Bottroper Apotheker muss wegen gepanschter Krebsmedikamente 12 Jahre in Haft

Hohe Haftstrafe für Bottroper Apotheker : Richter wirft Behörden Versagen bei Kontrollen vor

Der Bottroper Apotheker Peter S. muss zwölf Jahre ins Gefängnis. Die Richter erteilten ein lebenslanges Berufsverbot. Sie sind überzeugt, dass er gepanschte Medikamente an Krebspatienten verkauft hat. Die kommunalen Behörden hätten bei den Apothekenkontrollen versagt.

Wegen des massenhaften systematischen Panschens von Krebsmedikamenten ist der Bottroper Apotheker Peter S. vor dem Landgericht Essen zu zwölf Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Zudem erhält er ein Berufsverbot auf Lebenszeit, und aus seinem immensen Vermögen werden 17 Millionen Euro sichergestellt - um zumindest einen Teil des Schadens auszugleichen, den die Krankenkassen durch seine Taten erlitten hatten.

"Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz klingt nicht so anschaulich wie Körperverletzung oder gar Mord. Aber es ist ein scharfes Schwert, und hier ist es der Rettungsanker, der eine gerechte Bestrafung ermöglicht", erklärte der Vorsitzende Richter Johannes Hissing in seiner Urteilsbegründung. S. nahm das Urteil regungslos hin, die Nebenkläger reagierten erleichtert.

Im November 2016 war S. vor seiner Großapotheke mit 90 Mitarbeitern festgenommen worden, im November 2017 hatte der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Essen begonnen. Vor einer Wirtschaftsstrafkammer. "Wir können leider in keinem einzigen Fall gerichtsfest feststellen, dass jemand tatsächlich wegen der Unterdosierung verstorben ist oder weniger lange gelebt hat", erklärte Richter Hidding. "So bedauerlich das ist."

Versuchte Körperverletzung konnte dem Angeklagten am Ende aufgrund einer Formalie nicht nachgewiesen werden: Die bei der Razzia sichergestellten Medikamentenmischungen waren zwar nachweislich stark unterdosiert, S. hatte sie aber noch nicht offiziell zur Verwendung freigegeben.

Delikte gegen das Leben wie Mord oder Totschlag waren gar nicht erst nicht Teil der Anklage gewesen - und können es auch nicht mehr in einem weiteren Verfahren werden. Dafür müsste es schon einen komplett neuen Erkenntnisstand geben. Das gilt als ausgeschlossen. Allerdings drohen S. nun noch diverse Zivilklagen. Opfer könnten auf Schadenersatz oder Schmerzensgeld klagen. Mit rund 4000 Betroffenen rechnet deren Sprecherin Heike Benedetti, rund 200 davon seien im Laufe des Prozesses verstorben.

Auch Hans-Jürgen Fischer ist vor wenigen Tagen an seiner Krebserkrankung gestorben. Seinen Kampf um Gerechtigkeit für seine Frau hatte unsere Redaktion dokumentiert. Fischer hätte das Urteil gerne noch erlebt. „Aber er blickt von oben auf uns herab“, sagte Benedetti. Seit rund anderthalb Jahren spricht sie für die Geschädigten, die sich nicht selbst äußern können oder wollen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Verteidiger das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen wollen, aber nur in formaler Hinsicht, also im Rahmen einer Revision. Richter Hidding betonte, dass man in jedem noch so kleinen Zweifelsfall für den Angeklagten entschieden habe, um das Urteil praktisch unanfechtbar zu machen.

Behörden haben bei der Apothekenkontrolle versagt

Hidding warf S. vor, aus Habgier gehandelt zu haben. Luxusgüter hätten für ihn „eine immens große Rolle gespielt“; er habe sich an seinem Status als „Gönner und Mäzen“ gelabt. Zum Schluss wartete der Richter mit zwei Überraschungen auf. Er übte deutliche Kritik an den Kontrollbehörden: „Die Geschichte dieses Kriminalfalls leider auch eine Geschichte des Behördenversagens.“ Bei der „eigentlich banalen Aufgabe effektiver Apothekenkontrollen“ hätten alle Zuständigen in Land, Bezirk und Stadt versagt. Bitter fügte er hinzu: „Die Verantwortung ist so aufgeteilt, dass sie am Ende niemand trägt.“

Dann wandte sich der Richter unmittelbar an S.: „Sie haben geschwiegen, an jedem dieser 44 Prozesstage. Das war Ihr gutes Recht, es hat sich auch nicht strafverschärfend ausgewirkt. Aber Sie sind auch Apotheker. Die Menschen wollten die Wahrheit hören, von Ihnen, sie wollten keine Prozesstaktik, keine Spiegelfechtereien.“

Opfer-Sprecherin Benedetti ist mit dem Urteil zufrieden. Sie nennt es ein "schönes Geschenk" für S., der am Tag des Urteils sein 48. Lebensjahr vollendet. "Wir gehen damit jetzt so nach Hause. Müssen wir ja.“ Gerechtigkeit könne es in diesem Fall aber nicht geben. „Erstmal ist er jetzt weg vom Fenster, und das ist gut so. Es hat sich absolut gelohnt zu kämpfen. Wir waren eine super Truppe, und wir werden weitermachen."

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