Die Toten Hosen: Kirchenkonzert und Diskussionsrunde in Speyer

Kirchenkonzert der Toten Hosen in Speyer : Campino als Punk-Prediger

Am Vorabend des 2. Advent haben Die Toten Hosen in einer evangelischen Kirche in Pfalz ein Konzert gegeben. Mit den Besuchern wurde außerdem diskutiert: Über den Sinn von Tätowierungen oder auch das Mischverhältnis von Weinschorle.

Bei einem Kirchenkonzert in der Pfalz hat die Band Die Toten Hosen einen intimen Einblick in ihr fast 40-jähriges Werk gegeben und sich Fragen von Besuchern gestellt. „Wenn das mein Vater noch erlebt hätte, der war lange Presbyter in der Evangelischen Kirche, der hätte sich gefreut“, sagte Sänger Campino, der am Ende des Auftritts vor etwa 350 Menschen singend über die Bänke der protestantischen Gedächtniskirche von Speyer stieg. Das vom SWR am Samstagabend organisierte und rund zweieinhalbstündige Konzert der Punkrockband aus Düsseldorf wurde im Radio übertragen.

Die Musiker spielten in dem Gotteshaus rund zwei Dutzend Lieder in einer Akustik-Version, darunter „Wannsee“ für einen vier Jahre alten Fan. Zwischen einzelnen Musikblöcken beantwortete die Band Fragen der Besucher - einige trugen das charakteristische Totenkopf-Shirt der Gruppe. Die Spannweite der Fragen reichte vom Sinn von Tätowierungen über das richtige Mischverhältnis von Weinschorle bis zum Konzertort. „In der Kirche fühlt man sich herausgefordert, die Wahrheit zu sagen - mehr als sonst“, sagte Campino, der das Konzert augenzwinkernd pathetisch mit den Worten „Liebe Gemeinde“ begonnen hatte.

Fans sitzen bei einem Konzert der Band auf den Kirchenbänken. Foto: dpa/Uwe Anspach

„Ich finde, es tut uns als Kirche gut, wenn wir uns solchen Veranstaltungen öffnen“, sagte Dekan Markus Jäckle. „Die Toten Hosen passen auch deswegen gut zu uns, weil sie sich sozial- und gesellschaftspolitisch engagieren“, meinte der 53-Jährige.

In der neugotischen Gedächtniskirche gastierte erst im September Schauspieler Ben Becker mit seinem Programm „Ich, Judas“, zuvor sprach dort bereits etwa der Politiker Gregor Gysi. Kritische Stimmen aus der Kirchengemeinde habe er nicht vernommen, sagte Jäckle.

Für das Konzert am Vorabend des 2. Advent waren die Bühne im Altarraum und mehrere Kirchenfenster stimmungsvoll beleuchtet. Balladen wie „Liebeslied“ sorgten in dem erhabenen Sakralbau von 1904 für Gänsehautmomente, während Gassenhauer wie „Hier kommt Alex“ im Polka- und Ska-Stil die Besucher von den Holzbänken rissen.

Für die Band war es nicht das erste Radiokonzert - und auch keine Premiere in einem Gotteshaus. Die Toten Hosen spielten sowohl bereits auf Beerdigungen als auch vor dem Mauerfall in Ostberliner Kirchen, organisiert von der DDR-Opposition, wie Campino erzählte.

Verstärkt wurde das Quintett aus der Stadt rund 350 Flusskilometer rheinabwärts von Klavier, Cello und Akkordeon. Wohl intensivster Moment war das Lied „Schwerelos“ über eine Auschwitz-Überlebende. „Sie breitet ihre Arme aus, macht sich bereit zum Sprung, wirft sich den Vögeln hinterher, wirft sich in die Luft“, heißt es darin unter anderem. In der mächtigen Hauptkirche der Evangelischen Kirche der Pfalz herrschte da mit einem Mal eine sehr andächtige Stimmung.

(dtm/dpa)