Deutschland-Vergleich Schlechte Lebensqualität, sinkender Wohlstand – NRW kann kaum mithalten

Analyse | Düsseldorf · Überraschende Ergebnisse beim Deutschland-Vergleich der Städte und Kreise: Der Norden und Osten holt auf, der Süden stagniert. Und Nordrhein-Westfalen ist eine einzige Enttäuschung. Woran liegt das?

Martin Kessler
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Ein Bagger steht in der Nähe des Aussichtspunktes Terra Nova im Tagebau Hambach bei Elsdorf (Archiv).

Ein Bagger steht in der Nähe des Aussichtspunktes Terra Nova im Tagebau Hambach bei Elsdorf (Archiv).

Foto: dpa/Oliver Berg

Es verschiebt sich etwas in Deutschland. Im jüngsten Regional-Ranking des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln sind es nicht mehr der Süden und der Westen, die beste Aussichten auf mehr Wohlstand, Lebensqualität und Jobs haben, es ist der Norden. Und überraschenderweise auch Ostdeutschland. Zwar sind die Städte und Kreise in Bayern und Baden-Württemberg beim Leistungsniveau weiterhin führend, aber in der Dynamik lassen sie nach.

Alle zwei Jahre vergleichen die Forscher des IW die 400 Städte und Kreise der Bundesrepublik in Bezug auf die Wirtschaftsstruktur, den Arbeitsmarkt und die Lebensqualität. Dabei werden Kriterien wie Firmenneugründungen, der Anteil der Hochqualifizierten und die Frauenerwerbsquote, aber auch die Ärztedichte und der Anteil von Naturflächen untersucht. Also alles, was eine kommunale Region lebenswert macht.

Und da fällt zumindest in den Zuwachsraten der Süden zurück. Noch vor vier Jahren waren zwei Drittel aller Städte und Kreise dort besser als der Schnitt, jetzt sind es noch 40 Prozent. Kein Grund zur Beunruhigung. Aber der Norden und Osten holen kräftig auf, wozu auch die neuen Großinvestitionen der Chip- und Batteriefertigung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein beitragen.

Wie aber schneidet die Kernregion Deutschlands ab, das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen? Das Land muss aufpassen, findet Hanno Kempermann, Geschäftsführer der Instituts-Tochter IW Consult und einer der Autoren der Studie. Tatsächlich liegen nur neun der 53 Kreise und Städte in NRW im Niveau-Ranking über dem Bundesdurchschnitt. Unter den besten zehn ist kein einziger Vertreter aus dem westlichen Bundesland zu finden. Die Bayer-Stadt Leverkusen belegt als Top-Kommune in NRW immerhin Platz 19, die Landeshauptstadt Düsseldorf erreicht Rang 29 und der nahe gelegene Kreis Mettmann folgt auf Position 94. Das war es an NRW-Kreisen und Städten unter den Top 100. Dafür tummeln sich gleich fünf Kommunen auf den zehn untersten Rängen: Hagen (394), Oberhausen (396), Duisburg (398), Gelsenkirchen (399) und Herne (400). Also gleich drei Ruhrgebietsstädte bilden das Schluss-Trio der Untersuchung.

Dass der Pott das Land nach unten zieht, weil er noch immer unter den Folgen der Deindustrialisierung leidet, ist kein Wunder. Erstaunlich ist aber, dass die einst so erfolgreichen Kreise und Städte in Ostwestfalen, im Sieger- und Sauerland so schlecht abschneiden. Hier geben eigentlich kerngesunde mittelständische Unternehmen den Ton an. Oft sind es heimliche Weltmeister, die mit ihren Produkten über Jahrzehnte global erfolgreich sind. Der IW-Consult-Geschäftsführer Kempermann kennt die Gründe: „Das wirtschaftsstarke Westfalen ist heftiger von steigenden Energiepreisen betroffen als andere Regionen Deutschlands. Zugleich sind hier viele Unternehmen eher an traditionellen Branchen wie der Autozulieferung für den Verbrennermotor orientiert. Das erweist sich jetzt als Nachteil.“

Auch die attraktiven Städte des Landes wie Köln (Rang 214), Bonn (111) und Aachen (335) haben sich im Niveau verschlechtert. So liegen die beiden rheinischen Schwergewichte Köln und Aachen trotz ihrer Gründerkultur, junger Bevölkerung und hoher Qualifikation der Beschäftigten unter dem Bundesschnitt. Das rührt daher, dass die beiden Städte etwa bei der Kriminalität, der Frauenerwerbsquote oder der Familienfreundlichkeit eher schlecht abschneiden. Andere Städte wie Mönchengladbach oder Münster haben sich zwar verbessert, schneiden aber wegen ihrer vergleichsweise schwachen Wirtschaftsstruktur (Mönchengladbach) oder fehlender Wohnungen für Familien (Münster) deutlich schlechter ab als vergleichbare Regionen in anderen Teilen Deutschlands.

Die nordrhein-westfälische Wirtschaft insgesamt, so viel steht fest, kommt mit den Herausforderungen der Digitalisierung und der Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirschaft weniger gut zurecht als andere Regionen in Deutschland. Zugleich ist das Bundesland eher städtisch orientiert, während es vor allem die flexiblen Mittelständler auf dem Land im Süden, aber auch im Norden Deutschlands besser schaffen, sich auf das neue Umfeld einzustellen. Sodann fehlt es in NRW am notwendigen Platz für Neuansiedlungen. „Das ist im Norden und Osten Deutschlands anders“, meint der IW-Ökonom Kempermann. Deshalb haben Großkonzerne wie Northvolt (Batterie), Intel und TSMC (Halbleiter) sich lieber in Schleswig-Holstein, Sachsen und Sachsen-Anhalt niedergelassen. Auch der Autozulieferer Kirchhoff wollte ursprünglich sein Werk in NRW bauen, fand aber kein Grundstück. Deshalb wich er nach Sachsen aus.

Und selbst die guten Universitäten des Landes in Aachen, Köln, Bonn oder Bochum können die guten Studierenden oft nicht in der Region halten. „Es gibt zu wenig attraktive Arbeitgeber in NRW. Absolventen von Exzellenzuniversitäten gehen da lieber in den Süden – zu BMW, Mercedes, Google oder Microsoft.“ Es fehlt an einem übergreifenden Konzept, für neue Unternehmen oder Ansiedlungen ein attraktives Umfeld zu schaffen. Dazu gehören die Verfügbarkeit von Fachkräften, Flächen und grünem Strom. Von allem hat NRW zu wenig.

Allerdings gibt es auch Hoffnungszeichen. Das zeigt der Blick auf das Dynamik-Ranking der Studie, bei der die jüngsten Veränderungen untersucht werden. So entstehen gerade in Nordrhein-Westfalen Wissenschafts- und Wirtschaftscluster rund um den Wasserstoff, den Energieträger der Zukunft. Auch sind Köln und Düsseldorf starke Standorte für Biotechnologie, das Forschungszentrum Jülich brilliert mit seinen Quantencomputern. „Diese Bereiche könnten einen großen Beitrag zu mehr Dynamik leisten“, glaubt der IW-Experte Kempermann.

Tatsächlich verfügt das Land noch über erhebliches Potenzial. Im Dynamik-Ranking der IW-Untersuchung liegen immerhin 29 Städte und Kreise über dem Bundesdurchschnitt. Das ist mehr als die Hälfte aller kommunalen Gebiete in NRW. Leverkusen, dessen wichtigster Konzern Bayer gerade in großen Schwierigkeiten steckt, belegt trotzdem Platz fünf der dynamischsten Städte Deutschlands. Das liegt wohl kaum daran, dass die Kommune den deutschen Fußballmeister stellt, sondern weil sie die Gewerbesteuern radikal gesenkt hat. Das hat Unternehmen aus allen Teilen Deutschlands und auch aus dem Ausland angelockt. Dazu kommt das Qualifikationsniveau der Beschäftigten sowie der Zuwachs an wissensintensiven Dienstleistungen.

Selbst das einst so abgehängte Ruhrgebiet erwacht zu neuem Leben. Die einstige Industrieregion, so Kempermann, habe bei der Dynamik „die rote Laterne abgegeben“. In Bochum ist ein Zentrum für Cyber-Sicherheit entstanden, in Dortmund sticht die Mikroelektronik und die Logistik hervor, und in Essen haben viele Konzernzentralen inzwischen ihren Sitz. Selbst Schlusslicht Duisburg hat einen Dynamikschub erlebt. Er ist so spürbar, dass die Unternehmerschaft der Stadt das Ergebnis des Rankings sofort zur wichtigsten Meldung auf ihre Webseite gemacht hat.

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