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Bonn: Das kleine große Bundesdorf

Bonn : Das kleine große Bundesdorf

Mit dem Fortgang des Traditionsunternehmens Haribo muss Bonn wieder einen Imageverlust hinnehmen. Am wirtschaftlichen Boom der Stadt ändert das jedoch nichts. Bonn wächst - und ein Ende ist nicht in Sicht.

In der Stadt Bonn ist für manche kein Halten, dafür aber geht niemand so ganz. Weder die Bundesregierung noch das Bundes-Büdchen oder das Lakritz-Imperium Haribo. Schlüssig aufzuklären vermag diese Abstoßungs- und Anziehungskräfte kaum einer. Auch nicht Jürgen Rausch, überzeugter Bonner und Eigentümer des legendären Bundes-Kiosks im früheren Regierungsviertel. Bei ihm gingen früher die Parlamentarier ein und aus, kauften Zeitungen und aßen Erbsensuppe. Mit dem Fortgang der Regierung nach Berlin wurde das denkmalgeschützte Büdchen eingelagert, die Wiedereröffnung aber ist fest geplant. "Bonn hatte vergleichsweise großes Glück", sagt Rausch. "Veränderungen muss man annehmen und das Beste daraus machen."

Veränderungen wie der angekündigte Umzug von Haribo zum Beispiel. Vor einem halben Jahr erst hat das Unternehmen einen Laden in der Bonner Innenstadt eröffnet -überdimensionale Gummibärchen locken in eine stylish inszenierte Lakritz-Welt. Jetzt wandern die bunten Bären schon wieder ab. Die Entscheidung, den Firmensitz und eine Produktionsstätte nach Rheinland-Pfalz zu verlegen, ist ohne Frage ein Schlag für Bonn. Da aber 850 von rund 1000 Arbeitsplätzen im Stadtteil Kessenich erhalten bleiben, wohl nicht in erster Linie ein finanzieller. "Es ist vor allem ein Imageverlust", sagt Michael Pieck von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg. Und der wiegt fast schwerer in einer Stadt, die mal der politische Nabel Deutschlands war und sich nach dem Hauptstadtwechsel neu erfinden musste. Mit Image-, mit Gesichts- und Bedeutungsverlust kennt man sich aus in Bonn, und vielleicht reagieren die Menschen dort deshalb besonders sensibel.

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Elisabeth Schleier etwa führt gemeinsam mit ihrem Mann Besucher durch die Stadt, bietet auch Nachtwächter-Touren an. Sie findet den Entschluss von Haribo bedauerlich. "Den Namen kennt jeder und verbindet ihn mit Bonn", sagt sie. Aber aus der wechselhaften Stadt-Geschichte weiß sie: "Es ging immer auf und ab." Seit dem Regierungsumzug zeigt die Kurve allerdings deutlich nach oben - die Berlin-Nebenstelle, wie Spötter das Kennzeichen "BN" gerne bezeichneten - mauserte sich zum Hauptsitz von Unternehmen und Institutionen, zur Uno- und Bundesstadt. Universitätsstadt war sie sowieso schon.

So residieren die Dax-Konzerne Telekom und Post in Bonn, der Eierlikörhersteller Verpoorten und der Backwarenspezialist Kessko. Dank des Berlin/Bonn-Gesetzes sind sechs Bundesministerien und zwei Dutzend Bundesbehörden am Rhein angesiedelt, darunter Kartellamt, Netzagentur und Rechnungshof. Im "Langen Eugen", früher Arbeitsplatz der Bundestagsabgeordneten, haben 18 Uno-Sekretariate ihren Sitz. Durch die Ausgleichshilfen des Bundes sind insgesamt 1,4 Milliarden Euro in die Stadt geflossen, die sich nach wie vor ein hauptstadttaugliches Kulturangebot mit Museen, Theater und Oper leistet. Die Folge: Bonn boomt, im Gegensatz zu vielen anderen Großstädten. Aus den derzeit 310 000 Einwohnern sollen bis 2025 rund 340 000 geworden sein, sagt das Statistische Landesamt. Schon heute tummeln sich 30 000 Studenten in der Stadt, angelockt von der attraktiven Mischung aus Gründerzeitvillen, grünen Stadtplätzen, Rheinpromenade und Schlösser-Romantik.

Vom Absturz in die Bedeutungslosigkeit kann also keine Rede sein, zum Hadern mit der Bonner Identität auch nicht. Gleichwohl läuft längst nicht alles rund in der Stadt. Der Weggang von Haribo sei nur ein Symptom eines anhaltenden Problems, sagt Pieck von der IHK. "Bonn stößt an seine Wachstumsgrenzen. Es gibt keine Gewerbe- und Büroflächen mehr, auch keinen Wohnraum. So wird es schwierig, alte Firmen zu halten und neue anzusiedeln." Die Lösung sieht Pieck zum Beispiel darin, mit der Flächenerschließung ins Umland auszuweichen. Aber es gibt noch anderes, das drängt - der Schuldenberg von rund 1,6 Milliarden Euro zum Beispiel, oder der juristisch nicht aufgearbeitete Bau-Skandal um das "World Conference Center Bonn".

Ganz in der Nähe wird Jürgen Rauschs Bundes-Büdchen irgendwann wieder Zeitungen und Erbsensuppe anbieten. So wie früher, als sein Dackel "Dugo" Joschka Fischer in die Wade biss, wird es zwar nicht mehr sein. Aber hungrige Ministeriale, die gibt es weiterhin in Bonn. Genauso wie Lakritz. "Haribo bleibt Bonn verbunden", lautet der einzige, fast trotzige Kommentar der Stadt. "Es wird weiter Gummibärchen aus Bonn geben." Man geht also, aber nie so ganz. Offenbar fällt es den Bonnern schwer, loszulassen von ihrer kleinen großen Stadt - öffentliches Image hin oder her. Jürgen Rausch weiß auch warum: "Weil in Bonn alles möglich ist."

(RP)