BVB-Prozess: Sprengstoffexperte sagt erneut zu Anschlag aus

Prozess um BVB-Anschlag: "Diese Ladung macht nur Sinn, wenn man möglichst viel zerstören will"

Anschlag auf BVB-Bus: Sergej W. gesteht Tat und bestreitet Tötungsplan

Sergej W. steht wegen 28-fachen versuchten Mordes vor Gericht. Aber wollte er wirklich töten, als er im vergangenen April einen Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund verübte? Das Gericht hat erneut einen Experten dazu befragt.

In Handschellen wird Sergej W. am Donnerstagmorgen in Saal 130 des Dortmunder Landgerichts gebracht. Er wirkt schon routiniert, als er dem Justizbeamten beide Hände entgegenstreckt, damit der ihm die Handschellen abnehmen kann. Der Angeklagte begrüßt seine Anwälte, die Dolmetscherin, setzt sich hin, faltet die Hände – und wird den ganzen Verhandlungstag kaum aufblicken.

Hatte der 28-jährige Elektronikmeister die Absicht, Menschen zu töten? Oder hat er zumindest in Kauf genommen, dass Menschen sterben könnten, als er im April vergangenen Jahres einen Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB verübte? Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt – und hat ihn wegen 28-fachen versuchten Mordes angeklagt. Der Angeklagte behauptet dagegen, seine Sprengsätze so konzipiert zu haben, dass "keine Personenschäden zu erwarten waren", wie er am zweiten Prozesstag im Januar sagte. Dass er sie zündete, hat er gestanden.

Drei Kilo Sprengstoff

Einer der wichtigsten Zeugen im Verfahren vor dem Dortmunder Schwurgericht ist am Donnerstag bereits zum zweiten Mal da: Der Sprengstoffexperte Hans-Peter Setzer vom Bundeskriminalamt. Drei Stunden lang befragt Sergej W.s Verteidiger Carl Heydenreich ihn. Es geht um die Flugbahnen der Metallstifte, mit denen W. die Bomben gespickt hatte, um Fluggeschwindigkeiten und um Winkelberechnungen. Der Anwalt will wissen: "Gibt es Tatsachen, die belegen, dass der Täter mehr gewollt hat?" Mehr heißt: mehr Verletzungen, mehr Treffer, mehr schwer Verletzte oder sogar Tote.

Der Sprengstoffexperte sagt: "Was er gewollt hat, kann ich nicht mit Tatsachen belegen." Die Sprengstoffmenge habe sicher nicht ausgereicht, um einen kompletten Bus zu zerstören. "Aber wenn ich mich in den Täter hineinversetze, dann macht diese Ladung für mich nur Sinn, wenn ich möglichst viel zerstören will", sagt der Zeuge. Warum sonst hätte der W. die Bombe mit rund drei Kilogramm Sprengstoff und 90 Metallstiften füllen sollen? Sie schossen mit Geschwindigkeiten von bis zu 132 Metern pro Sekunde durch die Luft.

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Neuer Ortstermin an Hotel

Im Prozess werden am Donnerstag etliche Bilder des Tatorts gezeigt. Die Metallstifte sind in einer Regenrinne eines Gartenhauses gelandet, sie haben Scheiben an geparkten Autos zerstört, liegen auf der Straße, einer steckte so fest in einem Baum, dass der gefällt werden musste, um den Bolzen sichern zu können. Mehrere Stifte haben den Mannschaftsbus getroffen, ein Metallstift durchschlug den Bus und verursachte die schwere Verletzung des Abwehrspielers Marc Bartra.

BVB-Anwalt Ulf Haumann fragt den Zeugen, ob der Angeklagte seiner Meinung nach Kinder oder Spaziergänger hinter der Hecke hätte sehen können, an der er die Bombe platziert hatte. "Nein, nicht unbedingt", antwortet er. Und dann versetzt er sich noch einmal in die Lage des Angeklagten: "Ich würde mich in dem Moment auf den Bus konzentrieren und wann ich auslöse."

Das Gericht will für März einen Ortstermin am Tatort ansetzen, dann werden alle Verfahrensbeteiligten sich unter anderem das Zimmer 402 im Hotel "L'Arrivée" ansehen, von dem aus die Mannschaft am Tatabend zum Stadion gebracht werden sollte. Auch der Angeklagte wird dann noch einmal in dem Zimmer sein, von dem aus er am 11. April 2017 seine dreiteilige Splitterbombe zündete.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt, dann sollen der Fahrer des Mannschaftsbusses und ein Polizist aussagen, der damals verletzt wurde. Er war als Eskorte vor dem Bus hergefahren und hatte ein Knalltrauma erlitten.