Sicherheits-Streifen: Bürger auf Patrouille in NRW-Städten

Sicherheits-Streifen: Bürger auf Patrouille in NRW-Städten

In immer mehr Großstädten verlassen sich die Anwohner nicht auf die Polizei. Sie organisieren selbst Streifen, um Kriminelle abzuschrecken. In Aachen etwa verzeichnet eine Initiative großen Zulauf. Die Behörden sind skeptisch.

Zivilcourage ist das Wort, das Wolfgang Ebel am liebsten hört, wenn es um die von ihm gegründete Initiative "Wir helfen Aachen" geht. Bundespräsident Joachim Gauck zum Beispiel habe öffentlich mehr Zivilcourage eingefordert, sagt er, und auch in der Aachener Ratssitzung sei davon die Rede gewesen. "Und das ist genau das, was wir tun", sagt der 57-Jährige. "Wir beweisen Zivilcourage." Ebel will dazu beitragen, die Aachener Innenstadt sicherer zu machen, indem er dort mit Gleichgesinnten durch die Straßen patrouilliert. Rund 50 aktive Mitglieder zählt die Gruppe mittlerweile; in Teams von drei bis sechs Personen ziehen die Männer an Wochenenden nachts durch die City - kritisch beäugt von der Polizei.

Wie in Aachen engagieren sich in etlichen anderen Städten Anwohner als Aufpasser - beispielsweise in Radevormwald und Harzheim bei Euskirchen. Auslöser war jeweils die hohe Zahl von Überfällen beziehungsweise Einbrüchen. In Aachen stieg die Zahl der Überfälle von 2012 auf 2013 um ein Viertel, dazu kam eine Serie von Raubüberfällen Anfang Oktober. Für Ebel, der eine Sicherheitsfirma betreibt, war das der Anstoß, selbst aktiv zu werden. Sein Antrieb, sagt er, sei persönliche Betroffenheit. "Wäre ich Zeuge eines Überfalls, würde ich eingreifen - genau wie ich mir selbst in so einer Situation Hilfe wünschen würde."

Derartiges Engagement verstößt zwar nicht gegen das Gesetz, stimmt die Polizei aber trotzdem skeptisch. "Es besteht die Gefahr, dass sich die Bürger selbst in Gefahr begeben oder über das Ziel hinausschießen", sagt Sandra Schmitz, Sprecherin der Aachener Polizei. "So etwas kann schnell eine Gewaltspirale auslösen." Ebel sieht diese Gefahr weniger. Zwar gebe es ein gewisses Risiko, sagt der Kampfsportler, die Bürgerstreife wolle aber durch Präsenz einschüchtern. "Wir tun nur das, was wir dürfen", erklärt er. So würden sie niemanden auffordern zu verschwinden, keinerlei Waffen tragen und in heiklen Situationen sofort die Polizei oder das Ordnungsamt informieren. Ebel: "Alles andere fällt ins Hoheitsrecht der Polizei."

Arnold Plickert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, sieht in den Bürgerstreifen ein fatales Signal. "Es zeigt, dass das Vertrauen in die Polizei gesunken ist", sagt Plickert. Das liege auch daran, dass der Staat seine Kernaufgaben nicht mehr ausreichend wahrnehmen könne. "Die Personaldecke ist mittlerweile leider zu dünn, um überall Präsenz zu zeigen." Bürgerstreifen würden das Problem jedoch nicht beseitigen. Im besten Fall würden Straftäter dadurch verdrängt - Ziel müsse es aber sein, sie zu fangen. Plickert: "Zudem sind die Mitglieder von Bürgerstreifen weder ausgebildet noch ausgestattet, um im Konfliktfall richtig zu reagieren."

Einen anderen Weg als die Aachener Initiative strebt daher der Arbeitskreis Sicherheit in Köln-Bocklemünd-Mengenich an. Gemischte Zweierteams aus Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund sollen, so der Vorschlag, dort Streifendienst versehen - allerdings unter der Fahne des Ordnungsamtes. "Wir wollen das Verantwortungsbewusstsein der Menschen vor Ort schärfen, aber nicht den umstrittenen Bürgerstreifen zugeschlagen werden", sagt Friedrich Weber, Sprecher des Arbeitskreises. Die Zweierteams sollen für Sicherheit, vor allem aber Sauberkeit sorgen. Von der Zusammensetzung der Gruppen erhofft sich Weber mehr Akzeptanz in den Vierteln. Interessenten gebe es genug. Weber hat den Ratsausschuss der Stadt Köln gebeten, sich auf Ratsebene mit dem Vorschlag zu befassen. Ob die Idee jemals umgesetzt wird, ist jedoch fraglich - zu groß ist die Ablehnung, die das Thema Bürgerstreife auf Behördenseite hervorruft.

Solche Probleme hat Wolfgang Ebel nicht. Seine Initiative ist bereits auf den Straßen Aachens unterwegs und kann sich über Zuspruch aus Reihen der Bürger kaum beklagen. Den Vorwurf, ein Sammelbecken für Extreme zu sein, weist Ebel allerdings von sich. "Das kann ich definitiv ausschließen", sagt er. "Unsere Mitglieder sind total normal und repräsentieren alle Bevölkerungsschichten." Zwei Personen habe er bereits weggeschickt, weil sie ihm nach einer Überprüfung dubios erschienen. Die Polizei bestätigt Ebels Angaben. "Er hat uns glaubhaft versichert, dass Rechtsextreme bei ihm keine Chance haben", sagt Polizeisprecherin Sandra Schmitz. Aber auch, wenn die engagierten Bürger mit den Behörden zusammenarbeiten wollen, bleibt Schmitz skeptisch: "Eine Bürgerstreife kann keine Lösung sein."

Möglicherweise erledigt sich das Thema zumindest in Aachen von selbst. An den Weihnachtstagen wolle man sich eher zurücknehmen, weil die Polizei verstärkt Präsenz zeige. Erst danach wird Aachen wieder geholfen. Vielleicht. "Das Schöne ist ja", sagt Ebel, "dass wir niemandem verpflichtet sind."

(RP)
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