Brexit, Liebe, Demokratie: Ein deutsch-britisches Ehepaar aus Kevelaer

Ehepaar Hawkins aus Kevelaer : Der Brite und das deutsche Mädchen

Vorurteile, Liebe und Demokratie: Das deutsch-britische Ehepaar Hawkins aus Kevelaer steht für die besonderen Beziehungen zwischen Briten und Nordrhein-Westfalen. Bald sind sie Thema einer Ausstellung im Landtag.

„Dieser Tommy hat doch unser Haus bombardiert.“ Mit blankem Entsetzen reagierte die Mutter von Cilly Grüterich auf den ihr unheimlichen neuen Freund der damals 23-Jährigen. „Aber Rodney hat doch im Zweiten Weltkrieg noch gar nicht gelebt“, verteidigte die junge Bankangestellte aus Twisteden, einem Ortsteil der Wallfahrtsstadt Kevelaer, ihre große Liebe. Das Fass zum Überlaufen brachte dann jedoch die Feststellung, dass der Offizier der Royal Air Force nicht einmal katholisch war.

Die „doppelte Mischehe“ der Hawkins hält indes bis heute und ist ein Beispiel für die vielfältigen deutsch-britischen Beziehungen, die ab Samstag, 4. Mai, in einer Ausstellung im Landtag in Düsseldorf beleuchtet werden. Das Bindestrich-Bundesland verdankt den Besatzern 1946 seine Entstehung und hat damit eine ganz besondere Beziehung zu Großbritannien, das auch beim Aufbau der deutschen Demokratie half. Dass diese Ausstellung ausgerechnet in die Zeit des scheinbar unendlichen Brexit-Chaos fällt, ist Zufall. Rod und Cilly Hawkins-Grüterich wollen dieses unerfreuliche Thema am liebsten gar nicht ansprechen, während sie stilvoll Tee mit Milch und leckere Scones anbieten, ein typisch englisches Gebäck, das mit Sahne und Marmelade gegessen wird.

Am Rande spielt der Brexit dann aber doch eine Rolle: Die Rente des heute 72-jährigen Ex-Berufssoldaten, der als Kampfflugzeug-Navigator auch im Golfkrieg und gegen Ex-Jugoslawien geflogen ist, wird nämlich in Pfund ausgezahlt. Sie hat dadurch gegenüber dem Euro zurzeit 20 Prozent an Wert verloren; zudem könnte die über Großbritannien abgerechnete Krankenversicherung durch einen EU-Austritt ungültig werden. So kämpft sich Rod Hawkins zurzeit tapfer durch die Bürokratie: Zur Sicherheit will er deutscher Staatsbürger werden. „Ein Aktenordner ist schon mit Schriftverkehr gefüllt.“

Das Ehepaar erzählt aber viel lieber von seiner großen Liebe: Cilly Grüterich arbeitete in der Sparkassen-Filiale auf dem britischen Fliegerhorst Laarbruch, wo der junge Offizier nach seiner Versetzung nach Laarbruch ein Konto eröffnen musste. Es war Liebe auf den ersten Blick. 1976 heirateten sie, die beiden erwachsenen Kinder leben in England. So sind die Hawkins oft auf der Insel. Während der Militärdienstzeit ihres Ehemanns hat Cilly Hawkins auch vorübergehend bei einer britischen Bank in der Grafschaft Norfolk gearbeitet und wurde mit umgekehrten Vorurteilen konfrontiert: Er wolle sich nicht von Nazis bedienen lassen, schimpfte ein älterer Kunde mit Blick auf ihr Namensschild. „Wer weiß, was dieser Mann im Krieg erlebt hat. Es blieb zum Glück ein Einzelfall.“

Das Ehepaar Hawkins im Wohnzimmer seines Hauses in Kevelaer. Foto: Helmut Michelis

„Großbritannien braucht keine Politikerschelte oder Belehrungen zum Brexit, sondern verlässliche Freundschaften in Europa. Der Landtag steht zur engen Partnerschaft“, sagt Landtagspräsident André Kuper. „In 70 Jahren sind aus Besatzern Freunde geworden. Unzählige Kommunen, Vereine, Schulen und Kirchen pflegen seit Jahrzehnten enge Kontakte nach Großbritannien.“ Durch den Brexit und den weitgehenden Abzug der britischen Truppen komme diesen Freundschaften ein anderes und größeres Gewicht zu. „Deswegen möchten wir mit der Ausstellung ein Zeichen setzen.“ Kuratorin Bettina Blum hat für die erste umfassende Präsentation zu diesem Thema etliche Schicksale wie das der Hawkins zusammengetragen.

Schließlich umfasste das britische Militär in Deutschland in Spitzenzeiten um die 300.000 Menschen, die vor allem in NRW wohnten und arbeiteten. Die Erinnerungsstücke und Geschichten stammen aus allen Regionen des Landes, vor allem aus Mönchengladbach, Düsseldorf, Wegberg, Münster, Paderborn und Bielefeld, aber auch aus London und aus britischen Kasernen sowie von den ehemaligen Flugplätzen der Royal Air Force in den Kreisen Heinsberg und Viersen.

„Mehr als 300 Briten und Deutsche, Militärangehörige und Zivilisten, haben mit ihren Objekten und ihrem Wissen die Ausstellung erst ermöglicht“, sagt die Historikerin der Universität Paderborn. „Der große Zuspruch, den das Projekt erfahren hat, zeigt auch, dass viele Deutsche und Briten Verbindungen zueinander und zum jeweils anderen Land haben, und dass es eine gemeinsame Geschichte ist, die gemeinsam geschrieben wird.“

Die Anfeindungen von einst seien längst Vergangenheit, meinen auch die Hawkins. Der Major a.D. fühlt sich am Niederrhein wohl, obwohl er die Gemütlichkeit britischer Pubs vermisst. „Rodney ist hier voll integriert, wird im Dorf aber immer noch ,der Engländer‘ genannt“, wundert sich seine Frau.

Die Erinnerung an den 1999 geschlossenen Militärflugplatz hält das Ehepaar mit einem ungewöhnlichen Hobby wach: Er ist stellvertretender Vorsitzender, sie Geschäftsführerin des RAF-Museums Weeze-Laarbruch, das zu einer Zeitreise durch Jahrzehnte britischer Luftwaffe am Niederrhein einlädt. Mit „Love is in the Air“ haben die Hawkins dort vor einigen Jahren mit Freunden eine besondere Wechselausstellung organisiert: über deutsch-britische Liebespaare – wie sie selbst.

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