Nur zu Fuß erreichbar Die wundersame Reise zum einsamsten Ort von NRW

Medebach · Nur die Bundesländer Berlin, Hamburg und Bremen haben eine höhere Bevölkerungsdichte als NRW. Unser Autor suchte trotzdem das Irgendwo im Nirgendwo.

 Weiter weg von einer Straße kann man in NRW nicht sein als hier bei Medebach im Sauerland.

Weiter weg von einer Straße kann man in NRW nicht sein als hier bei Medebach im Sauerland.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

An einem Donnerstagmorgen brach ich auf, um die Menschen zu verlassen. Nicht die Welt und nicht für immer, aber einen Tag lang wollte ich dorthin, wo sie so weit weg waren wie nur möglich. Wo ich sie und das, was sie geschaffen hatten, nicht sah, hörte und roch. Kein Auto, kein Haus, keine Möbelhauskantine.

Einmal noch gab ich mir die volle Dröhnung Mensch und ging durch den Berufsfußgängerverkehr im Dortmunder Hauptbahnhof. Dann stieg ich in den Zug, der mich bis auf 6,7 Kilometer an mein Ziel heranbringen sollte: 51°11‘09.9“N 8°36‘48.1“E (hier bei Google Maps aufrufen). Den Punkt, der so weit von einer Straße entfernt ist wie kein anderer in Nordrhein-Westfalen, einem Bundesland, dessen Bevölkerungsdichte nur von Bremen, Hamburg und Berlin übertroffen wird. 3242 Meter entfernt. Es war nichts, zu dem ich mich überwinden musste. Was die Menschen betrifft, bin ich skeptisch. Sorge hatte ich nur vor meinem Kopf und gescheiterten Liebesbeziehungen, die es noch aufzuarbeiten galt.

Der erste Halt hieß noch Dortmund-Hörde, danach deutete jeder Ortsname an, dass ich dem Nirgendwo wieder ein wenig nähergekommen war. Fröndenberg, Wickede, Neheim-Hüsten, Arnsberg, Oeventrop, Freienohl, Meschede, Bestwig. Bigge. Draußen wurde es erst grüner, dann wurde das Grüne bergiger. Hinter Bigge hupte der Zug in einem fort, der unbeschrankten Bahnübergänge wegen. Der Motor brauste einige Male auf. Die Bahnhöfe in Siedlinghausen und Silbach trugen die in ihrer Mischung aus Poesie und Bürokratie melancholischste Bezeichnung der deutschen Sprache: Bedarfshaltestelle.

Dann kam leider Winterberg, das St. Moritz des Sauerlands. Endstation. Der Stadt war auch an einem Frühherbstvormittag anzusehen, dass sie in der Lage war, Menschenmassen zu beschäftigen. An jeder Kreuzung 17 Wegweiser, eine Videothek mit E-Zigaretten-Abteilung oder umgekehrt, ein riesiger Supermarkt, in dessen Bäckerei ich noch ein Frikadellenbrötchen erwarb. Vom kurzen Gespräch mit der Verkäuferin hoffte ich, dass es bis zum Abend mein letztes sein würde. Ich wollte nun unbedingt fort.

Beinahe atmete ich auf, als die Straße nur noch für Forst- und Landwirtschaft und für mich freigegeben war. Sogleich bekam das Grau Risse. Ein paar Sekunden später überholte mich ein Auto mit Anhänger. Die Straße ging in einen Schotterweg über, auf dem ich talwärts in den Wald ging. In der Ferne hörte ich den Verkehr, dann nur noch Vögel, weit weit weg eine Säge. Es musste geschafft sein.

Die asphaltierte Straße hielt ich zunächst für eine Täuschung, den Wanderparkplatz auch. Dann erinnerte ich mich an die Worte des Mannes, der mir den Punkt berechnet hatte, zu dem ich ging. Forst- und Feldwege hatte er nicht berücksichtigt. Einige dieser Wege waren asphaltiert, weil ein Deutschland ohne Asphalt kein Deutschland war, und einige waren so weit freigegeben, dass Leute mit Autos auf einen Parkplatz fahren konnten. In kurzer Zeit begegneten mir drei Wanderer. Wurde im Wald ein Rave gegeben?

Gegen die nahende Enttäuschung stapfte ich weiter, ein Propellerflugzeug flog unsichtbar über mich hinweg, eine Joggerin überholte mich und sagte „Hallo“, schüchtern oder erschöpft, ein landwirtschaftliches Fahrzeug kam mir entgegen. Es sah so seltsam aus, dass mir eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dann hörte ich den Bach rauschen, die Orke, sie war Meditationsmusik in meinen Ohren. Dann rumpelte mir ein Fahrzeug mit vorne eingeklemmten Strohballen entgegen. Dann hörte ich den Specht. Oh, wie ich den Specht hörte. Beinahe wäre ich in die Luft gesprungen und hätte die Hacken aneinandergeschlagen.

Der einsamste Ort von NRW
8 Bilder

Der einsamste Ort von NRW

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Foto: Sebastian Dalkowski

So lief ich weiter, links von mir Wald, rechts Wiese, der Asphalt ging wieder in Schotter über. Ich musste ganz nahe sein. Scharf links ging ein Weg in den Wald ab, er war von Gras überwuchert. Dann bog ich scharf rechts ab, lief noch ein paar Meter und war am Ziel, umgeben von Fichten. Ich hatte die maximale Distanz zwischen mich und die Zivilisation gebracht.

Dann hörte ich sie.

Es dauerte nicht lange, bis ich die Stimme einer Frau zuordnen konnte. Wenig später sah ich sie durch die Bäume hindurch auf dem Weg laufen, von dem ich eben abgebogen war, neben ihr ein Mann. Sie redete in einem fort, jedes Wort ein Stich, doch ich verstand bloß: „Die Nele sagte ,Um Gottes Willen‘.“ Und: „Strumpfhose.“ Aus meinem Zorn wurde Sorge bei dem Gedanken, sie könnten abbiegen und an mir vorbeilaufen. Niemand außer mir hatte das Recht, hier zu sein, denn nur ich wusste um die Bedeutung dieser Stelle im Wald. Die Menschen sollten auf ihren Schotterwegen und asphaltierten Straßen bleiben.

Sie blieben auf dem Weg. Ich hörte ein Flugzeug und noch eines, dann aber waren da nur noch der Wald, die Orke, die Vögel und ich. Wenn ich mich nicht bewegte, war nichts Menschengemachtes mehr zu hören.

Erst jetzt kam ich dazu, mir die Stelle näher anzusehen. Da war also ein Waldweg, oberhalb und unterhalb ein steiler Abhang mit Fichten, der Abhang oberhalb war durch Schieferfelsen begrenzt. Der Weg war voller Zweige und Unkraut, als habe hier jahrelang keiner mehr aufgeräumt. Ich verstand nicht direkt, warum dies eine der besten Stellen der Welt war. Dazu musste ich erst den Weg weitergehen, über einige Asthaufen, Barrikaden gleich. Nach wenigen hundert Metern löste sich der Weg einfach im Wald auf. Deshalb also waren die Wanderer nicht abgebogen, deshalb würde nie ein Wanderer hier abbiegen. Es ging hier einfach nicht weiter. Niemand hatte einen Grund, hierhin zu kommen. Dieser Ort gehörte wirklich mir.

Als ich zurückging zu meiner Stelle, durchfuhr mich ein Gedanke: War ich seit Jahren der erste hier? Nirgendwo sah ich Müll, nicht einmal ein Papiertaschentuch. Wie viel hatte der Mensch hier noch zu verantworten? Wie lange lehnten diese beiden Zweige schon gekreuzt am Schieferfelsen?

Mir schwindelte. Dieser Ort war am weitesten von einer Straße entfernt, ja, das hieß aber auch, dass er von den Menschen verschont wurde. Auf Google war der Weg nicht einmal eingezeichnet, dort war einfach blasses Grün. Ich dachte nicht an andere Menschen, ich dachte nicht an mein Leben, nichts zog mich weg oder hinunter. Ich war zu hundert Prozent hier. An der Stelle, an der die Natur nicht behelligt wurde, wurde auch ich nicht behelligt. Doch ich konnte hier nicht ewig bleiben. Ich konnte auch nicht jeden Tag zurückkehren. Man würde mich wieder behelligen.

Ein Lkw namens Gerd war der erste, der mir auf dem Rückweg begegnete, da hatte ich gerade wieder Asphalt unter den Füßen. Ich war unterwegs zu dem Punkt einer öffentlichen Straße, der Luftlinie am kürzesten von der einsamsten Stelle entfernt war. Alles, was auf Menschheit hinwies, nahm ich missmutig zur Kenntnis. Die Wegweiser, den Schuppen, ein parkendes Auto, ein fahrendes Auto. Dann sah ich das Dorf Elkeringhausen am Abhang und alles war vorbei. Leicht benebelt wachte ich aus einem Traum auf. Die Stelle, zu der ich wollte, lag an einer Kurve, an der Schilder auf einen Skilift, ein Naturkino und die Zeche „Elend“ hinwiesen.

Die Kreisstraße nach Winterberg hatte keinen Radweg. Ich stapfte rechts von der Fahrbahn übers Grün, Autos rasten mir entgegen oder an mir vorbei. Im Gras lagen Zigarettenschachteln und Pappbecher, die einst mit Kaffee oder Softdrinks gefüllt waren, vermutlich gedankenlos aus Autofenstern geworfen. Doch der Gedanke, dass ich gerade von einem Ort kam, an dem alles gut war, tröstete mich. Vielleicht war ja auch ich noch zu retten. Nicht, indem ich immer und immer wieder zu 51°11‘09.9“N 8°36‘48.1“E wanderte - jede Flucht konnte nur eine vorübergehende sein - sondern indem ich in mir eine Stelle fand, die so weit weg war, dass sie verschont blieb von der Welt. Wenigstens diese eine Stelle.

Ich erreichte Winterberg. Ein Schild informierte, zur Bekannte-Biermarke-Eisarena bitte rechts. Ich ging links. Nur um an einem Gebäude vorbeizukommen, vor dem ein Banner angebracht war. „Jeden Samstag Disco-Bowling mit DJ Tommes Beck“ stand darauf und in pink: „Bowlhaus“. Die Buchstaben sahen aus wie tanzender Wackelpudding.

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