberger Gruppe" an, auch bekannt als "Lohberger Brigade", die seit Längerem unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht und als Keimzelle des gewaltbereiten Salafismus gilt. Benannt ist die Gruppierung nach dem gleichnamigen Dinslakener Stadtteil Lohberg, einer alten Bergbausiedlung mit hoher Arbeitslosenquote und hohem Migrantenanteil. Rund 25 Mitglieder und noch einmal ebenso viele Sympathisanten soll die Gruppe noch vor einem Jahr gehabt haben. Wie viele davon noch übrig sind, ist nicht bekannt. Einige haben sich den IS-Terroristen in Syrien angeschlossen. Ihr Anführer Philip B., ein 27 Jahre alter ehemaliger Pizzabote, hat sich im Nordirak als Selbstmordattentäter bei einem verheerenden Anschlag in die Luft gesprengt. Philip B. war mit Nils D. verwandt - sie waren Cousins. "Philip hat Nils in die Szene reingezogen. Er war ganz klar die treibende Kraft", sagt ein Bekannter der beiden. Neben B. kam auch der Dinslakener Mustafa K., der vor einem Jahr auf Fotos mit abgetrennten Köpfen im Internet posierte, in Syrien ums Leben.

Nach Recherchen unserer Redaktion ist Nils D. nicht der einzige Kriegsheimkehrer aus der "Lohberger Gruppe". Mindestes vier weitere sollen zurück in ihrer Heimatstadt sein. Anders als D. sollen sie derzeit von den Sicherheitsbehörden aber nicht als gefährlich eingestuft werden. Ein Insider, der die Heimkehrer gut kennt, sagt: "Sie waren wenige Wochen in Syrien und haben schnell gemerkt, dass das für sie nichts ist. Sie wollen seit ihrer Rückkehr nichts mehr mit dem Salafismus und dem IS zu tun haben." Nils D. soll hingegen kampferprobt und geschult im Umgang mit Waffen sein.

Der Salafismus kam vor neun Jahren nach Lohberg. Damals nahm niemand die jungen Männer mit den auffälligen Bärten ernst, die plötzlich immer häufiger auf den Straßen zu sehen waren und in den Fußgängerzonen den Koran verteilten. Auch Pierre Vogel, einer der bekanntesten deutschen Salafisten-Prediger, wurde zu der Zeit oft in Dinslaken gesehen. "Wir haben die nicht ernst genommen. Gedacht, das sind harmlose Spinner", so ein Mann aus dem Viertel, der wie fast alle Anwohner der Gegend anonym bleiben möchte.

Im Laufe der Jahre radikalisierten sich zunehmend mehr junge Männer in dem Stadtteil, schauten sich Propagandafilme im Internet an. Niemand bekam mit, was in einigen Häusern hinter heruntergelassenen Rollläden und zugezogenen Vorhängen vor sich ging. Dann tauchte irgendwann ein Hassprediger in Lohberg auf. Er begann, junge Männer für den "Islamischen Staat" zu rekrutieren. Dafür soll er sogar ein Büro angemietet haben, das sich im selben Gebäude befand, in dem bis heute noch der Integrationsrat der Stadt Dinslaken untergebracht ist - also ausgerechnet die Institution, die sich darum kümmert, dass Jugendliche nicht in den Salafismus abrutschen. "Das ist im Nachhinein vielen sehr unangenehm, aber damals hatte man den Salafismus noch nicht so auf dem Schirm wie heute", so ein Insider. Erst als es bundesweite Schlagzeilen gab über junge Männer aus Dinslaken, die in Syrien Gräueltaten begehen, wurde erkannt, dass man die Bedrohung vor der Haustür jahrelang unterschätzt hatte.

Seitdem habe sich in Lohberg einiges verändert, sagt Lamya Kaddor. Die Religionslehrerin unterrichtete einige Mitglieder der "Lohberger Gruppe", bevor sie sich radikalisierten. ,"Salafismus hat kaum noch einen Platz in Lohberg. Die Menschen sind sensibilisiert, nachdem sie die Gefahr zu spät erkannt hatten", sagt Kaddor. "Eltern achten darauf, ob Kinder ihr Verhalten ändern. Alle schauen nun genauer hin."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Islamist aus Dinslaken 2015 festgenommen

(RP)