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Duisburg/Essen: Das Leben an der Baustelle Autobahn

Duisburg/Essen : Das Leben an der Baustelle Autobahn

Seit zwei Wochen sind die A 40 und A 52 teilweise gesperrt. Anwohner sind genervt. Der Umleitungsverkehr verstopft die Straßen. In Duisburg ist seit Donnerstag die A 59 dicht. Auf den Ausweichrouten bilden sich gefährliche Staus.

Er ist einer der Letzten seiner Art, was man unter anderem an seinen wunden Ellbogen erkennen kann. Seit 1972 lehnt Heinz Hinkelmann fast jeden Abend seine Arme auf die Fensterbank und guckt auf die vielen Autos, die nur sechs Meter vor ihm auf der Autobahn 40 vorbeirauschen. Nur die schmale Huckrader Straße und eine Schutzwand trennen den 87-Jährigen und seine Wohnung im zweiten Stock vom Ruhrschnellweg.

Die Autobahn als Attraktion

Der ehemalige Stahlarbeiter liebt diesen Ausblick. Der Lärm, der ganze Dreck, die vielen Abgase, das alles macht ihm nichts aus. Die Ruhe hingegen schon, die seit zwei Wochen statt des Verkehrskrachs vor seiner Haustür herrscht. Statt auf vorbeifahrende Autos blickt Hinkelmann nun auf einen grünen Silo und Arbeiter mit orangenen Helmen, die einen alten Bergbaustollen verfüllen. Die A 40 und A 52 sind deswegen teilweise gesperrt - voraussichtlich noch bis Montagmorgen. Hinkelmann glaubt daran nicht. "Die haben uns schon viel versprochen", sagt er. "Erst wenn ich es mit eigenen Augen sehe, glaube ich es."

Nicht nur die Anwohner der A 40, sondern fast jeder Essener sehnt den Tag herbei, an dem der Landesbetrieb Straßen NRW die Fahrtrichtung Bochum wieder freigeben wird. Die meisten aber aus einem anderen Grund als Heinz Hinkelmann. Denn seit der Sperrung geht es innerstädtisch nur noch im Schneckentempo voran. Nichts geht mehr im Berufsverkehr, selbst an Brückentagen wie gestern zur Mittagszeit bricht der Verkehr zusammen. Besonders betroffen ist das Wohngebiet "Frillendorfer Allee", das direkt hinter Hinkelmanns Haus beginnt.

Dort, wo sich sonst kaum ein fremdes Auto hin verirrt, geht es nun zu wie auf einer Schnellstraße. Ortskundige benutzen die engen Straßen (verkehrsberuhigte Zone) des Viertels als Abkürzungen. "Ich komme kaum noch mit meinem Wagen aus der Garage raus", sagt Anwohner Thomas Lenz (53). "Die rasen wie die Bekloppten hier durch. Ein Wunder, dass noch niemand überfahren worden ist." Die Polizei stellt ab und an mal ein Messgerät auf. Verhindern können die "Blitzer" den ungewollten Umleitungsverkehr nicht. "Dafür müsste schon ein Starenkasten her", sagt Gisela Hausmann, ebenfalls Anwohnerin der "Frillendorfer Allee".

Während die Essener die Sperrung bald überstanden haben dürften, geht für die Duisburger das Verkehrschaos jetzt erst richtig los - und es wird mindestens ein halbes Jahr dauern. Auf einer Länge von mehreren Kilometern ist seit vorgestern die Autobahn 59, die den nördlichen Niederrhein mit Duisburg und Düsseldorf verbindet, in Fahrtrichtung Düsseldorf komplett gesperrt. Eine wirklich sinnvolle Umleitung gibt es nicht. Wer dem roten Punkt folgt, wird über die A 42 auf die A 3 gelenkt. Von dort, so der Plan, führt die Umleitung weiter auf die A 40. Doch wer der Empfehlung folgt, steht sofort im Stau.

Vom Kreuz Duisburg bis zur Ausfahrt Duisburg Neumühl/Meiderich entstehen infolge der Sperrung gefährliche Situationen. Die Autos bilden dort eine zusätzliche Spur auf dem Standstreifen. Immer wieder scheren einige aus und es kommt zu Beinaheunfällen. Lastwagen, die von hinten heranfahren, weichen im letzten Moment auf die Mittelspur aus. Für 1000 Meter benötigt man eine halbe Stunde - und das am frühen Nachmittag. Wer innerstädtisch ausweicht, ist in der Regel noch schlimmer dran. Die meisten Ampeln sind für das erhöhte Verkehrsaufkommen falsch geschaltet. Sie bremsen den Verkehr weiter aus. Die Straßen sind zu eng und für die vielen zusätzlichen Autos und Lastwagen nicht ausgelegt.

Sperrung als Probe für den Handel

Ergun Yilderim arbeitet in einem Kiosk in Meiderich - dem am meisten durch die Sperrung betroffenen Stadtteil. Sein Büdchen liegt direkt an der Hauptumleitung. Der 42-Jährige möchte am liebsten schließen für die nächsten sechs Monate. Er habe zwar damit gerechnet, dass es Staus geben werde. "Aber dass es so voll wird, dass ich vor lauter Krach Fenster und Türen schließen muss, hätte ich nicht gedacht", sagt er.

Dabei steht das wirkliche Verkehrschaos erst noch bevor. "Wegen des 1. Mai hatten sich viele einen Brückentag genommen. Die Straßen waren deswegen nicht ansatzweise so voll wie sonst", betont eine Sprecherin des ACE, Auto Club Europa. Das werde sich ab Montag ändern, betont sie. Besonders betroffen sind die Pendler, die aus Dinslaken und Wesel nach Duisburg und Düsseldorf müssen.

Zurück nach Essen. Heinz Hinkelmann ruft den Bauarbeitern draußen zu, dass sie voran machen sollen, damit die Autos wieder rollen können. Doch lange, das weiß der 87-Jährige, kann er nach der Aufhebung der Sperrung nicht mehr auf seine A 40 schauen. Denn dann wird die Lärmschutzwand erhöht. "Ich fürchte die Ruhe."

(RP)