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Bottrop: Hat der Apotheker Peter S. Krebsinfusionen verdünnt?

Bottrop : Hat Apotheker Krebsinfusionen verdünnt?

Die Staatsanwaltschaft Essen wirft dem Bottroper Peter S. vor, in mindestens 40.000 Fällen in betrügerischer Absicht zu gering dosierte Medikamente für Krebspatienten gemischt zu haben. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

Es gibt kaum einen Menschen in Bottrop, der den Apotheker Peter S. (46) nicht kennt. Er organisierte Spendenläufe, engagierte sich in der Hospiz- und Flüchtlingsarbeit, unterstützte seine Heimatstadt mit großzügigen Summen. Und jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Essen wirft dem Apotheker vor, in betrügerischer Absicht massenhaft Krebsmedikamente verdünnt zu haben. "Ihm wird zu Last gelegt, seit 2012 in mindestens 40.000 Fällen bei der Dosierung der Wirkstoffe gespart und die Krankenkassen damit um 2,5 Millionen Euro betrogen zu haben", sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk.

Welcher gesundheitliche Schaden den krebserkrankten Patienten entstanden sein könnte, ist noch ungewiss. Fraglich ist zum Beispiel, welche Substanz genau von dem Apotheker hergestellt wurde. "Angesichts der Gewinnsumme von 2,5 Millionen Euro lässt sich vermuten, dass es sich um Medikamente mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren handelt", sagt Jürgen Krauss, Leiter der klinischen Immuntherapie am Deutschen Krebsforschungszentrum. Die noch neue Therapie wird bislang nur Patienten verordnet, die mit anderen Verfahren keine Heilung mehr zu erwarten haben. "In diesem Fall beraubt man den Patienten um seine Chance auf ein längeres Überleben", sagt Krauss. Bei einer zu niedrigen Dosierung wirke das Medikament nicht adäquat. Angemischt wird es für jeden Patienten individuell, je nach Größe und Gewicht. Diese sonst unheilbaren Patienten "zu enttäuschen, ist moralisch und ethisch einfach kriminell", sagt Krauss. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens rät verunsicherten Patienten, sich an ihre behandelnden Ärzte zu wenden.

Laut Krauss hat die Verfälschung des Medikaments zudem Auswirkung auf die Daten, die derzeit intensiv gesammelt werden. "Die Therapie ist noch sehr neu und kommt in immer mehr Arztpraxen zur Anwendung , da es Hinweise gibt, dass sie die Chemotherapie ersetzen kann", erklärt er. Ein verdünntes Medikament jedoch könne dazu führen, dass Ärzte die Wirkung für zu gering erachten.

Ungewiss ist noch, wie viele Praxen und Kliniken falsch dosierte Medikamente erhalten haben könnten. Laut eigenen Angaben beliefert die Apotheke das Ruhrgebiet, Düsseldorf und den Niederrhein. Werner Heuking, Sprecher des Apothekerverbandes Niederrhein, erklärt: Juristisch gesehen könnte jeder Apotheker das Mittel herstellen. "Praktisch können es aber nur wenige. Denn für die Herstellung von Krebsmedikamenten wird ein spezielles Labor benötigt." Peter S. hatte seine Apotheke dafür mit einem Reinraum ausstatten lassen. Damals sagte er, er hätte vor der Herstellung Respekt, wie die Online-Plattform "Der Westen" berichtet. "Das ist man dem Patienten schuldig. Schließlich könnten Fehler bei der Dosierung fatale Folgen haben", ergänzte der Apotheker.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangt entsprechend Untersuchungen wegen des Verdachts der Körperverletzung und Körperletzung mit Todesfolge. Oberstaatsanwältin Milk untermauert, nicht außer Acht zu lassen, "dass eine ganze Reihe von Menschen nicht angemessen behandelt wurde". Es müsse nachgewiesen werden, ob ein Patient Schaden genommen habe. "Wir befassen uns aber im ersten Schritt mit dem Betrug."

Demnach soll Peter S. den Kostenträgern die volle Menge an Arzneimitteln abgerechnet, doch nur einen Teil davon tatsächlich eingekauft und abgegeben haben. Peter S. drohen bis zu 15 Jahre Haft wegen gewerblichen Abrechnungsbetrugs und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Ermittlungen stehen jedoch noch am Anfang. Um Beweismittel zu sichern, hat die Staatsanwaltschaft mit der Kreispolizeibehörde Recklinghausen und einer Amtsapothekerin die Arbeits- und Privaträume des Beschuldigten durchsucht. Peter S. hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert. Er sitzt in Untersuchungshaft, weil aufgrund seines Vermögens Fluchtgefahr besteht.

(RP)