1. NRW
  2. Panorama

Buurtzorg in NRW - Pflegen ohne Zeitdruck

Bald auch in Aachen : Buurtzorg - Pflegen ohne Zeitdruck

Buurtzorg ein niederländisches Pflegemodell, das mittlerweile auch in NRW Fuß fasst. Pflegebedürftige sollen dabei wieder zu mehr Selbstständigkeit finden. Nach Emsdetten und Münster, soll schon in wenigen Wochen in Aachen ein neues Pflegeteam anfangen.

Eigentlich war der Morgen anders geplant. Frau Schmidt sollte duschen. Aber der alten Dame ist nicht danach, sie wirkt traurig. Die Pflegekraft merkt das sofort, sie sieht Frau Schmidt ja täglich. Sie hakt nach, was ist denn los? Heute vor einem Jahr starb ihr Mann, sagt die Frau. Statt Dusche gibt es daraufhin eine Tasse Kaffee und ein ruhiges Gespräch am Küchentisch.

Eine fiktive Szene von der sich sicher viele Pflegebedürftige wünschen, sie würde so passieren. In Deutschland wird sie sich jedoch kaum ereignen. Grund ist das Pflegesystem. Hier werden Pfleger nach Leistung vergütet. Damit sich das rechnet, ist Eile geboten: zwei bis drei Minuten fürs Wasserlassen, zwei Minuten fürs Richten der Kleidung. Essen oder duschen dürfen maximal 20 Minuten dauern, so will es die Tabelle zur Pflegezeitbemessung. Dauert es doch länger, weil der Patient heute etwa Probleme mit der Koordination hat, rechnet sich die Sache nicht. Der Pfleger bekommt Ärger mit der Pflegedienstleitung.

Das System scheint zwar zu funktionieren - Pflegebedürftige bekommen Hilfe und Angehörige sind beruhigt - aber ein Blick in die Niederlande wirft die Frage auf: Ist es auch wirklich gut?

In dem Nachbarland hat sich nämlich längst genau das Gegenteil etabliert, namentlich der Pflegedienst Buurtzorg (übersetzt “Nachbarschaftshilfe”). Gegründet wurde er als Sozialunternehmen im Jahr 2006 von Jos de Blok, einem Krankenpfleger aus Enschede, der unzufrieden mit den Bedingungen der ambulanten Pflege in seiner Heimat war. Heute ist Buurtzorg einer der größten Pflegedienste in den Niederlanden und funktioniert so: Teams von maximal zwölf Fachkräften organisieren in einer begrenzten Nachbarschaft fast alles selbstständig. Bekannt ist das Prinzip etwa von Hebammen. Das heißt, es gibt keine Pflegedienstleitung, sondern die Fachkräfte planen ihre täglichen Touren selbst. “Sie entscheiden außerdem eigenverantwortlich jeden Tag, welche Aufgaben heute bei dem Patienten anstehen”, sagt Jos de Blok. Zusätzlich werden Verwandte, Bekannte oder auch Nachbarn integriert und lernen, wie man den Patienten am besten unterstützt. “Nehmen wir einen Schlaganfall-Patienten”, sagt de Blok. “Wenn sich ein Pfleger voll darauf konzentrieren kann, was die besten Reha-Maßnahmen sind, wie er der Familie beibringen kann, dem Patienten richtig zu helfen und mit dem Patienten etwa darauf hinzuarbeiten, dass er sich wieder selbst die Zähne putzen kann, dann ist die Chance viel höher, dass der Patient nach drei Monaten viele Dinge alleine hinbekommt, als wenn der Pfleger ihn nur duscht, füttert und wieder geht”, sagt de Blok.

Bei den Patienten kam das Konzept von Anfang an gut an. “Wir haben bei Erhebungen auf der Zufriedenheitsskala direkt eine 9,2 erreicht”, sagt de Blok. Der Durchschnitt in Holland liege bei 7,3. Grund dafür sei die Wertschätzung und die enge Beziehung, die Pfleger zu den Patienten aufbauen. Bei Buurtzorg wird nicht gewechselt. Ein Patient hat nicht mehr als zwei feste Pfleger.

“Wir haben aber auch bewiesen, dass man durch die Förderung von Unabhängigkeit beim Patienten und Autonomie bei den Pflegern, die Stunden reduzieren kann - somit also auch die Kosten”, sagt die Blok. Die Statistik in den Niederlanden zeigt, dass die Buurtzorg-Teams im Vergleich zu regulären Teams bis zu 40 Prozent weniger Zeit beim Patienten brauchen. Wenn der Schlaganfall-Patient später seine Zähne wieder selbst putzen kann, und ihm beispielsweise die Familie am Wochenende aus dem Bett hilft, weil der Pfleger ihnen die Griffe beigebracht hat, reduziert das den Pflegeaufwand langfristig. Da es kein Management gibt, entfallen diese Ausgaben ebenfalls. “Deshalb sage ich auch immer, wir haben kein Kapazitätenproblem in der Pflege, sondern wir tun die falschen Dinge”, sagt de Blok. Worauf er anspielt ist eine gefährliche Schere, die sich auch in Deutschland immer weiter auftut.

Einerseits wird die Gesellschaft immer älter und die meisten wollen laut Umfragen Zuhause versorgt werden. Andererseits geht den entsprechenden Pflegediensten aber das Personal aus. Laut einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege aus dem Jahr 2019 sind hierzulande rund 16.000 Stellen seit mindestens drei Monaten unbesetzt. Viele Pflegedienste müssen deswegen regelmäßig und über Wochen Anfragen ablehnen. Buurtzorg könnte eine Lösung für dieses Problem sein. Schon allein, weil die Umstrukturierung den Job wieder attraktiv macht. “In den Niederlanden wurden wir schon mehrfach zum beliebtesten Arbeitgeber des Jahres gewählt”, sagt de Blok.

Seit 2010 klopfen jedenfalls regelmäßig andere Länder bei Buurtzorg an. Großbritannien, Schweden, Japan, China und die USA erproben das Modell. 2018 startete das erste Team in Deutschland im nordrhein-westfälischen Emsdetten. Es folgten Teams in Hörstel, Lotte, Vreden und Münster. Etwa im April 2020 soll ein neues Team in Aachen loslegen. “In Deutschland ist es ein Modellprogramm, denn wir brauchen für jedes Team von den Krankenkassen eine Sondergenehmigung für die Abrechnung”, sagt Johannes Technau, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland.

Abgerechnet wird bei Buurtzorg nach Stunden und nicht wie üblich nach Aufgabe. Dokumentiert werden alle Leistungen auf einem Tablet, das jede Pflegekraft mit sich führt. Damit kann auch der Hausarzt jederzeit sehen, wie es dem Patienten geht. “Gegenüber den Krankenkassen steht da aber einfach: 30 Minuten bei Frau Schmidt", sagt Technau. Tatsächlich haben sich die gesetzlichen Kassen versuchsweise darauf eingelassen. Demnächst soll eine dreijährige Evaluierungsphase starten. Drei Jahre lang sollen dann die Erfahrungen mit dem alternativen Pflegesystem von Experten wie der Hochschule Osnabrück und dem Netzwerk Gesundheitswirtschaft Münster e. V. unter die Lupe genommen werden. Der GKV Spitzenverband fördert die Untersuchung. Ob Änderungen nach Buurtzorg auch in Deutschland flächendeckend eingeführt werden könnten, wird sich dann zeigen.