1. NRW
  2. Panorama

Das Experiment W-Lan-Diät zur Befreiung vom digitalen Virus

Kolumne: Total Digital : Befreiung vom digitalen Virus

Die Familie unseres Autors wagt ein radikales Experiment – die W-Lan-Diät. Abends werden das Netz ausgeschaltet und die Handys weggelegt. Nach anfänglichem Schock lernt sich die Familie wieder kennen.

Auch nach fast 30 Ehejahren kann es zu herzergreifenden Szenen kommen. So wie neulich, als die Chefin ihre tränenfeuchten Augen auf mich richtete, liebevoll meine Hände ergriff und küsste, und nur stammelte: „Danke! Danke!! Danke!!!“ Endlich werde ich mal angemessen behandelt. Vor einigen Wochen noch hatte mir meine Familie das Virus an den Hals gewünscht. Denn ich hatte unser heimisches W-Lan, nun, ein wenig justiert. In der C-Zeit war der Gebrauch des Internets ein wenig außer Kontrolle geraten, nein, seien wir ehrlich: komplett entgleist. Vor lauter Panik, dass die Welt untergeht, hatten wir alle Regeln ignoriert. Wir wollten Nachrichten, Ablenkung, Kontakt nach draußen, 24 Stunden am Tag.

Dann verschwand die C-Panik. Aber der zügellose W-Lan-Gebrauch blieb. Seit vier Wochen üben wir uns deswegen in halbradikalem Entzug. Wochentags schaltet sich das Netz um 21.30 Uhr ab, am Wochenende um 0 Uhr. Die Smartphones werden gemeinschaftlich und mit eisigem Blick an der Ladestation abgelegt. Anfangs herrschte die düstere Stimmung einer Suchtklinik. Das Kind wollte sich „zu Freunden“ verkrümeln, die Laune der Chefin trübte sich nach dem Abendbrot spürbar ein. Diese Phase kennen wir von der Rauchentwöhnung oder unseren vegetarischen Anflügen: Die ersten Tage sind die schlimmsten. Nach einer Woche aber ist der größte Schmerz verflogen. Das Leben normalisiert sich. Wir reden wieder miteinander. Wir heben den Blick von Display- auf Augenhöhe. Es fühlt sich an wie ein Abenteuer: Zum einen die viele freie Zeit, die zweitens mit analoger Beschäftigung gefüllt werden will.

Mag uns das Coronavirus noch eine Weile begleiten; das Digital-Virus haben wir schon mal im Griff.

Der Journalist Hajo Schumacher schreibt hier über seine Entdeckungsreise in der digitalen Welt. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de