Nach dem Referendum: Die Sorgen der Deutschtürken

Nach dem Referendum : Die Sorgen der Deutschtürken

Woher kommt die Unterstützung für Erdogan unter Deutschtürken? Nach dem Referendum ist erneut eine Debatte über Integration entflammt.

Es war knapp. Sehr knapp. Die ersten Hochrechnungen am Sonntagabend ließen noch einen Erdrutschsieg für Erdogan und seine Anhänger erahnen. Doch der Vorsprung schrumpfte. Am Ende stimmten 51,4 Prozent der Türken für das Präsidialsystem. In Deutschland lag die Zustimmungsrate bei 63,1 Prozent. Das hat nun so manchen Politiker aufgescheucht. Grünen-Chef Cem Özdemir sieht die in Deutschland lebenden Türken aus dem "Ja"-Lager jetzt in Erklärungsnot: "Ein Teil der Deutschtürken muss sich kritische Fragen gefallen lassen", sagte er im ARD-"Morgenmagazin". Sie genössen in Deutschland die Vorteile der Demokratie, richteten in der Türkei aber eine Diktatur ein. "Wir müssen über Versäumnisse der Integrationspolitik reden", sagte der Schwabe mit türkischen Wurzeln.

"Kein Beleg für gescheiterte Integration"

Vorweg: Ja, das müssen wir. Aber allein anhand des Ausgangs des Referendums lässt sich das nicht ableiten. In Deutschland leben rund drei Millionen Türkischstämmige. 1,4 Millionen davon waren wahlberechtigt, weil sie entweder nur den türkischen Pass oder die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Von diesen 1,4 Millionen wiederum haben 46,2 Prozent ihre Stimme abgegeben. Davon stimmten 63,1 Prozent mit "Ja", also für Erdogans Präsidialsystem. Macht 408.130. Es stimmten also letzten Endes 13,6 Prozent der hierzulande lebenden Türkischstämmigen für Erdogans Präsidialsystem. Von einer Mehrheit kann man hier nicht sprechen, eigentlich noch nicht mal von einer bedenklichen Größe. Zumal so manche Erdogan-Kritiker aus Angst vor Repressalien gar nicht erst die Konsulate aufgesucht haben.

So reagieren Türken und Deutschtürken nach dem Referendum 2017

"Das Ergebnis kann, wenngleich es sehr erschütternd ist, nicht als Beleg für eine gescheiterte Integration gewertet werden", sagt NRW-Integrationsminister Rainer Schmeltzer (SPD). Man müsse aber klar sagen, dass die jetzige Situation auch zu einer Belastung des Integrationsprozesses in Deutschland und in NRW werde.

Auch Detlef Pollack, Religionssoziologe an der Universität Münster, hält den Ausgang des Referendums für ein Signal. "Es war eine Protestwahl. ,Belehrt uns nicht, sondern nehmt uns ernst', ist die Botschaft", sagt Pollack, der auch Sprecher des Exzellenzclusters "Religion und Politik" ist. "Ökonomisch betrachtet hat die Integration der Türken hierzulande gut funktioniert. Das Problem ist kultureller Natur", so Pollack. Viele Türken seien sehr stolz auf ihr Land. "Das haben wir bisher nicht ernst genommen."

Als Deutschland 1961 mit der Türkei das Abkommen über die Anwerbung von Gastarbeitern abschloss, war die Intention klar: Deutschland brauchte Arbeitskräfte. Die Türkische Republik litt unter hoher Arbeitslosigkeit und profitierte von den Devisen, die türkische Arbeiter nach Hause schickten. Aus ihrem Arbeiterstatus kamen viele Türken allerdings nie heraus.

Identifikationsproblem bei Deutschtürken

Baha Güngör hat es damals selbst erlebt. Der langjährige Leiter der Türkei-Redaktion der Deutschen Welle kam in besagtem Jahr 1961 nach Deutschland, nach Aachen. "Die türkischen Arbeiter jener Zeit hatten große Schwierigkeiten damit, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Zu Hause klagten sie über ihre Nicht-Beachtung. Die Kinder haben ihre Eltern leiden sehen", erinnert sich Güngör. Die Deutschtürken entwickelten ein Identifikationsproblem. "Wer bin ich?", hätten sie sich gefragt.

Die Türken wuchsen zu einer engen Gemeinschaft zusammen, die heute wohl engste einer zugewanderten Volksgruppe in Deutschland. Als Erdogan 2003 Ministerpräsident und 2014 Präsident wurde, verstärkte er diesen Effekt: Ihr seid Türken, rief er seinem Volk in der Diaspora zu. Aus der geschlossenen Gemeinschaft wurde teils eine verschlossene. Deutsche Vorurteile gegen den Islam, der vor allem in Zeiten des Terrorismus immer wieder mit Islamismus gleichgesetzt wird, hemmen die Integration weiter.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass noch im vergangenen Jahr in einer repräsentativen Studie der Universität Münster 54 Prozent der in Deutschland lebenden Türken der Aussage zustimmten: "Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich werde nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt". Damit in derlei Umfragen künftig Werte von 40, 30 oder gar zehn Prozent auftauchen, bedarf es eines größeren Willens zur Integration - von deutscher wie von türkischer Seite. Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. "Gerade jetzt sollten Deutsche und türkischstämmige Bürgerinnen und Bürger nicht in Polemik abdriften oder pauschale Urteile übereinander fällen", sagt Jutta Cordt, Chefin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge.

Lesen Sie weiter: "Ich möchte keinen Streit wegen meiner politischen Haltung"

Hier geht es zur Bilderstrecke: Nach dem Referendum: Das sagen Deutschtürken

(jaco)