Clans in NRW: Zahl der kriminellen Familienbanden steigt rapide an

Kriminalität in NRW : Zahl der Clans steigt rapide

108 kriminelle Familienbanden zählt das Landeskriminalamt. Fünf Prozent der Verdächtigen begehen ein Drittel der Straftaten. Überrascht hat die Ermittler der hohe Frauenanteil.

Kriminelle arabische Clans breiten sich in Nordrhein-Westfalen offenbar immer weiter aus. Ein aktuelles polizeiliches Lagebild zählt nach Informationen unserer Redaktion 108 solcher Familienbanden. Thomas Jungbluth, leitender Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt, bestätigte: „Wir haben etwa 100 Clans in NRW. Wir zählen für das Lagebild nur Familiennamen, auch wenn sie in verschiedenen Städten vorkommen. Für uns ist ein Name ein Clan.“

Im November waren die Ermittler noch von rund 50 Clans in Nordrhein-Westfalen ausgegangen. Seit rund einem Jahr arbeiten die Sicherheitsbehörden am ersten Lagebild über kriminelle Clans. „Es ist so gut wie fertiggestellt. Es fehlen noch letzte Abstimmungen“, erklärte Jungbluth. Die Analyse soll künftig auch regelmäßig aktualisiert werden. Gleichzeitig wird bereits an einer bundesweiten Expertise über Clans gearbeitet. „Wir sind mit dem Bundeskriminalamt in Kontakt und überlegen, wie wir ein solches Lagebild bundesweit erstellen können“, berichtete der LKA-Direktor. Bremen, Niedersachsen und Berlin hätten bislang ähnliche Erfahrungen gemacht wie NRW.

Laut Lagebild haben Clanmitglieder in den vergangenen drei Jahren 14.225 Straftaten begangen, 6449 tatverdächtige Personen zählten die Ermittler. 300 von ihnen sind allein für rund ein Drittel der Straftaten verantwortlich. Die Ermittler gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Taten und Täter noch deutlich höher ist. Auffällig: 20 Prozent der Tatverdächtigen sind Frauen. „Das hat uns überrascht“, räumte Jungbluth ein.

Nach wie vor ist vor allem das Ruhrgebiet betroffen von Clankriminalität. Essen ist die Stadt mit den meisten kriminellen Clanangehörigen. Dann folgen nach Erkenntnissen des LKA Gelsenkirchen, Duisburg, Bochum, Recklinghausen und Dortmund. Aber auch der Raum Mettmann ist stark betroffen.

Etwa ein Drittel der Vergehen gehört zur Gewaltkriminalität und den sogenannten Rohheitsdelikten, etwa Bedrohung, einfache und gefährliche Körperverletzung. Ein weiteres Drittel entfällt auf Betrugs- und Eigentumsdelikte; der Rest verteilt sich auf andere Formen, etwa Betäubungsmittelkriminalität, also Drogenhandel. Gewaltdelikte spielen sich besonders zwischen rivalisierenden Clans ab. „Die sind sich untereinander nicht grün. Sie regeln ihre Konflikte nach ihren eigenen Regeln, nach ihrem Wert- und Ehrverständnis“, so Jungbluth. „Da entsteht eine Paralleljustiz, die wir nicht akzeptieren können.“

Clans gehen gegen alle vor, von denen sie sich bedroht fühlen. Das kann laut LKA auch ein Mitarbeiter des Ordnungsamts sein, der Knöllchen verteilt. Jungbluth: „Das wird als Angriff auf den Clan gewertet.“

Razzia gegen Clankriminalität im April 2018 in Essen. Foto: dpa/Ina Fassbender

Nach Angaben des Landeskriminalamts unterhält auch der berüchtigte Berliner Abou-Chaker-Clan Kontakte nach Nordrhein-Westfalen, spielt hier allerdings eher eine untergeordnete Rolle. Auch islamistischer Terrorismus steht offenbar nicht im Vordergrund: „Wir haben mögliche Verbindungen von Clans zum IS geprüft. Aber da haben wir bisher nichts Fundiertes gefunden“, so Jungbluth. Es könne vorkommen, dass einzelne Mitglieder diesbezüglich Kontakte unterhielten, aber in der Regel spiele der streng muslimische Glaube bei Clans keine Rolle.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 1300 Polizisten bei Großrazzia gegen Clans in NRW

Mehr von RP ONLINE