NRW: Das elende Warten im Flüchtlingsheim

NRW : Das elende Warten im Flüchtlingsheim

500 Asylbewerber hoffen in der Essener Notunterkunft "Opti-Park" darauf, dass es irgendwie weitergeht. Geht es aber nicht, weil die anderen NRW-Einrichtungen ebenfalls überfüllt sind. Ein Nachmittag in einem trostlosen Provisorium.

Um 15.10 Uhr laden zwei Sanitäter den Mann in den Rettungswagen. Er ist kaum zu sehen: zugedeckt, die Augen geöffnet, sein Arm hängt am Tropf. Die Menschenmenge auf dem Platz vor der Flüchtlings-Notunterkunft "Opti-Park" in Essen-Altendorf ist aufgebracht: Rund 40 Bewohner, die meisten tragen Trainingshosen und Badeschlappen, rufen in allen möglichen Sprachen durcheinander. "Geschlagen", empört sich eine Mittvierzigerin in gebrochenem Deutsch und zeigt auf den Rettungswagen: "Mann geschlagen, jetzt kaputt." Sofort drängt sich ein Kamerateam um die Frau. "Wer hat den Mann geschlagen?", fragt eine Reporterin und hält der Frau ein Mikrofon vors Gesicht, "passiert das hier oft?" Und wieder rufen alle durcheinander. "Ja ja, hier nix gut", ruft ein Mann in das Mikrofon.

Hassan El-Chekiti trägt die schwarze Uniform des privaten Sicherheitsdienstes Stölting. Der 28-Jährige ist sehr muskulös und arbeitet auch schon mal als Türsteher in der Bochumer Diskothek "Encore". Er steht am Rand der Szene und schüttelt den Kopf. "Da ist auch viel Heuchelei im Spiel", sagt er, "hier wurde niemand geschlagen." Der Araber und seine Wachdienst-Kollegen haben am Wochenende in der Essener Notunterkunft den Trupp eines anderen Sicherheitsdienstes abgelöst. Als bekannt wurde, dass Mitarbeiter der Nürnberger Sicherheitsfirma SKI in anderen NRW-Heimen Flüchtlinge misshandelt haben sollen, drang die verantwortliche Bezirksregierung Arnsberg auch in Essen auf einen Personalwechsel. "Die Stölting Service Group hat nur eigene, ausgebildete und unbescholtene Sicherheitsmitarbeiter im Einsatz", heißt es auf der Website des Unternehmens.

Wie zuvor SKI ist auch Stölting nur für die Sicherheit zuständig. Betrieben wird das Heim im Auftrag der Landesregierung von einem anderen Privatunternehmen: European Homecare (EHC) ist neben den zehn Wachleuten noch mit zehn eigenen Betreuern vor Ort. Ridda Martini (44) ist ihr Chef. Die Frage, ob der Asylbewerber wegen einer Handgreiflichkeit im Rettungswagen gelandet ist, will er nur indirekt beantworten. Er weiß, wie heikel das Thema derzeit ist. Man darf nicht dramatisieren, man darf aber auch nicht verharmlosen. "Der Mann hat Journalisten ein Interview gegeben und war sehr aufgeregt. Plötzlich schnappte er nach Luft. Dann hat jemand den Krankenwagen gerufen", sagt Martini. So ist das in diesen Tagen, da ganz Deutschland auf die mutmaßlichen Misshandlungen in NRW-Flüchtlingslagern blickt: Journalisten, die Zeugen dafür suchen, bekommen von den Bewohnern bereitwillig auch jedes noch so haarsträubende Gerücht bestätigt. Wer nach dem Gegenteil fragt, wird genauso bedient. Nach quälenden Wochen der Monotonie — von den gut 500 Flüchtlingen in Essen-Altendorf sind viele schon über 30 Tage hier — sind die Bewohner offensichtlich erleichtert, wenn überhaupt mal jemand nach ihnen fragt. Dass die neugierigen Journalisten ihnen in Wahrheit nicht helfen können, wissen die hilflosen Menschen nicht.

Heim-Chef Martini trägt die Fakten zusammen. "Hier wurden in den vergangenen Wochen drei Anzeigen auch gegen Personal gestellt", sagt der gelernte Kommunikationswirt, "angeblich kamen gestern noch zwei hinzu, das weiß ich aber nicht genau." Die am Wochenende gefeuerte Sicherheitsfirma SKI habe "definitiv zum Teil gegen unsere Anweisungen verstoßen", berichtet er. So sei es den Wachmännern verboten gewesen, ohne Begleitung von EHC-Betreuern in Schlafräume zu gehen. "Zumindest einmal haben drei dagegen verstoßen", erinnert sich Martini. In einer Nacht Mitte September habe ein Bewohner trotz strikten Verbots in einem Schlafraum gekifft. Drei SKI-Männer seien eigenmächtig eingedrungen, es kam zu einer Handgreiflichkeit. Wer anfing, ist unklar. "Offenbar fühlte ein Wachmann sich bedroht und stieß dem Bewohner mit dem Ellenbogen vor den Brustkorb", so Martini, "im ärztlichen Attest war dann allerdings auch von einer geschwollenen Lippe die Rede." Der Fall sei zur Anzeige gebracht worden.

SKI war gestern nicht mehr erreichbar. Auf der Homepage nimmt das Unternehmen aber Bezug auf die mutmaßlichen Misshandlungen in anderen Heimen: "Die bekannt gewordenen Vorfälle sind niederträchtig. Selbstverständlich haben wir unmittelbar die uns zur Verfügung stehenden arbeitsrechtlichen Konsequenzen gezogen. Dazu unterstützen wir Polizei und Staatsanwaltschaft, die gegen die Verdächtigen ermitteln." Bis Mitte August war das "Opti-Park"-Wohnheim noch eine psychiatrische Klinik des Landschaftsverbands Rheinland. Wegen des massiven Zustroms von Flüchtlingen wurde es provisorisch umfunktioniert. "Wir sind hoffnungslos überbelegt", sagt Martini. Eigentlich soll er die Bewohner nach etwa zwei Wochen an andere Einrichtungen weiterleiten, die besser für die Unterbringung geeignet sind. "Aber die sind ja auch alle voll", sagt er.

In Essen sind die Wände kahl und die Mauern dick, es gibt für die Kinder kaum Spielzeug und schulische Angebote schon gar nicht. Die Bewohner sitzen mit einer Mischung aus Langeweile, Ungeduld und Unsicherheit herum. Es gibt für sie auch schlichtweg nichts anderes zu tun, als ungeduldig herumzusitzen. "Die Kinder müssen jetzt doch Deutsch lernen", sagt Merita Sadiku, die vor zwei Wochen mit ihrem Mann Nagdet (37) und ihren Kindern Hadje (9) und Genjan (13) hier ankam. Sie spricht selbst kaum Deutsch. Auf die Frage, warum sie aus dem Kosovo geflohen ist, kann sie nicht antworten. "Albaner wollten uns umbringen", sagt sie. Dann erstickt ihre Stimme in Tränen.

(tor)
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