Dieser Biberbeauftragten ist in ihrer Stadt noch kein Biber begegnet

Kurioser Job in Hamm : Dieser Biberbeauftragten ist in ihrer Stadt noch kein Biber begegnet

Seit einem Jahr hat die Stadt Hamm eine Biberbeauftragte. Doch eine Kleinigkeit ist Jessica Dieckmann noch nicht gelungen: dort einen Biber zu sehen.

Wie vielen Bibern sind Sie in Hamm schon begegnet?

Jessica Dieckmann Live noch keinem.

Sie sind aber doch Biberbeauftragte.

Dieckmann Biber sind scheu und nachtaktiv. Ich will sie nicht stören, indem ich ihnen auflauere.

Das würde den Biber doch nicht stören.

Dieckmann Unsere Biber leben abgeschieden in einem Naturschutzgebiet, sind den menschlichen Kontakt also nicht gewohnt. Dem einen oder anderen Angler werden sie schon mal begegnet sein. Wir wollen aber nicht riskieren, die Tiere zu vertreiben.

Wann haben Sie zuletzt einen Biber gesehen?

Dieckmann Vor einem Jahr, im Wuppertaler Zoo.

Woher wissen Sie, dass der Biber nach Hamm zurückgekehrt ist?

Dieckmann Das fing mit den ersten angenagten und gefällten Bäumen an. Später sind Biber in unsere Fotofalle getappt. Ein Gutachter hat uns dann bestätigt, dass die Tiere hier sesshaft geworden sind und hat auch Biberbaue gefunden.

Ab und zu tappt der Biber in die Fotofalle - ansonsten sind Aufnahmen des nachtaktiven Tieres in Hamm rar. Foto: Umweltamt Stadt Hamm

Sind die aus dem Zoo ausgebrochen?

Dieckmann Der Biber ist ja flächendeckend in fast ganz Deutschland ausgerottet worden. Mittlerweile gibt es viele Wiederansiedlungsprojekte, eines davon am Niederrhein bei Wesel. Wir vermuten, dass sie dorther kommen. Wenn die Jungtiere zwei Jahre alt werden, verlassen sie ihre Familie und suchen sich ihr eigenes Revier. Da können sie weite Strecken zurücklegen.

Lag es aus Sicht des Bibers nahe, sich in Hamm niederzulassen?

Dieckmann Die Lippe fließt 30 Kilometer durch Hamm und der Biber hat sich genau diese Gebiete rausgesucht, in denen wir die Lippe-Auen renaturiert haben. Der Biber geht aber auch in die Ausläufe von Kläranlagen, wenn es sein muss. Bei uns gibt es aber erst eine geringe Anzahl an Biberrevieren, so dass er noch die Auswahl hat. Den genauen Ort geben wir aber nicht bekannt, damit die Tiere in Ruhe leben können. Wir möchten vermeiden, dass sich zu viele Neugierige auf die Suche nach den Tieren machen.

Da legen sich bestimmt schon Leute auf die Lauer.

Dieckmann Die Vermutung liegt nahe, aber die teilen uns das vermutlich nicht mit, weil sie im Naturschutzgebiet nicht die Wege verlassen dürfen.

Wann hat die Stadt Hamm beschlossen, dass sie einen Biberbeauftragten braucht?

Dieckmann Als klar wurde, dass sich die Biber in einer gewissen Zahl niedergelassen haben. Wir müssen uns um die Tiere kümmern, weil sie in Deutschland streng geschützt sind. Außerdem wollen wir über das Tier und seine Lebensweise aufklären. Und der Biber kann in Konflikt mit dem Menschen geraten, wenn er Bäume auf privaten Flächen anknabbert. Dann berate ich als Biberbeauftragte.

Man darf den Biber ja nicht mal fangen.

Dieckmann Nein, aber Sie dürfen einen Zaun um Ihren Baum bauen.

Was interessiert Sie am Job der Biberbeauftragten?

Dieckmann Ich habe mit einer heimischen Art zu tun, die wieder aufgetaucht ist. Und der Biber ist ein Gestalter. Indem er Dämme baut, passt er die Gewässer seinen Bedürfnissen an.

Das klingt nach Hochwassergefahr.

Dieckmann Er kann Gewässer anstauen und damit Flächen unter Wasser setzen, aber insgesamt ist ein Biber dem Hochwasserschutz eher dienlich. Unsere Gewässer sind heutzutage tendenziell so konstruiert, dass das Wasser schnell abläuft. Nehmen wir die Lippe. Das Wasser fließt in den Rhein. Wenn der Biber Zuflüsse der Lippe staut, verweilt das Wasser länger in der Fläche und kommt nicht mehr so schnell im Rhein an. Dadurch können Hochwasserspitzen gemildert werden.

Sorgt sich der Bürger trotzdem schon?

Dieckmann Momentan überwiegt die Neugierde. Viele verwechseln ihn mit der Nutria.

Die Nutria ist hierzulande deutlich stärker verbreitet und gilt als Plage. Warum eigentlich?

Dieckmann Die Nutria ist im Gegensatz zum Biber mal aus Südamerika eingeschleppt worden. Sie kann großen Schaden anrichten, wenn sie zum Beispiel Flussdeiche aushöhlt. Wir sind gerade dabei, uns ein Konzept zum Umgang mit dem Tier zu überlegen.

Und wie unterscheiden sich Nutria und Biber?

Dieckmann Am deutlichsten am Schwanz. Der Biber hat diese breite, platte Kelle, die Nutria eher einen Schwanz, der dem einer Ratte ähnelt. Sind die Tiere im Wasser, hilft Ihnen das allerdings nicht weiter. Dann lassen sie sich an den Barthaaren unterscheiden. Die sind bei der Nutria eher weißlich, beim Biber braun.

Die bekannteste Eigenschaft des Bibers ist es, Bäume anzunagen, bis sie umkippen. Warum macht er das?

Dieckmann Das macht er im Winter, um an Nahrung zu kommen. Im Sommer frisst er die frischen Kräuter, im Winter fällt er die Bäume und frisst bevorzugt die dünnen Zweige. Er kann die Bäume nämlich nicht hochklettern.

Bäume fällen klingt aber nicht nach Naturschutz.

Dieckmann Doch, er geht vor allem an die Bäume, die schnell nachwachsen, zum Beispiel die Weide. Und wenn so eine Baumkrone ins Wasser fällt, suchen dort viele Fische Schutz. Auf dem Stamm siedeln sich Pilze und Insekten an. Die Insekten sind interessant für verschiedene Vogelarten.

Könnte der Biber irgendwann zum Problem werden?

Dieckmann Konflikte gibt es nur dort, wo der Mensch das Land bis unmittelbar an die Flüsse und Seen heran nutzt. Auf einem Streifen von etwa zehn Metern am Gewässer treten etwa 90 Prozent der Konflikte auf. In Hamm hält der Biber sich zurzeit in Bereichen auf, in denen er problemlos seinen Lebensraum nutzen kann. Aber in Bayern leben bereits 20.000 Biber, da gibt es schon häufiger Spannungen.

Macht es Ihre Aufgabe angenehmer, dass der Biber ein Tier mit einem recht sympathischen Image ist?

Dieckmann Selbstverständlich ist er putzig, aber als Biologin finde ich so ziemlich jedes Tier interessant.

Erhalten Sie zu Geburtstagen und Weihnachten nun Biberkuscheltiere?

Dieckmann Eine Freundin hat mir eine Biberbackform geschenkt.

(seda)
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