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Der lange Kampf gegen Traumata in den Flutgebieten

Seelische Nöte nach Flutkatastrophe : Der lange Kampf gegen Traumata

In den Flutgebieten helfen immer noch Seelsorger und Psychotherapeuten, die seelischen Folgen der Katastrophe abzufedern. Vielen Menschen kann schnell geholfen werden, bei anderen ist eine intensive Therapie notwendig. Insgesamt herrscht eher Ernüchterung als Verzweiflung.

Nach der Flut bemühen sich viele Menschen in den betroffenen Gebieten nicht nur, ihre Häuser wiederaufzubauen, sondern auch sich selbst. Mussten doch etliche um ihr Leben kämpfen oder miterleben, wie andere diesen Kampf verloren, ihre verzweifelten Schreie um Hilfe anhören. Wieder andere kamen zu spät, um zu helfen, und werfen sich dies wieder und wieder vor; unzählige Anwohner stehen buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz. Alles das sind traumatische Erlebnisse, die teils lange nachwirken oder erst nach Monaten auftreten, und die es aufzuarbeiten gilt; nicht jedem gelingt es. „Das hängt sehr von der Biographie und der individuellen Verfasstheit ab“, sagt Susanne Leutner, die als Psychologin und als Psychotraumatologin mit Flutopfern arbeitet.

Leutner ist Teil eines breiten Netzwerkes (www.sofortaktiv.de) aus Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzten, die in den Flutregionen von NRW und Rheinland-Pfalz professionelle Hilfe anbieten. Per E-Mail können Hilfesuchende Kontakt aufnehmen. Die Nachfrage verlaufe in Wellen, sagt Leutner. Nicht jeder benötige eine lange Therapie, viele Menschen litten einfach unter Traumata, die durch eine spezielle Intervention in vier, fünf Sitzungen zu bewältigen sei. „Diese Menschen sind nicht krank, sondern leiden nur kurzfristig unter den enormen Belastungen“, sagt Leutner. Ihnen könne aber gut geholfen werden. Schwieriger wird es, wenn eine Selbstgefährdung vorliege, weil ein Betroffener unter der Last der Ereignisse kapituliere. Auch diesen Menschen werde versucht zu helfen; Suizide habe es zwar gegeben, sagt Leutner, aber nicht als Massenphänomen.

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Für den Frechener Diakon Gregor Hergarten, der in den ersten zwei Wochen nach der Flut die Notfallseelsorge in den Flutgebieten koordinierte und auch selbst vor Ort Betroffene betreute, waren vor allem die Menschen besonders aus dem psychischen Gleichgewicht geraten, die vor dem Unglück alleine lebten, die niemanden hatten, der sie auffangen konnte. „Durch die Katastrophe wurde plötzlich offenbar, dass es für sie so nicht mehr weitergehen konnte“, sagt Hergarten. „Diese Menschen waren besonders auf unsere Hilfe angewiesen.“ Und sind es noch.

Wobei Gemeindereferentin Birgit Bartmann, die als Seelsorgerin die Flutopfer in Erftstadt betreut, feststellt, dass sich mittlerweile eher Ernüchterung bei den Menschen einstellt als Verzweiflung. Vom Optimismus und der Hoffnung der vergangenen Wochen habe sich angesichts ausufernder Bürokratie und Handwerkermangel viel verloren. „100 Tage nach der Flut sind die Menschen in der Realität angekommen“, sagt Bartmann. Wer etwa bei Freunden oder Bekannten untergebracht sei, wolle deren Hilfsbereitschaft nicht überstrapazieren und sehne sich zurück nach einem eigenen Leben. Manche würden zwar auch resignieren angesichts der tausend Dinge, die noch bewältigt werden müssten. „Aber es zeigt sich, dass die Menschen in der Regel mehr Kräfte mobilisieren können, als sie denken“, sagt die Seelsorgerin.

Zugleich sorgt sich Bartmann um die Zukunft der Dorfgemeinschaft in Erftstadt, befürchtet, dass es noch zu früh ist, um die psychischen Folgen der Flutkatastrophe wirklich einschätzen zu können. Manches werde derzeit noch davon überlagert, dass die Betroffenen viel zu regeln hätten, dass ihre Sorgen hinter der Fülle der täglichen Aufgaben verblassen. „Aber was ist dann, wenn sie mehr zur Ruhe kommen?“, fragt sich Bartmann. Sie glaubt, dass die seelischen Nöte der Menschen eher größer werden, schon jetzt seien etliche Einwohner weggezogen, weitere würden sicher folgen. „Das wird einiges verändern, nicht zuletzt die Dorfstruktur“, sagt die Seelsorgerin.

Unter anderem, um dies zu verhindern, bieten sich die Psychotherapeuten an. Um Hemmschwellen abzubauen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, sei es wichtig, dass immer dieselben Ansprechpartner zur Verfügung stehen, sagt Leutner. Mindestens vier bis fünf Anfragen gehen jeden Tag im Netzwerk ein. Aber auch Leutner glaubt, dass noch lange nicht alle Traumata bewältigt sind. „Mit Sicherheit gibt es viele Menschen“, sagt sie, „die bisher noch nicht den Mut aufgebracht haben, sich zu melden.“