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Corona: Booster-Impfung setzt Hausärzte unter Druck

Hohes Interesse an Auffrischung : Booster-Impfung setzt Hausärzte unter Druck

In den Praxen herrscht derzeit Hochbetrieb, weil viele Menschen nach einer Auffrischungsimpfung verlangen. Die Stimmung unter den Medizinern ist geteilt: Während einige denken, dass der Mehraufwand zu stemmen sei, verlangen andere die Wiedereröffnung der Impfzentren.

Bei Thomas Aßmann liegen die Nerven blank. Seit die sogenannten Booster-Impfungen gegen Corona, also die Auffrischungen nach sechs Monaten, von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für alle Altersgruppen ins Gespräch gebracht wurden, kann sich der Hausarzt aus Lindlar vor Patienten-Anfragen nicht retten. „Das nimmt teils drastische Formen an“, sagt Aßmann, „die Menschen rennen uns die Praxis ein.“ Weil diese zusätzlichen Impfungen im normalen Betrieb nicht leistbar seien, fordert der Mediziner, die Impfzentren wieder zu öffnen. Wichtig sei eine leistungsfähige Struktur, die den Mehrbedarf, den die Praxen nicht bewältigen könnten, auffange. Aßmann: „Es wird so viel Geld ausgegeben, warum dann nicht für Impfzentren?“

 Beim Hausärzteverband Nordrhein geht man allerdings davon aus, dass eine Wiedereröffnung vieler Impfzentren nicht notwendig ist. „Die sind zu groß, zu kostenintensiv“, sagt Verbandssprecherin Monika Baaken. „Es braucht jetzt kleinere, kommunale Lösungen.“ Baaken geht auch davon aus, dass die Hausarztpraxen die gestiegenen Bedarf bewältigen können. Es gebe zwar einerseits ein hohes Interesse, auf der anderen Seite würde aber auch „geimpft, was das Zeug hält“. Wichtig sei, dass zunächst einmal die Patienten abgearbeitet werden müssten, die am Dringlichsten seien. „Es kann nicht sein, dass es danach geht, wer am lautesten schreit“, sagt Baaken. 

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 Aber auch wenn die Impfwilligen nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission eingeladen werden, also derzeit die ab 70-Jährigen, komme es in den Praxen zu Engpässen, sagt der Düsseldorfer Hausarzt Ralph Eisenstein. Die Nachfrage sei da, rein technisch ließen sich aber nicht mehr als vier Personen in einer Stunde immunisieren, weil jeder 15 Minuten nach der Impfung beobachtet werden müsse. „Und ich kann mir das Wartezimmer angesichts des derzeit allgemein hohen Patientenaufkommens nicht mit Impflingen vollpacken“, sagt Eisenstein. Um samstags zusätzliche Termine anbieten zu können, fehle schlichtweg das Personal. 

 Kerstin Westerwalbesloh und Erich Richard Arens impfen in ihrer Monheimer Gemeinschaftspraxis zweimal nachmittags nach vorab vergebenen Terminen. Sie sagen, der Mehraufwand der Booster-Impfung verlange zwar den Ärzten organisatorisch einiges ab, sei aber zu stemmen. Schon am Anfang habe man allerdings zwei Aushilfskräfte einstellen müssen. Laut Arens habe sich gezeigt, dass das Impfen in den Praxen effektiver sei als in den Impfzentren. Ein Großteil der älteren Menschen aus seinem Einzugsgebiet, die dort geimpft worden seien, hätten den Booster in seiner Praxis schon bekommen. „Wir haben einfach kontinuierlich immer weitergeimpft“, sagt Arens.

 Hausärzteverband und Apothekenverbände informieren derzeit in einer gemeinsamem Kampagne über die Auffrischungsimpfung auf diesen Internetseiten: https://hausärzte-nordrhein.de/ und www.av-nr.de. Impfstoff stehe auf jeden Fall genug zur Verfügung. Damit die Corona-Vakzine schneller über die Apotheke an die Arztpraxis geliefert werden können, fordern die Verbände allerdings, dass die Impfstoffe wie andere Arzneimittel auch zur Lagerware beim Pharmazeutischen Großhandel werden. So könnten die Arztpraxen ohne lange Vorbestellzeiten von Apotheken auch kurzfristig beliefert werden. Bislang musste der Impfstoff von den Praxen zwei Wochen im Voraus geordert werden, ab 16. November darf laut Praxis-Info der Kassenärztichen Vereinigung Nordrhein eine Woche vorab bestellt werden. Darüber hinaus werden die Impfstoffhersteller aufgefordert, möglichst bald Impfstoffe in Einzeldosen zur Verfügung zu stellen. So könnte wie bei anderen Impfungen auch spontaner geimpft werden, ohne dass nicht verbrauchte Impfdosen aus den jetzt üblichen Mehrdosenbehältern verworfen werden müssten. 

 Auch Hausarzt Eisenstein wünscht sich, dass die Hersteller den Impfstoff in Einzeldosen abfüllen, weil Patienten immer wieder Termine verlegen würden, das Vakzin aber nur eine kurze Zeit verimpft werden dürfe. In Lindlar hat Hausarzt Aßmann aber noch ganz andere Befürchtungen. „Gibt es tatsächlich genug Impfstoff?“, fragt er. „Und wurde genug für das kommende Jahr bestellt?“ Denn geimpft werden müsse weiterhin, und zwar sehr viele Menschen. Er hat jetzt in seiner Praxis Sondersprechstunden angesetzt, um die Nachfrage wenigstens einigermaßen zu befriedigen.