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Coronavirus: Interview mit Angstforscher - die Sorge dem dem Virus

Interview mit Angstforscher über Coronavirus : „Das Leben ist einfach sicherer, wenn man Bedenkenträger ist“

Der renommierte Forscher Borwin Bandelow sagt, dass Menschen naturgemäß die statistische Bedrohung durch einen Virus überschätzen. Er schildert auch, was die Angst mit den Menschen macht.

Mit den steigenden Fallzahlen wächst auch die Sorge vor dem Coronavirus. Der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Angststörungen, hat auch mehrere Bücher darüber verfasst. In Sachen Corona wirkt der 68-jährige Professor sehr entspannt.

Warum macht uns dieses Virus so große Angst - trotz der bislang etwa verglichen mit der Grippe geringen Fallzahlen?

Borwin Bandelow Immer wenn eine Gefahr neu ist und unbeherrschbar, haben wir davor überproportional mehr Angst als vor bekannten Gefahren wie etwa Fahrradstürzen, Schlaganfällen oder was sonst noch auf uns lauern kann. Das liegt in der Natur der Menschen, dass sie bei neuen Gefahren immer stärker reagieren. Nach einigen Wochen normalisiert sich das wieder, kann man das statistisch richtig einschätzen. Ich sage immer: Angst ist nicht gut in Statistik. Unser Angstgehirn lässt sich eben nicht so gut von Fakten überzeugen und reagiert schnell mit Panik.

Neigen wir dazu, unter Angst Zusammenhänge falsch zu bewerten?

Bandelow Eher die statistische Gefahr zu überschätzen, an diesem Virus zu sterben – wenn man etwa bedenkt, dass 9000 Menschen jedes Jahr durch Haushaltsunfälle zu Tode kommen. Daran denkt man nicht, wenn man sich morgens hinsetzt und Kartoffeln schält. Menschen fahren Ski oder jeden Tag auf die Autobahn. Man hält das für ein kalkulierbares Risiko, das Virus jedoch nicht.

Inwieweit trägt unsere medial vernetzte Welt dazu bei, dass sich Ängste potenzieren – etwa durch Falschmeldungen?

Bandelow Ich glaube nicht, dass die Medien Schuld sind, wenn irgendwo Panik oder Hysterie auftreten. Denn die Medien müssen ja berichten. Wenn sich plötzlich alle Medien zusammentun und nichts mehr über Corona schreiben würden, bekämen die Menschen erst Recht Angst, weil sie denken, dass man ihnen etwas verschweigt. Aber die Medien berichten ausgewogen, lassen Experten zu Wort kommen. Ich habe bisher keinen Zeitungsartikel gelesen, der Falschmeldungen oder übertriebene Meldungen transportiert hat.

Allerdings kursiert im Internet auch viel krudes Zeug.

Bandelow Das sind für mich „Influenza-Influencer" – Leute, die Fake News in die Welt setzen, in der Hoffnung, dass jemand ihre Internetseite anklickt und ihre Werbeeinspielungen Klicks bekommen. Die wollen ganz schnöde Geld verdienen. Manche sind Spaßvögel, andere brutale Geschäftemacher.

Gibt es einen gesellschaftlichen Nährboden oder ein Milieu, wo Ängste besonders gut gedeihen?

Bandelow Es gibt Menschen, die sehr beeinflussbar sind, etwa Leute, die gerne Verschwörungstheorien hören und einen Hass auf die Obrigkeit pflegen. Sie führen ihr ganzes Leben auf eine schlechte Regierung zurück, sind der Meinung, dass sie keinen Einfluss haben, dass andere die Schuld tragen. Sie sind besonders anfällig für solche Ängste.

Wie geht man mit solchen Ängsten am besten um?

Bandelow Ich kann den Leuten schlecht sagen, trinken Sie mal einen Grünen Tee oder atmen Sie die Angst weg. Die Angst ist einfach da. Man kann nur empfehlen, mit einem gesunden Fatalismus daran zu gehen, also sich zu sagen, es wird schon nichts passieren. Man darf das Angstsystem eben nicht über das Vernunftgehirn gewinnen lassen, das einem sagt: Okay, keine Panik. Das ist aber nicht einfach, denn die beiden Systeme arbeiten gegeneinander.

Wird die Corona-Angst auch wieder abnehmen?

Bandelow Aus meinen Beobachtungen habe ich eine Vier-Wochen-Regel abgeleitet. Immer wenn etwas Schreckliches passiert, etwa ein Terroranschlag auf dem Weihnachts-markt, gehen die Menschen vier Wochen nicht auf Märkte, und dann ist alles wieder in Ordnung. Es ist eigentlich merkwürdig, dass diese Regel auch dann gilt, wenn die Gefahr größer ist als am Anfang. Das war in Fukushima so, als nach vier Wochen unklar war, ob der Reaktor nicht doch hochgeht. Dennoch hatte die Angst nicht nur bei uns, sondern auch in Japan abgenommen. Das liegt daran, dass die Menschen nach ein paar Wochen die statistische Wahrscheinlichkeit besser einschätzen können. Vorher war es überzogen, dann ist es der tatsächlichen Gefahr angemessen.

Ab wann gilt diese Vier-Wochen-Regel denn?

Bandelow Das dicke Ende kommt ja bei uns noch. Ich denke, in der nächsten Woche wird die Angst deutlich größer werden, weil überall Fälle aufkommen. Bisher denkt man, man muss die Leute nur alle in Heinsberg einsperren, und dann ist es gut. Aber so wird es nicht sein. Es werden überall neue Fälle aufkommen und wahrscheinlich auch Menschen sterben. Erst wenn das Gröbste vorbei ist, kann man die Vier-Wochen-Regel anwenden.

Glauben Sie eigentlich, dass die Deutschen im Vergleich zu anderen Nationen besonders ängstlich sind?

Bandelow Die Deutschen sind ängstlicher, aber das gilt allgemein für alle Menschen, die nördlicher leben. Früher war das Leben in nördlichen Ländern schwieriger, weil da sechs Monate nichts wächst. Die Menschen, die dort leben wollten, mussten vorausschauend denken, also Nahrungsmittel bevorraten. Das konnten die Ängstlichen besser. Die Fröhlichen, Unbekümmerten sind gestorben, die Ängstlichen haben überlebt, weil sie vorgesorgt haben. Da Ängste sich vererben, hat sich das über die Jahrtausende gehalten, obwohl es heute sicher nicht mehr angemessen ist. Die Bedenkenträgerei steckt aber in unseren Genen. Deshalb haben Schweden, Dänen, Finnen mehr Angst als Menschen, die am Äquator leben. Am Äquator gibt es zwar auch den Coronavirus, aber dort machen die Menschen nicht so ein Aufheben darum, weil sie an vielen anderen Dingen sterben. Das ist nur eine von unzähligen Gefahren.

Heißt aber auch, die Ängstlichen treffen bessere Vorkehrungen?

Bandelow Ja, ganz klar. Die Zahl der Autounfälle ist in Island zum Beispiel deutlich geringer als in Malaysia. Das Leben ist einfach sicherer, wenn man Bedenkenträger ist – allerdings nicht unbedingt glücklicher.