Schwere Unfälle in NRW: Debatte um Sicherheit bei Straßenbahnen

Schwere Unfälle in NRW : Debatte um Sicherheit bei Straßenbahnen

In jüngster Zeit haben sich in NRW schwere Straßenbahn-Unfälle ereignet. Vorfälle vom Wochenende: In Bielefeld kam eine Frau ums Leben, in Düsseldorf wurde ein 16-Jähriger schwer verletzt. Der Ruf nach mehr Sicherheit wird lauter.

Es sind schockierende Szenen wie diese, durch die Straßenbahnen immer häufiger in die Schlagzeilen geraten: Eine Fußgängerin, 37 Jahre alt, ist am Freitagabend in Bielefeld von zwei Straßenbahnen überrollt und tödlich verletzt worden, ehe ihr lebloser Körper im Gleisbett jemandem auffiel. Die Ursache für den Unfall ist vorerst noch unklar.

Blick nach Düsseldorf, Samstag, kurz vor 16 Uhr: Ein 16-Jähriger will in Derendorf noch rasch vor einer Straßenbahn die Gleise überqueren, erleidet just in dem Moment einen Schwächeanfall und wird von der Bahn überrollt. Der Fahrer kann schnell genug bremsen, die Bahn wird angehoben - der schwer verletzte Junge kommt in ein Krankenhaus, wird notoperiert. Lebensgefahr besteht zum Glück nicht. Noch einmal Düsseldorf, jetzt Wehrhahn: Ein 52 Jahre alter Mann wird von einer S-Bahn überrollt, er ist sofort tot.

Schließlich Bochum, immer noch dasselbe Wochenende: Ein Auto wird von einer Straßenbahn seitlich erfasst. Der Autofahrer (68) wird schwer, seine Beifahrerin (67) leicht verletzt.

Wegen solch dramatischer Unfälle gewinnt der Ruf nach mehr Sicherheit im Straßenbahnverkehr in letzter Zeit deutlich an Lautstärke. Zum Beispiel Maria Limbourg, Professorin für Verkehrspädagogik an der Universität Essen: Sie fühlt sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass Straßenbahnen oft zu schnell unterwegs sind. "Vor allem an Fußgänger-Überwegen müssten die Bahnen langsamer fahren", mahnt sie.

Das Gegenargument der Düsseldorfer Rheinbahn klingt so: "Wenn wir langsamer fahren, werden wir teurer und unattraktiver. Als Resultat steigen die Menschen vom sichersten Verkehrsmittel - das ist die Straßenbahn - ins gefährlichste um, das Auto", sagt Rheinbahn-Sprecher Georg-Thomas Schumacher.

Die Statistik der Jahre 2011 bis 2013 weist in Nordrhein-Westfalen 2554, 1845 und 2034 Unfälle aus und bewegt sich "im Rahmen der üblichen Schwankungen", teilt die Bezirksregierung Düsseldorf auf Anfrage mit. Autofahrer waren dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr in NRW 573 586 Mal in einen Unfall verwickelt.

Es ist praktisch durchweg so, dass Städte und Verkehrsbetriebe die Schuld an den schweren Straßenbahn-Unfällen der jüngsten Zeit in erster Linie bei den Fußgängern und Autofahrern sehen. "Fast sämtliche Fußgängerunfälle an Überwegen erfolgen nachweislich bei angelaufener Warn- oder geschlossener Schrankenanlage", sagt ein Sprecher der Bezirksregierung Düsseldorf. Zeugenaussagen bestätigen dies nahezu bei jedem Unfall, in dem eine Person durch eine Straßenbahn zu Schaden kam. Auch Unfälle zwischen Bahn und Auto resultieren oft aus einem verbotswidrigen Linksabbiegen. Die Autofahrer biegen buchstäblich in die Straßenbahn ein. "Kurz vor einem Schienenfahrzeug die Fahrbahnseite zu wechseln, ist in Düsseldorf zu einem Volkssport geworden", sagt Jörg Junkermann, seit 25 Jahren Straßenbahnfahrer in Düsseldorf.

Zudem raubt offenbar das Smartphone immer mehr Aufmerksamkeit. Viele blicken auch beim Überqueren der Gleise nicht von ihrem Bildschirm auf. Kopfhörer und Musik übertönen das Bimmeln der Bahn. "In solchen Fällen wäre es sinnvoll, ein hohes Bußgeld zu verhängen. Das hätte auch eine höhere Signalwirkung als jede Warnung", sagt Stephan Anemüller, Sprecher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). Die testen in Zusammenarbeit mit der Stadt derzeit eine Lichtleiste, die auf dem Boden entlang der anfahrenden Bahn verläuft.

Mehr Hinweise und Signale - verspricht das Erfolg? "Nein", sagt Straßenbahnfahrer Jörg Junkermann. Derzeit herrsche bereits eine Hinweisflut, die gefährliche Stellen eher unübersichtlich als sicherer mache. "Ich würde mich über einen Politiker freuen, der ein paar überflüssige Springlichter abschrauben und gegen eindeutige Schilder mit Piktogramm ersetzen würde. Das wäre mal was Neues."

Jörg Junkermann findet zudem, dass die Verkehrserziehung zu kurz kommt. Fußgänger wüssten oft nicht, worauf sie zu achten hätten und gerieten dadurch in Lebensgefahr. "Es gibt Menschen in Düsseldorf, die wissen gar nicht, dass ich ihnen das Leben gerettet habe, weil ich vorausschauend gebremst habe", sagt Junkermann.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 16-Jähriger in Düsseldorf von Straßenbahn überfahren

(RP)
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