Burbach: Jetzt spricht der misshandelte Flüchtling

Asylsuchender Marwan R. aus Burbach : Misshandelter Flüchtling: "Ich hörte ihr Gelächter"

Das Foto des am Boden liegenden Flüchtlings, der von Sicherheitsmännern misshandelt wurde, machte Schlagzeilen. Nun spricht das Opfer selbst über das, was in dem Flüchtlingsheim in Burbach geschehen ist. Er sagt: "Ich hörte ihr Gelächter."

Ein junger Mann liegt mit Handschellen gefesselt auf dem Boden, das Gesicht in Richtung Kamera gedreht. Ein Sicherheitsmann stellt den Fuß in seinen Nacken, ein anderer hockt hinter dem Flüchtling. Neben einer Videosequenz ist es diese Szene, festgehalten auf einem Foto, die den Skandal im Flüchtlingsheim in Burbach greifbar macht. Flüchtlinge misshandelt von Sicherheitsmännern.

Der Mann auf dem Foto heißt Marwan R. und lebt seit zwei Monaten in dem Flüchtlingsheim in Burbach. Im Interview mit dem Magazin "Stern" erzählt er nun seine Geschichte, wie er die Zustände in dem Heim erlebt hat, und wie es zu dem Foto gekommen ist. Es war der 15. August, kurz nach Sonnenuntergang.

Er habe auf der Fensterbank seines Zimmers in der zweiten Etage gesessen, erzählt der 28-Jährige. Auf dem Fenstersims hätten Flüchtlinge auch ihre Getränke gelagert, damit sie kühl blieben. Eine davon sei aus dem zweiten Stock auf den Rasen gefallen, nahe der Security-Pforte. Kurz darauf seien die Sicherheitsleute in das Zimmer gestürmt.

Prellungen am Schädel, am Becken, am Kreuzbein

Sie hätten ihn angeschrien, Pfefferspray versprüht, einen Schlagstock gezückt und ihn aus dem Zimmer gezerrt. Da in der Verwaltung niemand mehr zugegen war, hätten sie ihn in das "Problemzimmer" gebracht — "Der Knast", wie Marwan R. den Raum beschreibt. In jenem Zimmer entstand das Foto. Er habe Tritte an Rücken, Brust und Rippen gespürt, geschrien. Die Tür sei zu gewesen, nur er und vier Wachleute in dem Raum. Er habe ihr schallendes Gelächter gehört. Sie hätten auch Elektroschocker dabei gehabt, sagt der Flüchtling, aber diese nicht eingesetzt.

Erst nach einer halben Stunde sei die Polizei gekommen, die Handschellen hätten die Sicherheitsleute dann schnell gegen Kabelbinder ausgetauscht. Sie selbst hätten die Beamten gerufen, "die brauchten eine Geschichte", so Marwan R. Ein Krankenwagen bringt ihn schließlich in die Klinik, wo er Schmerzmittel bekommt.

Weil er auch in der Nacht darauf noch Schmerzen hat und kaum schlafen kann, habe er sich bei der Verwaltung des Flüchtlingsheims beschweren wollen, doch sie hätten ihm gesagt, er brauche einen Klinikbericht. Also sei er erneut in eine Klinik gebracht worden. Die Diagnose: Prellungen am Schädel, an der rechten Hand, am Becken, am Kreuzbein. Auf dem Bericht, aus dem der "Stern" einen Ausriss abbildet, steht, er sei von Mitbewohnern "mehrfach geschlagen und vor eine Wand gestoßen" worden. Auf Marwan R.s Beschwerde, dass das nicht stimme, sei nie reagiert worden — bis zu dem Tag, als das Foto publik wird.

Freunde warnten vor Sicherheitsleuten

Schon kurz nach seiner Ankunft, so berichtet der Flüchtling, hätten ihn seine Freunde vor den Sicherheitsleuten gewarnt. "Pass auf die Typen auf, das sind Nazis", hätten sie ihm gesagt. Am Anfang habe er sie noch gegrüßt, aber da sei nie etwas zurückgekommen. Die Misshandlungen selbst prägen ihn noch heute. Er esse kaum und schlafe schlecht, sagt Marwan R.. Aber die neuen Sicherheitsleute — die alten wurden entlassen — seien sehr besonnen.

Den ersten Fluchtversuch aus seiner Heimat hatte Marwan R. 2007 unternommen. 1500 Euro habe er einem Schleuser dafür bezahlt. Doch das erste Mal sei das Boot vor der libyschen Küste gesunken, er sei einer der wenigen gewesen, die sich retten konnten. 2008 dann gelang die Flucht nach Lampedusa. Sechs Jahre lang war er unterwegs, arbeitet zunächst illegal in Nizza, ging dann nach Belgien und kam schließlich nach Deutschland.

Und auch wenn seine Familie in der Heimat, die das Foto der Misshandlung gesehen haben, ihn gern wieder daheim hätten, Marwan R. will bleiben, hat inzwischen zumindest eine "Aufenthaltsgestattung". "Es bestätigt nur, dass er Asylsuchender ist, noch lange nicht, dass er bleiben darf. Doch Rahami hält es wie einen Schatz in den Händen", schreibt der "Stern".

(das)
Mehr von RP ONLINE